Aus dem Mund von Samuel Tuia sprudelte ins Meer aus Applaus, Jubel und wummernder Musik begeistert ein Wort, das nur zu erahnen war: „Shoot.“ Er hatte in der Schmelinghalle mit einem satten Schmetterschlag in Satz zwei das 21:16 gegen den VfB Friedrichshafen erzielt. Tuias Augen waren weit aufgerissen, unheimlich weit. Mit seinen Armen imitierte der Berliner Außenangreifer das Gerufene, einen Gewehrschuss. Er zeigte an: Tuia zieht durch. Tuia trifft. Tuia läuft heiß. Tuia reißt mit.

Das Finale um die deutsche Volleyball-Meisterschaft steuert am Sonntag (14.30 Uhr, www.sport1.de) beim Stand von 2:2 auf eine Entscheidung zu. Und gerade jetzt, wo sich Titelverteidiger Berlin und Rekordmeister Friedrichshafen beim alljährlichen Klassiker auf höchstem Niveau begegnen, wo beinahe jeder auf der einen Netzseite beinahe alles über den Gegner auf der anderen Netzseite weiß, entscheiden: Wille, Mentalität, Emotionalität, Aggressivität.

Energiebündel voller Emotionen

Das ist Tuias Metier. „Er spielt als Energiegeber eine große Rolle“, sagt Mittelblocker Georg Klein. „Er ist ein Energiebündel voller Emotionen und bringt die meist auch als Erster ins Team hinein“, meint Manager Kaweh Niroomand. Tuia reißt dann seine großen, dunklen Augen auf, zeigt auf den Kollegen, der gepunktet hat, pusht Mitspieler und sich selbst. „Ich finde es total genial, mit solchen Leuten auf dem Spielfeld zu stehen, das bringt noch mehr Spaß“, sagt Klein.

Samuel Tuia, 32, aus Mata Utu auf der Pazifikinsel Wallis und Futuna sagt, sein Temperament habe er von daheim. Von diesem 12 000-Einwohner-Eiland zwischen Fidschi und Samoa, wo das Leben so anders ist als in Europa. Wo sie Haka tanzen, wenn es ernst wird. Wo sich alles um die Familie dreht, um das Wasser, die Fischerei, Kokosnüsse, Kunsthandwerk und die Nachbarn, von denen sich alle auf der Insel kennen. „Frieden und Liebe“, nennt Tuia als Synonyme für dieses Leben im französischen Überseegebiet Polynesien, in dem er als Speerwerfer einem französischen Talente-Scout auffiel, der ihn fragte, ob er nicht aufs Festland an eine Volleyball-Sportschule kommen wolle.

Allein in Rennes

Tuia war 16 damals. Er entschied sich für ein neues Leben. Mit „Frieden und Liebe“ war es in Rennes so abrupt vorbei wie mit der Umsorgung durch den Familienverbund. Tuia war allein. Er wusste nicht, was er mit dieser Eile anfangen sollte, die überall herrschte. Mit dieser Leistungsgesellschaft, dem Erfolgsdruck in Beruf und Sport. Aber er lernte, sich in der neuen Welt durchzusetzen, nahm deren Attribute an, arbeitete hart, um die Leute daheim nicht zu enttäuschen. „Wenn man mit Samuel in den Kampf ziehen will, kann man das immer tun. Er gibt nie auf“, sagt Berlins Trainer Cedric Enard. Tuia nickt. „Ich bin ein Kämpfer. Aber ich weiß, dass man zum Kämpfen Gefährten braucht, deshalb hole ich alle aus dem Team zusammen und versuche, ihnen ein positives Gefühl zu geben.“ Das Gefühl von Wallis und Futuna.

In Berlin gehört der Mann mit dem Maori-Tattoos, der 2009 mit Frankreichs Nationalteam EM-Zweiter wurde, zu den erfahrenen Spielern. Seine Stationen in Frankreich, Polen, wo er 2014 mit Belchatów Meister wurde, in Russland und der Türkei haben ihn auch zu einem der teuersten Spieler im Kader gemacht. Es dauerte, bis er seinen Platz im Team fand. „Seit Wochen bin ich mit Tuia zufrieden“, sagt Manager Niroomand inzwischen, „er hat sich in der Annahme stabilisiert, manchmal würde ich mir wünschen, dass er im Angriff noch konstanter wäre und öfter die cleveren Lösungen wählt.“

Haka in Sibirien

Seit den Play-offs hat sich Tuia zum Leistungsträger entwickelt, zum Mentalitätsmonster. Er gehört zur Stammsechs, die Niroomand kommende Saison – bis auf Libero Nicolas Rossard – zusammenhalten wird. Die Mitspieler mögen den Angreifer. Moritz Reichert antwortete auf die Frage, was er auf eine einsame Insel mitnehmen würde: „Samuel Tuia, er kennt sich ja damit aus.“ Der Berliner Björn Andrae, der mit Tuia bei Kusbass Kemerowo gespielt hatte und seinem Kumpel mit Düren im Viertelfinale gegenüberstand, erinnerte sich daran, wie er damals mit Tuia in einer sibirischen Karaoke-Bar einen Haka aufgeführt hatte – der ein oder andere Wodka war da wohl getrunken. „Samu ist sowas wie die Seele eines jeden Teams“, sagt Andrae.

Tuia selbst hat festgestellt: „Was sich unser Manager am Anfang der Saison in Berlin erwartet hat, kommt jetzt endlich heraus.“ Im letzten Spiel der Saison wird er versuchen, der Mannschaft auch auswärts in der fremden Halle ein vertrautes Gefühl zu geben. „Ich hatte gehofft, wir beenden die Saison in Berlin und ich könnte einen Haka aufführen“, sagt Tuia. Wenn es am Sonntag bei den BR Volleys tatsächlich mit der Titelverteidigung klappt, fände sich sicher eine Gelegenheit für ihn, den Tanz irgendwo am Bodensee aufzuführen.