Hört er die Signale? Trainer Sebastian Abt von Energie Cottbus erwartet ein Zweikampf mit der VSG Altglienicke an der Spitze der Regionalliga Nordost. 
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BerlinPer Twitter zeigten sich die Fußballer von Dynamo Dresden solidarisch: „Ein trauriger Tag für den Ostfußball“, schrieb der Tabellenletzte der Zweiten Liga an die Kollegen von Rot-Weiß Erfurt, die am Mittwoch erfuhren, dass ihr insolventer Klub den Spielbetrieb einstellen muss und ihre Regionalliga-Mannschaft keine Zukunft mehr im Profifußball hat. „Wir erinnern uns nicht nur gern an umkämpfte Partien und eine leckere Thüringer im Erfurter Steigerwaldstadion“, schrieben die Kollegen aus Dresden. Und: „Wir drücken beim Neuanfang schon jetzt die Daumen! @ROTWEISSERFURT #sgd1953.“

Der Neuanfang soll in der Oberliga stattfinden. Manche Spieler hatten Tränen in den Augen, als sie ihre Spinde in der Kabine ausräumten. Bis zum Ende der Transferperiode an diesem Freitag um 18 Uhr werden nicht alle Fußballer einen neuen Arbeitgeber gefunden haben.

Auch Lok Leipzig ist betroffen vom Aus der Erfurter, direkt sogar. Da alle bisherigen Regionalliga-Partien von Rot-Weiß annuliert werden, verliert Lok vier Zähler und rutscht in der Tabelle hinter Energie Cottbus und die VSG Altglienicke auf Rang drei. Während auch Cottbus drei Punkte verliert, kommt Altglienicke nur einer abhanden. Die Mannschaft ist plötzlich wieder einen Punkt an Spitzenreiter Cottbus dran.

Karsten Heine will nichts hergeben

Was die Tabellenspitze angeht, unterscheiden sich die Kampfansagen auch nach dieser kleinen Rochade nur in Nuancen. „Wir wollen ganz oben bleiben und werden alles dafür tun“, sagt Sebastian Abt, 37, der neue Cheftrainer von Energie. Abt übernahm Anfang Januar die Verantwortung beim früheren Bundesligisten, nachdem Claus-Dieter Wollitz den Verein verlassen hatte.

Unterdessen gab Thomas Löwe, der Präsident des 1. FC Lok, bekannt, dass der erfolgreiche DDR-Oberligist erstmals einen Lizenzantrag für die Dritte Liga stellen wird. Das muss bis zum 1. März beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) geschehen. Cheftrainer Wolfgang Wolf, 62, kündigte an: „Meine Mannschaft wird immer bis zur letzten Minute kämpfen.“

Bleibt noch die Überraschungsmannschaft der Hinrunde, die VSG Altglienicke. Das Team von Cheftrainer Karsten Heine, 64, feierte im Dezember die Herbstmeisterschaft, kassierte dann aber ein deftiges 0:3 im Jahnsportpark gegen Cottbus. Heine sagt nun: „Wir werden versuchen, vorne dran zu bleiben. Freiwillig geben wir nichts her.“ Er und sein Assistent Torsten Mattuschka waren acht Tage mit der Mannschaft im Trainingslager nahe Malaga. Dabei wurde der rumänische Erstligist Gaz Metan Median mit 2:0 bezwungen. Außerdem hat sich der Klub mit Offensivspieler Patrick Breitkreuz, 28, von den Würzburger Kickers verstärkt, der eigentlich aus der Hertha-Jugend stammt.

Energie Cottbus, im Mai 2019 unglücklich aus der Dritten Liga abgestiegen, gilt nach einem rasanten Zwischenspurt in der aktuellen Saison als Favorit für den Staffelsieg. Allerdings muss der Meister aus dem Nordosten danach in der Relegation gegen den Champion aus der Weststaffel antreten. Dort führt im Moment die SV Rödinghausen vor Rot-Weiß Essen die Tabelle an.

