Links wie rechts, im Westend und in Köpenick gab es am Donnerstag einen gemeinsamen Gegner: In den nicht klimatisierten Pressekonferenzräumlichkeiten hatte sich die Hitze breitgemacht und die Verantwortlichen schon einmal an ihre Grenzen gebracht. Nicht die Fragen, denen sich Urs Fischer am Donnerstag stellen musste, sondern die unangenehme Luft, gepaart mit einem für zusätzliche Wärme sorgenden und auf ihn gerichteten Scheinwerfer, ließen den Trainer des 1. FC Union zwischenzeitlich mal am Shirt zupfen, die Brille absetzen und den Schweiß von der Stirn wischen.

Aber auch im Westen der Stadt wischte sich sein Kollege Sandro Schwarz immer wieder über die Stirn und schnaufte erleichtert durch, als er nach knapp 20 Minuten Gesprächsrunde bei Hertha BSC wieder etwas andere Luft atmen und an einem kühleren Ort etwas angenehmere Temperaturen genießen konnte.

Nur ein Unentschieden in den vergangenen drei Jahren des Derbys

Bei 37 Grad Celsius Außentemperatur an beiden Fußball-Bundesligastandorten der Hauptstadt konnte man am Donnerstagmittag, um 13 Uhr, von einem klaren Unentschieden sprechen. Bloß gut, dass sich das in Richtung Sonnabend ändern soll, werden sich Spieler, Verantwortliche und Fans beider Vereine denken, wenn sie sich dann ab 15.30 Uhr bei bislang prognostizierten 22 Grad Celsius für Köpenick im Stadtderby im Stadion An der Alten Försterei duellieren werden.

Neben den Temperaturen gibt es noch ein paar weitere spannende Kennzahlen für das Duell Rot gegen Blau-Weiß: Sieben Hauptstadtduelle hat es in den vergangenen drei gemeinsamen Bundesligajahren inklusive des einen Fights im DFB-Pokal gegeben, vier Mal haben die Eisernen das Feld als Sieger verlassen, zwei Mal ging das Derby an die Herthaner – ein Unentschieden gab es folgerichtig erst ein einziges Mal. In der Alten Försterei ist der 1. FC Union gegen Hertha noch ungeschlagen.

Union Berlins Trainer Urs Fischer geriet ob der Temperaturen am Donnerstag während der Pressekonferenz ins Schwitzen.
Imago/Matthias Koch
Union Berlins Trainer Urs Fischer geriet ob der Temperaturen am Donnerstag während der Pressekonferenz ins Schwitzen.

Man könnte an dieser Stelle noch weitere Zahlen und Fakten nennen. Etwa die Tatsache, dass die Eisernen bislang noch kein Auftaktspiel in der 1. Bundesliga gewinnen konnten. Oder dass Sandro Schwarz – nach Ante Covic, Bruno Labbadia, Pal Dardai, Tayfun Korkut und Felix Magath –  bereits der sechste Hertha-Trainer ist, auf den Urs Fischer in seiner vierten Erstliga-Saison mit den Eisernen in Stadtderbys gegen die Alte Dame trifft. Aber: Das alles wird für den Ausgang des mittlerweile achten Hauptstadtderbys genauso wenig Aussagekraft haben wie die Tatsache, dass Fischer der letzte Trainer war, dem Schwarz in der Beletage des deutschen Fußballs nach einem Spiel die Hand schüttelte.

Der 3:2-Sieg des 1. FC Union am 9. November 2019 vermieste damals beim FSV Mainz 05 nicht nur die Vorfreude auf die bevorstehende Karnevalssession, sondern war auch gleichzeitig das bislang letzte Spiel von Sandro Schwarz in der Bundesliga. „Stimmt“, kommentierte der neue Hertha-Coach diesen Fakt und fand anerkennende Worte für das, was Urs Fischer in den folgenden Jahren beim 1. FC Union geschaffen hat: „Was sie gemacht haben, war sehr erfolgreich. Es gibt klare Abläufe, eine klare Struktur, sie sind sehr gut organisiert, die Handschrift des Trainers ist klar zu erkennen.“

Der Schweizer wiederum gab zu, dass er sich in den vergangenen Jahren weniger mit Sandro Schwarz und dessen Zeit als Trainer von Dynamo Moskau beschäftigt hat. „Wir haben damals 3:0 geführt und am Ende Dusel, dass wir noch 3:2 gewonnen haben“, so Fischer im Rückblick auf das Duell mit Schwarz als Trainer in Mainz.

„Ich habe mitbekommen, dass er dann ins Ausland gewechselt ist, aber explizit verfolgt habe ich ihn nicht. Ich habe mit Union schon genug zu tun.“ Viel beschäftigt mit Schwarz und dessen Art, Fußball spielen zu lassen, aber hat sich Fischer in den vergangenen Tagen wieder. Und diese Beobachtungen, die umgekehrt auch Schwarz im Spiel des 1. FC Union gemacht hat, werden es sein, die tatsächlich Einfluss auf den Ausgang des Derbys am Sonnabend nehmen werden.

Hertha-Trainer Sandro Schwarz weiß um die Stärken des 1. FC Union Berlin.
City-Press
Hertha-Trainer Sandro Schwarz weiß um die Stärken des 1. FC Union Berlin.

Der Auftritt bei der Pokalniederlage in Braunschweig etwa „habe ich als gut gesehen“, so der Schweizer, „eine Mannschaft, die gut organisiert ist, kompakt steht und versucht, das Zentrum in den Griff zu bekommen.“ In den Umschaltmomenten und im Spiel über die Seiten verfüge Hertha über Spieler, die das „eins gegen eins lieben und eine Geschwindigkeit haben, die entsprechend auch den Unterschied ausmachen können“.

Für Hertha-Sportchef Fredi Bobic ist der 1. FC Union der Favorit

Sandro Schwarz hat sich natürlich auch den knappen 2:1-Sieg nach Verlängerung der Eisernen beim Chemnitzer FC angeschaut, spricht vor dem Aufeinandertreffen am Sonnabend von einer „Aufgabe gegen einen Gegner, der sehr klare Abläufe hat und eingespielt ist“. Herthas Sportchef Fredi Bobic ging – links neben Schwarz ebenfalls schwitzend und sich an die drei verlorenen Derbys der vergangenen Saison erinnernd – sogar noch etwas weiter: „Die Favoritenrolle liegt bei den Unionern. Man muss respektieren, was da bei Union in den vergangenen Jahren passiert ist, jetzt sind wir die Außenseiter.“

Mit Begrifflichkeiten wie Favorit oder Außenseiter muss man Urs Fischer nicht konfrontieren. Egal, ob es heiß oder kalt im Pressekonferenzraum ist, der Schweizer Fußballlehrer gibt sich bei solchen Diskussionen stehts kühl in seinen Antworten. Am Donnerstag klang das so: „Wir tun gut daran, uns mit uns zu beschäftigen und nicht damit, wer schlussendlich Favorit im Derby ist. Ich glaube, wir haben ein bisschen was gutzumachen“, sagt er mit Blick auf die Leistung seiner Mannschaft in Chemnitz. Dass die am Sonnabend ab 15.30 Uhr genauso wenig Einfluss wie all die anderen Zahlen und Fakten auf das Geschehen auf dem Rasen haben wird, war auch ihm am Donnerstagmittag klar. Viel wichtiger war es ohnehin erst einmal, schnellstmöglich eine Abkühlung zu erfahren. Hitzig genug wird es am Sonnabend schon ohnehin, selbst bei äußerlich ertragbaren 22 Grad Celsius.