Berlin - Der BR Volleys-Fan in orangefarbiger Trainingsjacke stand an der aufgeklebten Wartelinie vor Testkabine elf. „Frohes neues Jahr“, rief ihm ein anderer zu, der gerade das Stäbchen für den Abstrich in der Nase gespürt hatte und nun auf dem Weg zum Ausgang des mobilen Corona-Testzentrums in der Max-Schmeling-Halle war. „Ja, dir auch, allet Jute“, antwortet der Orangejackige. Es ist der 24. März. „Na, wir haben uns ja alle fünf Monate nicht gesehen“, erläuterte seine Begleiterin Heike. Sie waren aus Pankow mit dem Auto zur Halle gekommen. Und mit „alle“ meinte Heike die BR Volleys-Anhänger, speziell die vom Fanclub 7. Mann.

800 Zuschauer dürfen in den Volleyballtempel

Vor fünf Monaten spielten die Berliner Volleyballer ihr erstes Heimspiel der Saison gegen Düren, damals, am 17. Oktober 2020, waren zum letzten Mal Zuschauer in der Halle zugelassen, die der Klub als Volleyballtempel gebrandet hat. 800 waren es damals. Jetzt ist die Spielzeit in ihre entscheidende Phase vorgerückt. Playoff-Halbfinale, Spiel zwei. 800 Zuschauer dürfen diesmal wieder in den Volleyballtempel, alle vorher nebenan getestet, alle mit Maske. Es ist ein Pilotprojekt. Deutschlandweit findet erstmals wieder Profisport in der Halle mit Publikum statt. Wieder ist Düren der Gegner. 

Spiel eins dieser Best-of-three-Serie verloren die Berliner auswärts. Es geht um etwas für den deutschen Meister. Auf dem Feld. Und auch sonst. „Wir sind nicht nur hier, weil wir ein Spiel sehen können, sondern weil es ein Schritt in die Normalität ist. Gerade jetzt. Nach den deprimierenden Nachrichten gestern“, sagt Heike vom 7. Mann. Sie meint den neuen Lockdown: „Der Test mit Zuschauern ist mutig, aber richtig. Es wundert mich nicht, dass Kaweh Niroomand hier an vorderster Front ist. Er ist ein Visionär.“

Niroomand steht in der Halle, wo er immer steht: im Gang, der zu den Kabinen führt, die Arme verschränkt. Der Manager der BR Volleys hat viel investiert in dieses Projekt: Geld, Zeit, Nerven, Erklärungen, Rechtfertigungen. Er hat viel riskiert. Und viel Kritik eingesteckt, weil bei steigenden Infektionszahlen anderswo überall Türen zugehen statt auf. „Ich betrachte das Spiel heute nicht als sportliches Event an sich. Es ist ein Politikum“, sagt Günter Trotz. Er ist 78, frisch geimpft, einer der ältesten BR Volleys-Fans und hat ebenfalls seine orangefarbige Fanjacke angezogen. „Wenn alles gutgeht, hat das eine Signalwirkung auch für andere große Veranstaltungen. Deswegen halte ich es für äußerst wichtig und hoffe, dass das auch Nicht-Sportfans verstehen.“

Eder Carbonera jubelt emotional wie die ganze Saison nicht

Auf den Rängen sitzen die Zuschauer höchstens zu Zweit nebeneinander, zwischen ihnen Pappfiguren. Zum ersten Mal seit fünf Monaten läuft die Mannschaft wieder zwischen Feuerfontänen ein. Zum ersten Mal schlagen Menschen im Spiel wieder mit Klatschpappen auf ihre nackten Hände. Als Eder Carbonera im ersten Satz den Ball zum 16:15 ins Dürener Feld blockt, jubelt er so emotional wie die ganze Spielzeit noch nicht. 

Die Berliner halten dem Aufschlagdruck der Dürener und den Schmetterbällen von Sebastian Gevert deutlich besser Stand als im ersten Halbfinalspiel. Der Block steht stabil. Die Abwehr auch. Benjamin Patch katapultiert gleich in Satz eins zwei Asse ins Dürener Feld. 29 Punkte stehen am Ende für ihn in der Statistik. Ihm sieht man, wie eigentlich allen auf dem Feld, die Freude an, wieder vor Publikum zu spielen. „Wir haben schon davon profitiert, jeder war zehn, zwanzig Prozent besser“, sagt Mittelblocker Anton Brehme. „Wir haben durchweg alle gut aufgeschlagen und viel variabler gespielt als im ersten Halbfinale.“ 3:1 (25:22, 25:20, 24:26, 29:27) gewinnen die Berliner schließlich. Wer ins Finale einzieht, entscheidet sich am Samstag in Düren.

Niroomand sagt, als er eine Stunde vor Spielbeginn durch das Testcenter gelaufen sei und gesehen habe, „wie entspannt alles läuft“, habe er gewusst, dass das Zuschauer-Projekt richtig war: „Ich habe keinen meckern hören.“ In der Halle hätten sich dann auch Dürens Spieler gefreut, nicht mehr in die stille Leere hinein zu spielen, sondern wieder Stimmen, Applaus zu hören. Niroomand sagt: „Das tat heute allen gut. “