Es ist seltsam: Fabian Lustenberger hat es vor jeder Saison bei Hertha schwer

Bad Saarow - Fabian Lustenberger sucht ein bestimmtes Wort. Eines, das passt und am besten alles beschreibt, was er erlebt hat. Eines, zu dem er auch in Zukunft noch stehen kann. So etwas ist ihm wichtig. Also kratzt er sich erst mal an der Wade. Schaut nach oben, schaut nach unten. Man hat den Eindruck, er würde jetzt nach dem Vormittagstraining und hier in der Lobby des Teamhotels sein persönliches Fußballlebenswörterbuch durchblättern, und bei Z angelangt, sagt er: „Ich weiß es nicht. Man lernt einfach Leute kennen, mit denen man es gut hat. Man mag sich irgendwann, man fragt, wie es geht.“ Könnte das Wort Beziehung heißen? „Nein, eher nicht.“ Oder Familie? „Ich habe zwei Kinder, bin verheiratet, da hat Familie eine andere Bedeutung für mich.“ Dann stellt Lustenberger die Kaffeetasse ab und sagt: „Es ist ein Umfeld, in dem ich mich wohl und willkommen fühle.“ Das muss reichen. Das klingt auch richtig. Damit kann man nichts falsch machen.

Lustenberger ist seit zehn Jahren in Berlin, zum vierten Mal beim Lauftrainingslager in Bad Saarow. Die kommende Saison wird die elfte sein, die er für Hertha BSC spielt. Niemand aus dem Kader ist so lange im Verein. In der Rangliste der treuesten Bundesligaprofis liegt er mit 3 633 Tagen auf Platz sieben. Zwei Plätze hinter Franck Ribéry, dessen zehnjähriges Jubiläum im München ausgelassener gefeiert wird als eine Meisterschaft. Der Gefeierte sagte neulich: „Bayern ist eine Familie. Bayern und Ribéry ist zusammen, ist ein Herz.“ Solche Worte benutzt Lustenberger nicht, wenn er erklären soll, welche Bedeutung Hertha für ihn hat. Lieber sagt er: „Ich bin zufrieden, wie alles gelaufen ist.“ Und man ist dankbar dafür, dass er nicht pathetisch wird.

Immer einen Ausgehtipp parat

Es ist seltsam. Vor jeder neuen Saison heißt es, der Lustenberger, 29, der wird es schwer haben, der muss sich Sorgen machen, dass er seinen Stammplatz verliert. Und dann kommt es doch anders. Wenn Lustenberger nicht verletzt ist, spielt er oft bis regelmäßig. Hertha ist gewachsen, hat sich verändert, Lustenberger war immer dabei, er hat kein Tief ausgelassen. Es gab Momente, da hat er schon nachgedacht, ob er mal wechseln soll. „Doch ich habe die Möglichkeiten nicht ausgelotet“, sagt er. „Ich bin nicht zu meinem Berater gegangen und habe ihm gesagt, finde irgendwas, weil ich hier weg muss − im Gegenteil. Ich habe immer gesagt, wir müssen eine Lösung finden, damit ich hier bleiben kann.“

Lustenberger ist seit einem Jahr nicht mehr Kapitän, aber er ist einer, auf den sich Trainer Pal Dardai verlassen kann. Weil er die angenehme Gabe besitzt, sich richtig einschätzen zu können. Auf dem Platz, wo er das macht, was er kann. Und außerhalb, wo er sagt: „Es wäre falsch, wenn ein Spieler wie ich sich an Titeln messen lassen würde. Das können andere machen, die auf einem anderen Niveau spielen.“ Er sagt aber auch: „Ich habe keine Lust, da zu sein und nur gute Laune zu verbreiten, aber kein Spiel zu machen. Dafür ist mein Ehrgeiz zu groß.“

Dieser Ehrgeiz hat einen Bundesligaspieler aus ihm gemacht, einen, wenn auch nur kurz, Schweizer Nationalspieler, und dass sein einziger Titel der Gewinn der deutschen Zweitligameisterschaft mit Hertha ist, macht Lustenberger nicht weniger stolz auf das Erreichte. Er wohnt in einer Stadt, wo er seine Frau kennengelernt hat, die er seine zweite Heimat nennt, wo er ein Netzwerk aus Freunden und Bekannten geknüpft hat und zu jeder Gelegenheit einen Ausgehtipp geben kann. „Ich bin schon ein Typ, der für Kontinuität steht. Der Wohlfühlfaktor ist mir wichtig.“ Klingt nach einer gut funktionierenden Beziehung.