Nach schwachem Start hat sich die Truppe gut gefunden.

Sebastian Abt

Mit der Favoritenrolle, behauptet Sebastian Abt, der neue Chef von Energie, könne er gut leben. „Mein Vorgänger Pele Wollitz musste mit einer neu formierten Mannschaft in die Regionalliga gehen. Nach schwachem Start hat sich die Truppe gut gefunden.“ Das ist noch untertrieben, denn die Entwicklung war beeindruckend. Nach Niederlagen gegen Hertha II (2:5), bei Lok Leipzig (2:3) und gegen Auerbach (1:4) sah manch einer Cottbus schon im Mittelmaß versinken. Doch es folgte eine Serie von 12 Spielen mit elf Siegen und einem Remis bei einem Torverhältnis von 30:10. Die Tabellenspitze war der Lohn.

Dennoch warf Trainer Wollitz hin und heuerte drei Tage nach seiner Demission beim Drittligisten 1. FC Magdeburg an. Es soll schon lange bei Energie gebrodelt haben. „Ich stelle mich immer vor die Mannschaft. Aber wer stellt sich vor mich?“, hatte Wollitz im Dezember gefragt, als es um seine Vertragsverlängerung ging. „Ich muss meinen Kopf immer hinhalten und werde von einigen Personen immer für den Abstieg aus der Dritten Liga verantwortlich gemacht.“ Sein Abschied erfolgte kurz und schmerzlos, was einige Veränderungen hervorrief: Cottbus-Urgestein Sebastian Abt, der seit seinem sechsten Lebensjahr bei Energie ist, stieg vom A-Junioren-Trainer zum Chef der Männer auf. Sebastian König wurde Sportchef und Matthias Auth neuer Präsident.

Auth sagt: „Wir stehen uneingeschränkt für die Beibehaltung des Profifußballs in Cottbus und arbeiten weiter an der Entwicklung unserer professionellen Strukturen.“ Das gefällt Cheftrainer Abt, der mit der Gefühlswelt der Cottbuser vertraut ist: „Früher kannte etwa im Westen kaum einer Cottbus. Als wir mit Eduard Geyer in der Bundesliga waren und für Überraschungen sorgten, änderte sich das und viele sprachen voller Hochachtung von Cottbus und unserem Klub. Das tat dem Selbstwertgefühl vieler Leute in Cottbus und der Lausitz gut. Viele sehnen sich wieder danach.“

Abt kann an entscheidender Stelle etwas dafür tun. Er seine Mannschaft. Sie sei spielstark, der Zusammenhalt groß. Mit dem erfahrenen Keeper Jan Glinker gelang eine wichtige Verpflichtung. Der ehemalige Torhüter des 1. FC Union Berlin war zuletzt beim insolventen Wacker Nordhausen unter Vertrag.

Energie Cottbus muss warten

In einem Testspiel schlug Energie die Verfolger der VSG Altglienicke im Januar mit 3:1, aber Abt lässt sich davon nicht beeindrucken: „Das Resultat täuscht. Altglienicke war sehr stark und ist unbedingt zu beachten.“ Auch den 1. FC Lok sei „spielstark, robust, eben eine Mentalitätsmannschaft“. Abt baut bei seiner „jungen, entwicklungsfähigen Truppe“, so der 37-Jährige, auch auf einige erfahrene Profis. Kapitän Dimitar Rangelov, 36, und Robert Müller, 33, seien sehr wichtige Führungsspieler. Der Trainer sagt über sich: „Ich bin bei Energie groß geworden und darf jetzt Cheftrainer sein. Das freut mich sehr. Ich weiß aber, dass ich am Erfolg gemessen werde. Dafür werde ich hart arbeiten.“

Allerdings muss seine Mannschaft noch auf den Pflichtspielstart warten. Durch das endgültige Aus von RW Erfurt hat Cottbus an diesem Sonnabend erst mal Spielpause – und muss am 8. Februar gleich im Topduell gegen Lok Leipzig ran.