Jack Culcay steigt am Freitagabend in den Berliner Havelstudios in den Ring.
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BerlinUS-Promoter Bob Arum ist weltweit der Erste gewesen, der am Dienstag mit seiner Firma Top Rank nach dem Corona-Lockdown einen Boxabend veranstaltet hat, im glamourösen MGM Grand von Las Vegas. Er zeigte sich mit Mundschutz in den sozialen Medien: „Wir haben es geschafft und sind begeistert, das Boxen zurückzubringen“, twitterte der 88-jährige Amerikaner, der schon Muhammad Ali, George Foreman und Manny Pacquiao promotet hat.

Der Berliner Promoter Ingo Volckmann, Chef des Boxstalls Agon, ist europaweit der Erste, der seit den Corona-Beschränkungen einen Kampfabend mit sieben Duellen organisiert; in den Berliner Havelstudios in Westend, direkt am Ufer des Stößensees. An diesem Freitagabend holen 14 Profis ihre versiegelten Handschuhe aus der Packung, um im desinfizierten Ring Haken und Geraden zu schlagen, zu tänzeln, zu clinchen.

Eher zufällig fällt das deutsche Comeback in den Ring mit einem Jubiläum zusammen, das den Kreis in die USA schließt: Am 12. Juni vor 90 Jahren gewann Max Schmeling im New Yorker Yankee-Stadion den WM-Titel im Schwergewicht, nachdem sein Gegner Jack Sharkey ihm einen Tiefschlag verpasst hatte und disqualifiziert wurde. Der Corona-Lockdown war ein Tiefschlag für die Berliner Agon-Boxer, die sich eigentlich auf einen Kampfabend im März vorbereitet hatten, der ausfallen musste. „Es war eine harte Zeit, nicht zu wissen, wie es weitergeht. Umso glücklicher bin ich, jetzt wieder kämpfen zu können“, sagt der frühere Weltmeister Jack Culcay.

Boxen bedeutet: Vollkontakt Körper an Körper, Schweiß, vielleicht sogar Blut. Culcay, 34, der mit Frau und Tochter Liana in Charlottenburg lebt, will im Hauptkampf des Abends seinen internationalen WBO-Titel im Superweltergewicht gegen den Franzosen Howard Cospolite verteidigen. „Es freut mich, dass wir es hinbekommen haben, die ersten zu sein, die wieder boxen. Es freut mich vor allem für die Boxer, dass ihr Fleiß belohnt wurde“, sagt Volckmann.

1,50 Meter Abstand gibt es nicht im Ring. Ebenso wenig wie auf dem Fußballplatz. Und so hat sich Agon am Hygienekonzept der Deutschen Fußball-Liga orientiert und den Berliner Behörden ein Konzept für den Kampfabend ohne Zuschauer vorgelegt. „Das Motiv war, die Boxer wieder ins Boxgeschäft reinzukriegen. Der Berufssport ist für sie ja die Existenzgrundlage. Ohne Wettkämpfe verliert der Leistungssport seine Sinnhaftigkeit“, sagt Horst-Peter Strickrodt.

Er ist Jurist und Teammanager bei Agon, er hat das Konzept geschrieben. Und er fragt: „Wer geht schon 40 Stunden pro Woche zur Arbeit ohne Vergütung?“ Vermutlich niemand. Daher haben Strickrodt und Agon versucht, „die Bedingungen, die ein Coronavirus mit sich bringt, mit dem, was wir machen müssen, in Einklang zu bringen“.

Die Gegner reisten am Sonntag an. Am Montag unterzogen sich alle Boxer in Berlin einem ersten Corona-Test – mit negativen Ergebnissen. Seither sind alle Kämpfer in Quarantäne. Während die Agon-Boxer in dem Hochhaus wohnen, in dessen Tiefparterre Volckmann ihnen vor drei Jahren ein Gym im Sportpark Triftal mit Wandspiegel, Speedbällen, Hanteln und Boxsäcken eingerichtet hat, wurden die Gegner alle im gleichen Hotel untergebracht. Es ist eines von Volckmanns Hotels, von denen der 52-Jährige in Berlin fünf besitzt. Dort wird den Sportlern das Essen an der Zimmertür gereicht. Ein Shuttle holt sie zu Training, Wiegen und Kämpfen ab. Ein zweiter Corona-Test folgte am Donnerstag. „So haben wir nahezu hundertprozentige Sicherheit, dass im Wettkampf keiner eine Infektion hat“, sagt Strickrodt.

