Entscheidung im Elfmeterschießen: Kroatien zerstört Brasiliens WM-Traum

Brasilien geht durch Neymar in der Verlängerung in Führung, doch Bruno Petkovic glückt der späte Ausgleich. Dann schlägt wieder Elfmeterkiller Livakovic zu.

Die Kroaten jagen ihrem Torhüter Dominik Livakovic hinterher, Fehlschütze Marquinhos (l.) ist verzweifelt.
Die Kroaten jagen ihrem Torhüter Dominik Livakovic hinterher, Fehlschütze Marquinhos (l.) ist verzweifelt.imago/Shutterstock

Elfmeterschießen bringen Helden und traurige Gestalten hervor. Beim WM-Viertelfinale am Freitagnachmittag zwischen Brasilien und Kroatien waren die Rollen dabei wie folgt verteilt. Der umjubelte Held hieß Dominik Livakovic, der schon im Shootout des Achtelfinals gegen Japan drei Versuche abgewehrt hatte und auch dieses Mal seine Qualitäten als Elfmeterkiller unter Beweis stellen konnte. Man könnte aber natürlich auch alle Kroaten an dieser Stelle als Helden auszeichnen: Modric, Brosovic, Perisic, Lovren, Sosa und so fort. Als traurige Gestalten gehen hingegen Rodrygo, der als erster Schütze der Brasilianer an Livakovic scheiterte, und Marquinhos, der als vierter Schütze nur den Pfosten traf, in die Geschichte des Spiels ein. Der Fußball als Lotterie und Schicksalsmaschine. Endstand: 4:2 i. E. für Kroatien.

Dominik Livakovic wehrt Rodrygos Elfmeter ab.
Dominik Livakovic wehrt Rodrygos Elfmeter ab.AP/Josek

In der Verlängerung hatte es zwischenzeitlich nach einem vorzeitigen Sieg für die Brasilianer ausgesehen, weil Neymar in der 105. Spielminute einen genialen Moment hatte. Dabei setzte der 30-Jährige aus zentraler Position zu einer Offensivaktion an. Er passte auf Rodrygo, von dem er postwendend den Ball zurückbekam. Mit Paqueta, der an der Sechzehnerlinie bereitstand, spielte er einen weiteren Doppelpass, blieb stabil, umkurvte den in dieser Szene etwas zu zögerlichen Livakovic und vollendete aus vier Metern mit einem Schuss unter die Querlatte.

Erfahrung besiegt Esprit

Das muss doch der Siegtreffer sein, dachten viele, doch die Kroaten kamen zurück, nutzten in Gestalt von Bruno Petkovic in der 117. Minute die Chance zum Ausgleich. Der Rest war ganz großes Drama.

Der Traum der Brasilianer vom Gewinn des sechsten WM-Titels ist also ausgeträumt. Dagegen dürfen die Kroaten nach der von ihnen im Education City Stadium erzwungenen Überraschung weiter auf den ganz großen Coup hoffen. Nach ihrem Erfolg haben sie jedenfalls schon mal das Halbfinale erreicht, während sich die favorisierten Südamerikaner zur Heimreise gezwungen sehen. Es ist ein Triumph der Erfahrung über den Esprit, ein Triumph der Wettkämpfer über die Artisten.

Dani Alves tröstet den weinenden Neymar.
Dani Alves tröstet den weinenden Neymar.AFP/Samad

Aufs Allerherzlichste hatten sie sich wenige Minuten vor der Partie, wie bei der Fernsehübertragung zu sehen war, im Kabinengang begrüßt: Casemiro und Luka Modric, die seit gemeinsamen Tagen bei Real Madrid eine innige Freundschaft verbindet, die mit den Königlichen fünfmal die Champions League gewinnen konnten. Nun aber standen sie sich als direkte Gegenspieler gegenüber - und nicht wenige mutmaßten, dass es von entscheidender Bedeutung sein könnte, wer sich beim „Duell der Kumpel“ Vorteile verschafft. 

In der 15. Minute war es jedenfalls so, dass Modric beim Spielaufbau der Brasilianer Casemiro gleich mal im Zentrum den Ball stibitzte, sich schleunigst in Position brachte, um eine Flanke vors Tor zu schlagen. Machte er auch, war dabei aber nicht präzise genug. Und doch verstärkte die Szene den guten Eindruck, den die Kroaten bis dahin erweckt hatten. Hellwach waren sie, und so keck, die Südamerikaner früh zu attackieren. 

Viele Fragezeichen bei der Seleção

Die Elf von Trainer Adenor Leonardo Bacchi, kurz Tite, wusste dann auch tatsächlich nicht so recht, wie sie mit der unerwarteten Impertinenz umgehen sollte. Nur Vinicius Junior brachte in der 20. Minute mal so etwas wie einen brasilianischen Moment ein, war nach einem kurzen Antritt und einem Doppelpass mit Richarlison beim Abschluss aber nicht entschlossen genug. Ansonsten waren da viele Fragezeichen bei der Seleção. Wie bringen wir unser Spiel ins Rollen? Wie bringen wir die Kroaten in Bewegung, sodass unsere Offensive Räume bekommt? Und so fort.

Linksverteidiger Danilo schob sich bei Ballbesitz immer wieder ins zentrale Mittelfeld, um dort für Überzahl zu sorgen. Das brachte nichts. Neymar wollte mit kurzen Dribblings das Gefüge des Gegners destabilisieren. Ohne Erfolg. Richarlison versuchte sich am Forechecking. Aber das war nicht wirklich gut abgestimmt. So wurde aus dem Spiel der Freude ein Spiel der Taktik, leider auch ein Spiel der zahlreichen Unterbrechungen. Von Zauber keine Spur. 

Livakovic ärgert Brasilien mit seinem rechten Fuß

45 Minuten lang musste Livakovic, was ganz in seinem Sinne gewesen sein dürfte, also nur ein paar schnöde Fangübungen verrichten, ein paar Rückpässe verarbeiten. Mehr war da nicht, was sich zu Beginn der zweiten Hälfte aber schlagartig verändern sollte.

In der 47. Minute lenkte Innenverteidiger Josko Gvardiol eine Hereingabe von Éder Gabriel Militão Richtung eigenes Tor, Livakovic parierte gedankenschnell mit dem rechten Fuß, den er auch acht Minuten später bei einem Schuss von Neymar aus Nahdistanz geschickt zum Einsatz brachte. In der 66. Minute ließ er bei Paquetas Versuch die rechte Hand hochschnellen, in der 75. Minute war er im Eins-gegen-Eins erneut gegen Neymar zur Stelle. Der 27-Jährige von Dinamo Zagreb war inzwischen jedenfalls das, was man einen Rückhalt nennt. 

Bruno Petkovic (Rückennummer 16) trifft in der 117. Minute zum 1:1-Ausgleich.
Bruno Petkovic (Rückennummer 16) trifft in der 117. Minute zum 1:1-Ausgleich.imago/Zemanek

Tite hatte zu diesem Zeitpunkt schon zweimal gewechselt, Anthony für Raphinha sowie Rodrygo für Vinicius Junior ins Spiel gebracht, in der Hoffnung, dass er mit der Auffrischung der Flügel das Spieltempo seiner Mannschaft erhöhen kann, dass seine Mannschaft dank seiner Einflussnahme schließlich nicht in eine Verlängerung muss. Musste sie aber, sogar noch ins Elfmeterschießen, weil sie den Kroaten nach Neymars Treffer doch noch eine Chance zum Ausgleichstreffer gewährten.