Amsterdam - Dieser FC Chelsea ist ein Phänomen, man könnte auch sagen, ein ziemlich seltsamer Verein. Denn nach einer einigermaßen verkorksten Saison und nach 92 ziemlich schwachen Minuten hat der englische Premier-League-Klub im Finale der Europa League gestern Abend doch tatsächlich Geschichte geschrieben.

2:1 (0:0) hieß es am Ende gegen ein unglückliches Benfica Lissabon, was zur Folge hat, dass Chelsea nun der erste Klub ist, der zumindest für vierzehn Tage zugleich Champions-League- und Europa-League-Sieger ist. Und nicht nur das: Chelsea ist jetzt auch einer von vier Vereinen, die alle Eurocups gewonnen haben.

Wie im EM-Finale 2008

Nach einer Viertelstunde Feldforschung war klar, warum beide Teams in dieser Saison in der Champions League nicht über die Gruppenphase hinausgekommen waren. Hier die Engländer, die zwar immer noch eine halbes Dutzend europäischer Spitzenkräfte in ihren Reihen haben, aber seit dem einigermaßen glücklich gewonnenen Champions-League-Finale gegen die Bayern vor einem Jahr vor allem in den Disziplinen Homogenität und Esprit noch einmal erhebliche Rückschritte gemacht haben.

Dort die Portugiesen, die zwar eine große Geschichte, aber eben seit Jahren aus unterschiedlichsten Gründen keine große Mannschaft mehr haben. Allerdings startete Benfica im Gegensatz zu den seltsam lethargischen Blues in dieses Endspiel, wie man in ein Endspiel starten sollte, nämlich mit Lust und Leidenschaft und dem Bewusstsein, dass man auch in diesem kleinen Europapokalfinale Geschichte schreiben kann.

So fand sich Chelsea-Keeper Petr Cech innerhalb von wenigen Minuten im blauen Chaos wieder. Flanken durchkreuzten seinen Strafraum, dribbelnde und doppelpasswütige Portugiesen umzingelten ihn, was fehlte war der platzierte Torschuss. Was auch immer Chelsea in dieser Phase zur Befreiung aus dieser Umklammerung versuchte, es misslang, auch weil Frank Lampard und David Luiz im Mittelfeld von ihren Kontrahenten Nemanja Matic, Eduardo Salvio und Nicolas Gaitán zur Reaktion gezwungen wurden.

Erst nach einer halben Stunde gelang der Mannschaft von Rafael Benìtez so etwas ähnliches wie ein Spielzug, erst nach 37 Minuten konnte man von einer Torchance sprechen. Lampard schoss aus 20 Metern, der Ball flatterte, Lissabons Keeper Artur erkannte das erst in letzter Hundertstelsekunde und parierte im Stile eines Handballtorhüters.

Benfica verwirrt, Chelsea stabil

Noch verwunderlicher als die Trägheit von Chelsea in der ersten Hälfte war die Entdeckung, dass sich daran auch in der zweiten zunächst nichts änderte. Da ging nach Halbzeitansprache kein Ruck durch die Mannschaft, da blieb alles Versuch und Verlegenheit − bis das mit den europäischen Spitzenkräften zum Tragen kam.

Eine davon trägt den Namen Fernando Torres, kommt aus Spanien und sorgte in der 58. Minute mit einem Alleingang für die Führung. Wobei man sich ein klein wenig an das EM-Finale 2008 erinnert sah, als dieser Torres ebenfalls einen Verteidiger und einen Torwart vernaschte. Damals hießen die Vernaschten Lahm und Lehmann, gestern Abend Luisão und Artur.

Benfica wirkte mit einem Mal verwirrt, Chelsea hingegen stabil, mit einer Ausnahme: Rechtsverteidiger César Azpilicueta, der zehn Minuten nach dem 1:0 im Strafraum mit seiner Hand herumfuchtelte und mit dieser Unbeherrschtheit Schiedsrichter Björn Kuipers zum schrillen Pfiff veranlasste. Angreifer Oscar Cardozo verwandelte den Strafstoß und hätte wenig später fast noch die vorzeitige Entscheidung erzielt.

Doch Cech war bei seinem Schuss aus 18 Metern zur Stelle. Auf der Gegenseite war Artur in der 88. Minute bei einem Schuss von Lampard mit dem Querbalken im Bunde. Doch als wirklich jeder mit einer Verlängerung rechnete, auch Artur, der Torhüter, stand plötzlich Chelsea-Verteidiger Branislav Ivanovic nach einem Eckstoß völlig frei vor Benficas Tor und köpfte zum Sieg ein.

Das Finale der Europa League im Stenogramm

Benfica Lissabon - FC Chelsea 1:2 (0:0)

Tore: 0:1 Torres (59.), 1:1 Cardozo (68., Handelfmeter), 1:2 Ivanovic (90.+3)

Zuschauer: 46.163 (ausverkauft)

(BLZ/SID)