Stegersbach - Diese Teambuilding-Maßnahme hatte bei Hertha BSC keiner mehr zum Ende des Trainingslagers im österreichischen Stegersbach gebraucht. Besonders nicht Mathew Leckie. Der Australier hatte am vorletzten Trainingstag seinen Ehering auf dem Rasen verloren. Also begab sich der gesamte blau-weiße Tross nach der letzten Übungseinheit auf Spurensuche, schlich im Abstand von zwei Metern zueinander mit gesenkten Kopf und konzentrierten Blick von Grundlinie zu Grundlinie. Die Fahndung blieb erfolglos, was insbesondere Leckie und seine deutsche Frau Laura traurig stimmen wird. „Ich bin auch verheiratet und weiß, wie schlimm so ein Verlust ist“, sagte Trainer Ante Covic, der der gemeinschaftlichen Suchaktion dennoch etwas Positives abgewann. „Ich finde es bemerkenswert, dass 25 Mann gemeinsam versuchen den Ring zu finden.“

Covic ist nach einer intensiven Woche im Burgenland nicht nur vom Teamgeist begeistert. Er sieht deutliche Fortschritte auf dem Platz. „Wir haben alles umsetzen können, was wir vorhatten“, erklärte der 43-Jährige. „Ich glaube, dass unsere Variabilität aus dem Spiel heraus klar zu erkennen ist.“ Taktisch flexiblen, auf Ballbesitz ausgerichteten Offensivfußball will Covic spielen lassen. „Die Anforderungen an die Jungs sind, wenn wir ein 4-3-3-, 3-5-2- oder 4-4-2-System spielen, sehr unterschiedlich“, erklärt Covic. Das habe er in der kurzen Zeit seit seinem Amtsantritt am 1. Juli „probiert, den Jungs zu verklickern“.

Covic setzt voll auf Video-Analysen

Damit alle Spieler seine neue blau-weiße Doktrin möglichst schnell verstehen, setzt Covic auf das mittlerweile weitverbreitete, unter Vorgänger Pal Dardai nicht ganz so häufig eingesetzte Mittel der Video-Analyse. „Das Problem ist, dass ein Spieler manchmal eine ganz andere Wahrnehmung hat. Dann erzählst du ihm was, und er denkt: Was will der jetzt von mir?“, berichtete Covic. Das ändere sich durch den visuellen Vorführeffekt.

Der gebürtige Berliner wirkt immer routinierter, was auch damit zusammenhängen kann, dass seine Spieler gewillt zu sein scheinen, seine Vorgaben schnellstmöglich umzusetzen. „Uns ist es gelungen, die Jungs für die verschiedenen Formationen und die dadurch unterschiedlichen entstehenden Räume zu sensibilisieren.“

Den Entwicklungsfortschritt bekamen die mitgereisten Fans beim abschließenden Testspiel gegen den Premier-League-Klub West Ham United vor Augen geführt, bei dem Covic viele seiner potenziellen Stammkräfte schonte und sein Team nach 45 Minuten fast komplett wechselte. Während sieben Tage zuvor beim 2:1-Sieg gegen Fenerbahce Istanbul noch viele Automatismen nicht griffen, verfolgten die Blau-Weißen beim 3:5 (2:2) gegen die Londoner über weite Phasen Covics neue Spielphilosophie. Durch hohes Anlaufverhalten und dem daraus resultieren Gegenpressing stellte Hertha die Engländer wiederholt vor größere Probleme. „Wir hatten sehr viele Ballgewinne in des Gegners Hälfte, haben immer vorwärts verteidigt. Das hat mir sehr gut gefallen“, lobte Covic.

Covics Schützling wirken frischer

Die Gefahr der fehlenden Balance durch die neue Ausrichtung zeigte sich gleichwohl bei Ballverlusten im Mittelfeld, in deren Folge Hertha in der Defensive relativ offen stand und sich dadurch auch Abstimmungsprobleme zwischen den weit aufgerückten Außenverteidigern und den sich fallenden lassenden defensiven Mittelfeldspielern offenbarten. Dafür wirkten Covics Schützlinge frischer, was man an der von ihm gefordert „Giftigkeit“ in den Zweikämpfen sah. Zumindest in den Beinen. In den Köpfen noch nicht. Auch deshalb ging Hertha trotz dreimaliger Führung noch als Verlierer vom Platz. „Wir müssen begreifen, dass Standardsituationen genauso zum Spiel gehören“, ärgerte sich Covic über die vier Gegentore Tore nach ruhenden Bällen.

In der kommenden Woche will Covic noch eine Mischung „aus Spitzen und Erholungsphasen“ setzen, damit sein Team für den Saisonstart mit der ersten Pokalrunde beim bayrischen Regionalligisten VfB Eichstätt am nächsten Sonntag gewappnet sei. Die Generalprobe dafür steigt bereits am Sonnabend beim Tagestrip zum ebenfalls aus London stammenden englischen Erstligisten Crystal Palace.