RB Leipzig wirbt mit einer Plakataktion um die Gunst der portugiesischen Fußball-Fans.
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BerlinDas helle Kopfsteinpflaster des Praça do Comércio in Lissabon ist an einem Augusttag vor lauter Touristengewimmel normalerweise kaum zu sehen. Der zentrale Platz gilt als Ausgangspunkt für Erkundungen der Lissaboner Altstadt Alfama und benachbarter Viertel. 16,19 Millionen Touristen wurden 2018 in der portugiesischen Hauptstadt gezählt, die über 20 Milliarden Euro Umsatz machen. So war es, bevor das Coronavirus die Touristenströme kappte.

Am Tag, an dem das Champions-League-Finalturnier der besten acht Teams Europas startete, ist die Stadt am Rio Tejo bis zum Nachmittag wie ausgestorben. Ein paar Dutzend Menschen verlieren sich auf dem Praça do Comércio, ein Polizist mit Schutzmaske am Helm patrouilliert einsam. In der Touristeninformation langweilen sich die Mitarbeiterinnen mit enttäuschten Mienen. „Es ist leise und leer in Lissabon“, sagt eine Angestellte. Ohne die Touristenmengen wirkt die ausgestorbene Metropole wie zu groß geraten. Und so ähnlich ist es ja gerade auch mit dem Fußball – Geisterkulissen allenthalben. In Lissabons riesigen Fußballtempeln Estádio da Luz von Benfica und Estádio José Alvalade, wo Sporting spielt, findet sich in diesen Tagen die erste Garde der europäischen Topklubs ein. Normalerweise brächte das eine außergewöhnlich fußballverrückte Stadt wie Lissabon zum Beben. Doch ohne Fans ist vielen Portugiesen, mit denen man hier spricht, das Turnier einerlei.

Im Café Restaurante Martinho da Arcada, dem ältesten Kaffeehaus Lissabons, wo normalerweise kaum ein Platz zu kriegen ist, warten die Kellner auf Kundschaft, die nicht kommt. Nuno, der Benfica-Fan ist, klagt über einen Umsatzrückgang von 50 Prozent bis zu zwei Dritteln. Wenn Fußballteams in der Stadt sind, bevölkern Trikotträger normalerweise in großer Zahl das Café. Aber diesmal hat er noch keinen Anhänger bewirtet. Auch weil nur zwei Teams in beziehungsweise nahe Lissabon Quartier bezogen haben, sagt er: Atlético und Barcelona. Die übrigen Klubs bereiten sich weiter entfernt vor, RB Leipzig im noblen Badevorort Estoril, 25 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, wo es ebenso ausgestorben zugeht. Bayern München sogar 300 Kilometer südlich an der Algarve.

Von Turnierstimmung ist keine Spur, nur ein Vater und sein Sohn traben in Paris-Trikots über den Boulevardplatz. Auch Allesfahrer unter den RB-Anhängern, die sonst bei jedem Spiel auch international dabei sind, sind besser zu Hause geblieben. Das merken die Lissaboner. Am Abend vor dem ersten Match zwischen Paris und Bergamo bewirtete Kellner Nuno gerade zwei Tische mit Abendessen. Sonst blieb den ganzen Abend über alles leer, berichtet er entgeistert. Zwar dürfen die Restaurants anders als noch vor 14 Tagen wieder abends öffnen, doch es kommt keiner. Die Stimmung ist wegen der Corona-Lage gedrückt, und dazu ist auch noch das Wetter schlecht. 23 Grad und Nieselregen am Mittwochvormittag. Auch das schlägt den sonnenverwöhnten Stadtmenschen aufs Gemüt.

Augusto, der Taxi fährt, fragt: „Warum findet das Turnier überhaupt in Lissabon statt? Das macht für mich gar keinen Sinn.“ Aus seiner Sicht hätte der Wettbewerb ebenso gut in Deutschland oder anderswo ausgetragen werden können. Unter anderem wegen der lange niedrigen Corona-Zahlen und der kurzen Wege zwischen den Stadien hatte der europäische Fußballverband Uefa den Wettbewerb an Lissabon vergeben. Damals hatte die sozialistische Regierung via Twitter gejubelt: „Unserem Land wird wieder einmal die Anerkennung der Sportwelt zuteil.“ Der Chef des nationalen Fußball-Verbandes FPF, Fernando Gomes, sprach davon, dass sein Land nun ein „Event von unermesslichem Wert“ ausrichten darf. „Die Spiele werden von Hunderten Millionen Menschen verfolgt werden. Dadurch wird das gute Bild, das Portugal in einer besonders schwierigen und herausfordernden Zeit in der ganzen Welt abgegeben hat, untermauert und gestärkt werden“, sagte Gomes. Auch aktuell sind die Zahlen anders als etwa in Spanien niedrig. Am 11. August wurden 120 Neuinfektionen gemeldet.

Wenn man lange genug herumfragt, findet man auch Anhänger, die sich auf die Spiele freuen. „Es macht mich als Portugiesen und Benfica-Fan stolz, dass solche großen Mannschaften in Lissabon spielen“, sagt Paulo, der im nahe gelegenen Setúbal ein Co-Working-Space betreibt und Wohnungen vermietet. „Auch wenn keine Fans kommen können, ist das wichtig für den portugiesischen Fußball.“ In welcher Höhe der portugiesische Verband FPF von der Austragung profitiert, ist nicht bekannt. Doch es ist davon auszugehen, dass stattliche Summen fließen, da durch Fans ja keine anderen Einnahmen erzielt werden können.

Auf dem Gelände des Estádio da Luz, dem Austragungsort des ersten Turnierspiels, wo Paulo sonst seinem Klub auf den Rängen die Daumen drückt, war am Vormittag alles verrammelt. Nur die Sicherheitskräfte wurden gebrieft, um am Abend mögliche Fanansammlungen zu verhindern. Doch dass es dazu kommt, ist angesichts der wenig euphorischen Stimmung nicht zu befürchten. Dass der Fußballzirkus in der Stadt ist, davon kündet hier lediglich ein Plakat von RB Leipzig, das in Lissabon 1400 Werbebotschaften aufhängen ließ. Mit der Kampagne wirbt RB um die zumindest ideelle Unterstützung der Benfica-Fans. Bei Paulo zog das, er will den Außenseitern Rasenballsport und Atalanta Bergamo vor dem Fernseher die Daumen drücken. Doch das täte er auch, wenn die Partien anderswo wären.

So ist in Lissabon dieser Tage gut zu beobachten, dass die Fußballbranche ein gefährliches Spiel treibt, indem sie ihr Geschäft auch ohne ihre Seele – die Anhänger – weiterbetreibt.