Am Freitagvormittag wird der Wettkampfring, der in Wandlitz lagert, in den Havelstudios aufgebaut. 2,5 Tonnen Stahl in dem 600 Quadratmeter großen Filmstudio, in dem sonst Richard David Precht die großen Fragen unserer Gesellschaft diskutiert, in dem schon Wim Wenders und Volker Schlöndorff drehten oder die Trödel-Show „Kaputt und …zugenäht“ entstand. Die Künstlergarderoben, mit Schreibtisch, Sofa und Waschbecken ausgestattet, dienen den Kämpfern als Kabinen. Licht- und Tontechnik sind im Studio vorhanden, müssen also nicht teuer angekarrt werden.

Zuschauer und Medienvertreter sind am Boxabend nicht zugelassen, selbst der Reporter der französischen Sportzeitung L’Equipe, der berichten wollte, darf nicht ins Studio, Nummerngirls fehlen. Aber es wird einen Moderator geben, Einmarschmusik vom Band. „Wir werden versuchen, die Veranstaltung für die Boxer so wettkampfnah wie bisher zu gestalten. Natürlich wird der Rückenwind der Zuschauer fehlen“, sagt Strickrodt.

Für Agon fallen die Ticket-Einnahmen weg. Aber in schwierige Fälle zu investieren, gehört zu Volckmanns Kerngeschäft, das er von seinem Wohnsitz auf Mallorca steuert. Dort hat er vor sechs Jahren den spanischen Fußball-Drittligisten CD Atlético Baleares gekauft. Aus Mallorca kam er am Mittwoch in seine Heimatstadt Berlin geflogen. Er ist ein Mann der schnell redet und schnell handelt.

So war Agon nicht nur der erste Profiboxstall, der bereits am 27. April ins Training zurückkehrte und den Berliner Senat schon damals mit seinem umfangreichen Hygiene- und Sicherheitskompendium überzeugte. Agon hat auch die Lücke erkannt, die sich in diesem Sommer durch fehlende Wettkämpfe und die Verschiebung der Olympischen Spiele bei den Fernsehsendern aufgetan hat. „Man sieht ja, was die Sender draus machen. Sie zeigen Uralt-Fußballspiele, um ihr Programm zu füllen. Wir haben inzwischen die Veranstaltung von Freitag in Lateinamerika verkauft, in der Ukraine, Slowenien, in China. Diese Länder sind innovativer unterwegs als unsere öffentlich-rechtlichen Anstalten, die ja sowieso durch Gebühren finanziert werden. Die stehen für Seriosität, aber leider auch für Stagnation und sind in der modernen Medienlandschaft nicht unbedingt angekommen“, meint Strickrodt. Der Kampfabend in Berlin wird bei Bild plus (ab 19.15 Uhr) gestreamt.

Strickrodt findet, es sei ziemlich deutlich, „dass wir in Deutschland dem Konsumverhalten von bewegten Bildern hinterherhinken. Das hat man gesehen als DAZN auf den Markt drängte, dann kam Netflix, Magenta, Amazon Prime, Bild. Es ist nicht in Ordnung, dass man mit Pflichtabgaben das Konsumverhalten steuert und am Ende dem Fußball Abermilliarden ausbezahlt, die von zwei Dritteln der Konsumenten, die das Fußballprogramm gar nicht schauen, gezahlt wurden. Ich glaube, dass da ein Umdenken der Medienlandschaft stattfinden muss“.

Volckmann findet, sein Matchmaker Hagen Doering habe tolle Kampfpaarungen zusammengestellt. Neben Culcays International-Titelkampf findet eine EU-Meisterschaft zwischen Björn Schicke aus Kreuzberg und Marten Arsumanjan im Mittelgewicht sowie eine deutsche Meisterschaft statt. „Die Leute wollen immer noch Boxen sehen“, sagt Volckmann, „ich gehe meinen Weg weiter. Irgendwann kommen die deutschen Fernsehsender an uns nicht mehr vorbei.“