Boris Becker zurück in alter Form: Warum auch Deutschland ihn um Vergebung bitten muss

Das erste Interview mit dem Tennisstar geht unter die Haut. So berührt war Fernseh-Deutschland seit Jahrzehnten nicht mehr. Befreit durch den Knast öffnet er die Herzen der Menschen. Ein Kommentar.

Authentisch und so offen wie nie erzählt Boris Becker von seinen acht Monaten im Gefängnis. Wir finden: Das hat Hochachtung verdient. Und noch mehr: Wir Deutschen sollten unser Idol um Vergebung bitten, für all die Jahre, in denen wir uns über den Mann lustig gemacht haben.
Authentisch und so offen wie nie erzählt Boris Becker von seinen acht Monaten im Gefängnis. Wir finden: Das hat Hochachtung verdient. Und noch mehr: Wir Deutschen sollten unser Idol um Vergebung bitten, für all die Jahre, in denen wir uns über den Mann lustig gemacht haben.Sat.1

Acht Monate und sechs Tage war Boris Becker in Haft. Eine schreckliche Zeit für den Tennis-Star, ohne Zweifel. Jetzt sein erstes Interview in Freiheit. Ein paar Tage vor dem Sendetermin des Exklusiv-Interviews mit dem Privatsender Sat.1 veröffentlichte Apple noch einen kurzen Video-Ausschnitt von Becker.

Dort sitzt er mit verweinten Augen auf einem Stuhl im Gerichtsgebäude. Minuten zuvor hat ein britisches Gericht ihn zu einer langen Haftstrafe verurteilt. In ein paar Minuten wird er mit einem weißen Van in das Horror-Gefängnis Wandsworth gebracht werden. Man sieht einen Becker, wie man ihn noch nie zuvor gesehen hat: Angst, Panik, Verzweiflung. Und dann Beckers Worte: „I’ll face it.“

Wer jetzt zur besten Sendezeit den Fernseher eingeschaltet hat, der sieht einen anderen, einen neuen, den alten Becker. Den Sieger Boris Becker. Der alte Becker, einer der größten Tennisspieler aller Zeiten, wurde geliebt, weil für ihn jedes Tennismatch wie ein Endspiel war. Ein geschundener Körper zeugt von epischen Schlachten, die er auf dem Rasen auch für uns geschlagen hat.

Mehr als 500.000 Euro Honorar und die Fragen sollen vorher abgesprochen worden sein, maulen Kritiker. Alles Unsinn, findet unser Autor. Für ihn ist Boris Becker ein Held.
Mehr als 500.000 Euro Honorar und die Fragen sollen vorher abgesprochen worden sein, maulen Kritiker. Alles Unsinn, findet unser Autor. Für ihn ist Boris Becker ein Held.Sat.1

Boris Becker in den Jahren nach seiner Karriere: Ein Mann ohne Gegner

Seit dem Ende seiner Weltkarriere 1999 dominierte ein anderer Becker die Schlagzeilen: Unternehmerische Fehlgriffe, falsche Freunde, gescheiterte Ehen und versenkte Millionen. Schon früh zur Sportlegende geworden, wirkte Becker in den Jahren nach seinen Welterfolgen verloren. Ein Mann ohne Gegner.

Wer Becker heute im Interview mit Steven Gätjen beobachtet, der denkt zurück an die blutigen Zehen und die Stürze aus seinem ersten Wimbledon-Finale 1985 und nicht an die aus der Bild-Zeitung und der Bunten bekannte Schießbudenfigur. Stattdessen sitzt da am Tisch ein Mensch, der wieder ein Finale gewonnen hat. Sein bisher schwerstes Match. Und mehr Gänsehaut hat der verwöhnte deutsche Fernsehzuschauer wohl lange nicht mehr gefühlt vor dem Fernseher. In knapp zweieinhalb Stunden schickt uns dieser alte Becker auf einen Ritt durch die vergangenen acht Monate seines Lebens.

Da spricht ein ehemaliger Weltstar von selbstgebranntem Schnaps – „zu stark und zu gefährlich“ –, dass er nur eine Nummer war, von seiner winzigen verdreckten Zelle, zu wenig Essen, Serienmörder als Mitgefangene, Isolation, einer gnadenlosen Gefängnishierarchie und von seiner Todesangst. Die Sätze, die Becker für diesen menschlichen Ausnahmezustand findet, klingen wie die aus einem Hollywood-Drehbuch: „Wenn die Zellentür zugeht, bricht die ganze Welt auf einem zusammen.“

Zuerst saß Boris Becker in Wandsworth, dem berüchtigtsten Gefängnis Großbritanniens. Über seine Zeit dort sagt er: „Ich hatte Angst.“ Oder: „Ich kannte mich mit Verbrechern nicht aus.“
Zuerst saß Boris Becker in Wandsworth, dem berüchtigtsten Gefängnis Großbritanniens. Über seine Zeit dort sagt er: „Ich hatte Angst.“ Oder: „Ich kannte mich mit Verbrechern nicht aus.“picture alliance/ZUMAPRESS.com

Boris Becker: Die Zeit im Gefängnis war sein bisher wichtigstes Match

Und das ist so spannend und mitreißend, weil der Ort des Spielfelds nicht auf dem Center Court in Wimbledon oder in der offenen Vollzugsanstalt für Wirtschaftsstraftäter in Berlin-Hakenfelde liegt, sondern im berüchtigtsten Gefängnis des Vereinten Königreichs. Wandsworth, der Hölle auf Erden, wo schon der vermeintliche Jack the Ripper einsaß.

