Viel Schlaf hielt die Nacht für Sebastian Polter nicht bereit. Erst um 4.30 Uhr fand er den Weg ins Bett, viereinhalb Stunden später hatte er sich am Tag nach dem 0:1 des 1. FC Union gegen Dynamo Dresden wieder an der Alten Försterei zum Auslaufen einzufinden.

Dass der Stürmer erst so spät den Weg ins Bett fand, lag übrigens nicht an der Sportlergala, auf der er mit Kapitän Felix Kroos, Steven Skrzybski und Michael Parensen den zweiten Preis bei der Wahl zur Berliner Mannschaft des Jahres entgegengenommen hatte. Das Quartett hatte die Gala im Estrel-Hotel zu einer sehr professionellen Zeit verlassen. Der Grund für die spätere Schlaflosigkeit war an Tisch 106 aber zu beobachten gewesen.

Fehlenden Prozentpunkte „herauszukitzeln“

Beim Union herrscht viel Redebedarf, und jeder, der beruflichen Stress kennt, weiß: Der Gedankenstrom im Kopf reißt nicht ab, wenn man die Augen schließt. So ging es Polter in der Nacht auf Sonntag. Das erste Spiel unter Anleitung des neuen Trainers André Hofschneider hat die Verunsicherung in der Mannschaft nicht wie erhofft beseitigt, sondern eher vergrößert.

Viele Einzelgespräche hatte Hofschneider in den nur drei Tagen, die er in der Vorbereitung auf das Duell mit Dresden mit dem Team verbringen konnte, geführt. „In einer Situation, in der nicht jeder hundert Prozent Selbstvertrauen hat“, erklärte das Skrzybski nach der dritten Pleite im vierten Spiel seit der Länderspielpause. Die fehlenden Prozentpunkte „herauszukitzeln“, darum sei es gegangen.

Fehler von Kroos besiegelte Niederlage

Auch die taktischen Vorgaben von Hofschneider hatten vor allem auf das Herstellen von Sicherheit abgezielt: Union sollte hinten stabil und kompakt stehen, wobei hinten in diesem Fall nicht als Synonym für die Abwehrarbeit in Gänze zu verstehen, sondern wirklich räumlich gemeint ist. Die Eisernen verzichteten auf das aggressive Anlaufen in der gegnerischen Hälfte, so wie es der bisherige Chefcoach Jens Keller und sein Assistent Henrik Pedersen gefordert hatten.

Stattdessen lag die Konzentration darauf, die Räume im vordersten Angriffsdrittel der Dresdener in einer 4-1-4-1-Formation zu verdichten. Überhaupt agierte Union defensiver als üblicherweise bei Heimspielen. So konnten Dresdner Torchancen weitestgehend verhindert werden. Ein Fehler von Kroos besiegelte dennoch die Niederlage.

Nicht ganz verdient

Er hatte dem Dresdner Andreas Lambertz den Ball wenige Meter vor dem Tor auf den Fuß geköpft. „Das nehme ich auf meine Kappe“, sagte Kapitän. „Ich laufe mit vollem Tempo rein und denke, dass er an mir dran ist. Ich wollte vor ihm am Ball sein.“ Bitter für den gegen Dynamo kämpferischen Kroos, dass ausgerechnet ein Zuviel an Einsatzwillen den Punkt kostete.

Allerdings wäre dieser nicht ganz verdient gewesen. Insgesamt hatte der Dresdner Spielaufbau mehr Struktur, die Spielzüge sahen planvoller aus. Was auch Hofschneider anerkannte. „Dresden hatte die reifere Spielanlage und konnte mit dem Ball mehr anfangen als wir.“ Ein bis zum letzten Pass prima Konter von Skrzybski, Simon Hedlund, Polter und Akaki Gogia Mitte der ersten Hälfte sowie ein Kopfball nach Flanke von Christopher Trimmel zu Beginn des zweiten Spielabschnittes − das war es mit Ansehnlichkeiten aus Union-Sicht. „Die Führung hätte ein Brustlöser sein können“, sagte Hofschneider.

„Mit Kritik umzugehen, ist zurzeit relativ schwierig“

Doch nun sitzt der Alp noch fester auf der Brust und sorgt für quälende Gedanken bei den Spielern. Sich auszusprechen und gegenseitig notwendige Hilfestellungen zu bieten, fällt einigen offenbar nicht leicht. „Mit Kritik umzugehen, ist zurzeit relativ schwierig bei dem einen oder anderen. Das wird zurzeit nicht so angenommen“, berichtete Toni Leistner am Tag nach dem verlorenen Derby.

Vor der Partie hatte Sportgeschäftsführer Lutz Munack auf Sky die Trennung von Jens Keller noch einmal verteidigt. „Ich habe das dem Präsidium vorgeschlagen. Meine Aufgabe ist es, Dinge zu erkennen, bevor eine unschöne Situation für alle entsteht.“

Ein leises „Aufwachen! Aufwachen!“

Herausgekommen ist nun zumindest fürs Erste eine Darbietung, die sich für die meisten Zuschauer im Stadion an der Alten Försterei alles andere als schön ausnahm. Ein spätes Aufbäumen an der Alten Försterei wie gegen den FC St. Pauli (Sieg) und Darmstadt 98 (Unentschieden) gab es nicht.

Nach dem Abpfiff leerte sich die Gegengerade schnell, und die Ultras auf der Waldseite riefen dem Team ein leises „Aufwachen! Aufwachen!“ entgegen. Dabei täte den Fußballern wohl derzeit nichts so gut wie ein ruhiger Schlaf. Gegen den FC Ingolstadt am Freitagabend müssen sie sich vor der Weihnachtspause aber noch mal aufrappeln.