Am Ende dreht der Neue das Frage-Antwort-Spiel um. Christoph Schösswendter interviewt die Journalisten, die gekommen sind, um den neuen Verteidiger des 1. FC Union kennenzulernen. Wo er die besten Informationen über die Zweite Liga lesen könne, will er wissen. Das ist kein fieser Trick, um Zwietracht zwischen den konkurrierenden Medienvertretern zu sähen.

Für den 29-Jährigen ist es einfach nur logisch, die Informationsproduzenten nach ihrer besten Quelle zu fragen. Denn Schösswendter will alles wissen, über die Liga, in der er fortan Fußball spielen wird. Und zwar so schnell wie möglich. Viel Zeit zur Vorbereitung hatte er ja nicht, dafür umso größere Ansprüche an sich selbst.

Letztlich ging ja alles rasend schnell. Vor einer Woche, am Montag besuchte Helmut Schulte den Innenvereidiger bei Rapid Wien. Ein Tornado fegte über den österreichischen Hauptstadtflughafen und zwang danach den Union-Manager zur Mietwagenodyssee zurück nach Bad Kleinkirchheim, wo Union zu der Zeit logierte.

"Ich bin ein sensibler und feinfühliger Spieler"

Aber der Unbill zahlte sich aus. Am Donnerstag kam der Transfer dann ins Rollen, ein Telefonat mit Jens Keller überzeugte den torgefährlichen Verteidiger vollends. „Ich habe von Anfang an ein super Gefühl gehabt und die Wertschätzung gespürt“, sagt Schösswendter. „Ich brauche das.“

Eigentlich hätte der Österreicher, auf den in der vorigen Saison sogar Nationaltrainer Marcel Koller aufmerksam wurde, noch zwei weitere Jahre in Wien spielen können. Aber nachdem Rapid-Coach Mike Büskens im November 2016 gefeuert wurde, fehlte ihm die Wertschätzung, die er braucht.

„Ich bin ein sensibler und feinfühliger Spieler. Wenn ich das Vertrauen spüre, kann ich viel bessere Leistungen bringen“, sagt er. Und weil er noch dazu kein Typ ist, der einen gut dotierten Vertrag auf der Tribüne aussitzt, war er froh, als Schulte anklopfte.

Union spielt wie Rapid

Bei Rapid drohte im trotz der tollen Hinserie vor einem Jahr nun die Bank, weil der 19-jährige Maximilian Wöber zum Star aufgebaut werden soll. Für Union will er jetzt groß auftrumpfen: „Ich bringe etwas mit, was der Mannschaft noch ein bisschen fehlt“, sagt er selbstbewusst.

Elf Treffer in 46 österreichischen Erstligaspielen und ein weiterer im Pokal gelangen ihm in den letzten zwei Saisons. Neun davon wuchtete er dank seiner Körpergröße von 1,94 Meter ins gegnerische Gehäuse.

Zum Vergleich: Toni Leistner traf im selben Zeitraum zweimal in 56 Spielen, Marc Torrejón einmal in 32 Partien. „Wenn das Spiel auf Messers Schneide steht, ist es sicherlich von Vorteil, wenn man noch eine zusätzliche Waffe hat“, ist Schösswendter überzeugt. Die vielen engen Spiele in Liga zwei dienen ihm als Beleg. Mit seiner offensiven Kopfballstärke kann er bei Standards Verteidiger von Sebastian Polter und Damir Kreilach fortlocken.

Als Reservist hat Schösswendter nicht angeheuert

Obwohl die neuen Kollegen einen Monat Trainingsvorsprung haben, glaubt er nicht, dass er langanhaltende Anpassungsschwierigkeiten haben wird. „Rapid hat eine ähnliche Spielanlage“, sagt er, „dominant auftreten mit viel Ballbesitz und hohem Pressing.“

Als Reservist hat Schösswendter in Köpenick jedenfalls nicht angeheuert. „Mein Ziel ist es, in die Startelf zu rücken“, kündigt er an. „Aber ich werde nicht ungeduldig, wenn das in den ersten drei Wochen nicht klappt. Es ist sehr hohe Qualität vorhanden, Toni ist eine richtige Maschine und Marc hat Bundesliga gespielt.“

Dabei steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Union nun dank des ablösefreien Kopfballspielers von der Abwehrmaschine Leistner trennen könnte, um eine Millionenzahlung aus England einzustreichen. Schösswendter käme das nicht ungelegen. Er kann zwar auch den linken Innenverteidiger mimen. Am wohlsten fühlt er sich aber auf halbrechts, wo eigentlich Leistner gesetzt ist. Und Wohlgefühl, das ist nach dem ersten Gespräch klar, ist für den Neuen das Wichtigste.