Die Schilderungen des Strafgefangenen Boris Becker sind so authentisch und plastisch wie der Beckerhecht im Finale gegen Kevin Curren. Und man glaubt ihm das. Denn Becker ist seit jeher ein Sportler und Kämpfer und kein Dichter und Denker.

Schon nach ein paar Tagen sei er an einen mehrfachen Mörder geraten, der seit 25 Jahren in Wandsworth einsitzt. Erst buhlt der Mann um Beckers Gunst, will ihn beschützen – und dann versucht er, Becker zu erpressen. Es dauert nur ein paar weitere Minuten in diesem Interview, bis Becker zitternd von seinem Schlüssel-Erlebnis erzählt.

Später wurde Becker ins „weniger gefährliche“ Gefängnis Huntercombe verlegt. Hier wuchs er über sich hinaus, unterrichtete Häftlinge in Mathe, Englisch, Yoga und Philosophie.
Später wurde Becker ins „weniger gefährliche“ Gefängnis Huntercombe verlegt. Hier wuchs er über sich hinaus, unterrichtete Häftlinge in Mathe, Englisch, Yoga und Philosophie.Ben Birchall/PA Wire/dpa

Ein Häftling wollte Boris Becker umbringen

Mit Tränen in den Augen schildert er, wie ihn ein schwarzer Häftling im Gefängnis Huntercombe, in das Becker nach ein paar Wochen verlegt wurde, umbringen wollte, und wie ihn zehn andere Häftlinge, darunter sein engster Gefährte im Knast, Ike, davor beschützten und wie der Angreifer sich später bei Becker entschuldigte: „Er hat vor mit gekniet und um Vergebung gebeten“, sagt Becker. „Ich habe ihn hochgenommen und umarmt.“

Und nicht nur diese Szene sollte vor allem der in den vergangenen Jahren missgünstigen und schadenfrohen deutschen Öffentlichkeit eine Lehre sein. Auch im Vorfeld dieses Interviews waren das wieder die immer gleichen Stimmen, die diesmal von einem zu „üppigen Honorar“ nörgelten oder dass die Fragen ja vorher „abgesprochen“ worden waren und ob das Ganze „überhaupt echt“ sein könne. Nur, sind wir es nicht, die den gefallenen Weltstar um Vergebung bitten müssen? Die vor ihm den Hut ziehen müssen?

Denn auch wenn Becker am Ende des Interviews, als Gätjen ihn nach seinen Geschäften fragt, wieder etwas floskelartig zurechtgelegte Sätze sagt, wie und warum denn alles am Ende finanziell so schiefgehen konnte, sehen die Zuschauer in diesem Interview zum ersten Mal einen vom Gefängnis gereinigten und erstarkten Becker, der über seine Zeit im Gefängnis sagt: „Vielleicht habe ich das gebraucht. (…) Ich habe über Jahre Fehler gemacht, falschen Freunden vertraut, war nicht organisiert genug.“

Wer Boris Becker nicht das Beste wünscht, ist kein Mensch

Wenn Becker über seinen Weg zurück so erzählt, wie er, der Mann, der wegen Insolvenzverschleppung im Knast landete, andere Gefangene in Mathe, Englisch und der Philosophie des Stoizismus unterrichtete. Oder wie ihm die Mitgefangenen zu seinem 55. Geburtstag drei Schokokuchen gebacken haben. Oder dass ihm Hunderte Fans Briefe in den Knast geschrieben haben, die er  jetzt alle über Weihnachten beantworten werde.

Oder dass ihn sogar Jürgen Klopp im Knast besuchen wollte und nur von der Gefängnisleitung gestoppt wurde. Oder dass er einigen Mithäftlingen ein Leben lang wie im Krieg verbunden bleibe, und dass ihn die Zeit im Gefängnis zurückgebracht habe zu den Jahren, als es ihm nur ums Tennisspielen ging, ja dann muss man als Deutscher nicht nur gerührt, sondern ganz einfach stolz auf den neuen, alten Boris Becker sein. Und wer dem Mann jetzt nicht alles Glück der Welt und den besten Neuanfang in unserer Gesellschaft wünscht, der ist eh kein Mensch.