Torwart Johannes Bitter bringt viel Erfahrung und Emotionalität mit.
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TrondheimFlugreisen sind   anstrengend. Utensilien müssen gepackt, Koffer und Handgepäck organisiert werden. Bei den Reisen von Sport-Mannschaften – und so auch bei der deutschen Handball-Nationalmannschaft – nimmt diese Problematik noch einmal ganz andere Dimensionen an. Da werden Personenketten gebildet, um das Gepäck vom Bus ins Hotel zu befördern, da darf der Berliner Paul Drux schon am Flughafen seine Kraft unter Beweis stellen und die schweren Lastenwagen manövrieren.

Neben dem Trolley-Chaos begleitet die DHB-Auswahl allerdings vor allem eines: die Vorfreude auf die heute beginnende Europameisterschaft in Norwegen, Österreich und Schweden. Unter dem Motto „Dream. Win. Remember.“ laden die drei Nationen vom 9. bis 26. Januar zu der bisher größten EM der Geschichte des Turniers ein. Drei Imperative, die für die Deutschen die Erfolgsroute vorgeben könnten, denn Träumen gehört dazu. Selbstbewusst wurde das Halbfinale als Ziel ausgegeben, anschließend ist der Weg zu einer Medaille nicht   weit. Das richtige Maß an Motivation kann den letzten Funken Energie aus den Spielern herauskitzeln. So wie beispielsweise im Jahr 2016. Trotz vieler Verletzungssorgen gelang bei der damaligen EM der Titelgewinn.

Handballer müssen auf Anführer verzichten 

Trotz der positiven Vorzeichen sind auch die Gefahren ersichtlich. Sieben Spieler haben sich verletzungsbedingt abgemeldet, darunter der Berliner Kreativkopf Fabian Wiede, sein Vereinspendant Simon Ernst und der Balinger Martin Strobel. Damit besteht auf der Spielmacher-Position zwar nicht unbedingt ein Vakuum, jedoch ein Raum, der von der gesamten Rückraum-Achse abgedeckt werden muss.

Die Testspiele gegen Island und Österreich haben diesbezüglich noch Probleme aufgezeigt. Im Positionsspiel fehlten zeitweise Dynamik und Leitung. Hauptmanko war die Effektivität. Besonders in Wien rieb sich die deutsche Auswahl am gegnerischen Torhüter auf. Überzeugend war das Gegenstoßverhalten. Aus dem Abwehr-Torwart-Spiel entstand wiederholt die Möglichkeit, das Tempo zu erhöhen und zu kontern. Ohnehin wird die Defensive der Schlüssel zum Erfolg sein. Das „Herzstück“ der Mannschaft, wie Prokop es bezeichnet, zeigte sich variabel, schnell auf den Beinen und mit gewohnter Aggressivität.

Schlüsselposition zwischen den Pfosten

Eine weitere Schlüsselposition bietet sich zwischen den Pfosten. Mit Andreas Wolff als Nummer eins und Johannes Bitter verfügt der Bundestrainer über ein starkes   Gespann. Beide demonstrierten bei den Testspielen ihr Top-Niveau. Bitter kommt   nicht nur eine bedeutende Aufgabe zu, wenn es um das Parieren der gegnerischen Würfe geht. Der Weltmeister von 2007 bringt viel Erfahrung und Emotionalität mit in das Turnier. Das junge Team braucht derartige Anführer, die Ruhe und Sicherheit ausstrahlen aber gleichzeitig − wenn nötig − die Stimmung aufheizen, um   zusätzliche Kräfte freizusetzen.

Es sieht also gar nicht so schlecht aus, wie manch einer   prophezeit. Mit dem Spiel am Donnerstag gegen die Niederlande (18.15 Uhr, ZDF) kann Deutschland gegen einen Aufbaugegner   starten und hat mit Lettland einen weiteren EM-Debütanten. Einzig Spanien könnte als Europameister ein Stolperstein werden. Da sich zwei Mannschaften für die Hauptrunde qualifizieren, ist dies kein Hindernis. Zumal danach Gegner wie Kroatien, Serbien, Tschechien und Österreich auf dem Tableau stehen. Alles lösbare Konkurrenten um die zwei Plätze im Halbfinale. Titelfavoriten wie Dänemark, Norwegen und Frankreich duellieren sich in den anderen Gruppen und können   erst ab dem Halbfinale kommen. Der Koffertransport könnte   also bis nach Stockholm führen.