Roland Matthes holte viele Siege in der DDR.
Foto: imago images/Sven Simon

BerlinUm denjenigen, die nicht dabei waren, als das DDR-Fernsehen die heldenhaften Siege von Roland Matthes zeigte, zu erläutern, wer dieser Schwimmer war, dieser Ästhet mit der schmalen Hüfte, von dem alle sagten, er laufe übers Wasser, erzählt die Berliner Schwimmtrainerin Beate Ludewig eine Geschichte vom Beckenrand.

Es war etwa vor einem Jahr, Kinderschwimmkurs in der Halle an der Landsberger Allee. Ein Opa, der eben vom Gesundheitssport aus dem Therapiebecken gestiegen war, sah zu, wie ein Junge aus ihrem Kurs mit herrlichem Beinschlag in Rückenlage paddelte. „Das wird ein neuer Roland Matthes“, sagte der Senior. „Nee, der schwimmt auf der Nebenbahn“, antwortete Ludewig. Woraufhin der alte Herr nach einem Moment der Perplexität vor Aufregung beinah zu zittern anfing. „Nein“, antwortete er entgeistert. „Doch“, antwortete Ludewig, „der sieht nicht nur so aus wie Matthes, er ist es.“

Roland Matthes war Anfang 2018 mit seiner Frau nach Berlin gezogen, nach Lichtenberg, Tierparknähe. Nachdem er seine Praxis in Marktheidenfeld aufgelöst hatte, wollte er in Berlin, wo er Freunde hatte, viele Schwimmer kannte, als Rentner einen neuen Abschnitt   beginnen.

Letzte Monate in Berlin

Beate Ludewig, Ende der Neunzigerjahre Trainerin des WM-Zweiten und Europameisters Ralf Braun und bis vor kurzem Nachwuchs-Bundestrainerin, gehörte zu denjenigen, mit denen Matthes eine Freundschaft pflegte. Sie gingen zweimal die Woche im Sportforum oder an der Landsberger Allee ins Wasser. „Er schwamm uns allen davon – mit einem Armzug, während wir fünf gemacht haben“, sagt Ludewig.

Sie diskutierte oft mit Matthes, weil er einer war, der die Menschen, die Sportler immer ganzheitlich sah. Einer, der als Arzt lieber auf die Selbstheilungskraft des Körpers setzte, anstatt sofort zu operieren. Vorigen Sommer gestaltete er die Einschulungsfeier der Schwimmklasse am Schul- und Leistungszentrum in Hohenschönhausen mit. Beim Zehn-Länder-Kampf überreichte er   die Siegerurkunden.

Er drängte sich nicht in den Vordergrund, aber wenn er gefragt wurde, war er immer bereit, seine Expertise als Hochleistungssportler und Arzt weiterzugeben. „Er war ein feiner Mensch“, sagt Beate Ludewig. Er war auch ein sensibler Mensch. Einer, der anderen zuhörte, einer, der gut beobachten konnte.

Als sich ein Junge bei Ludewigs Feier zum Renteneintritt, die auf der Schwimmhallen-Galerie stattfand, die dritte Portion Soljanka holte, zeigte Matthes auf seinen Bizeps und sagte lachend: „Soljanka und jeden Tag nach dem Aufstehen zehn Liegestütze – das gibt Muckis.“ Er sagte es auf eine Art, die dazu geführt hat, dass dieser Junge seither jeden Tag nach dem Aufstehen zehn Liegestütze macht.