Irgendjemand schreit. Es kling wie: „Mann!“ Doch genau lässt sich das nicht sagen, weil die Stimme, dieser Bass, von den Betonwänden zurückgeworfen wird und verhallt. Einer nach dem anderen eilt durch den Gang zur Kabine, vorbei an Mikrofonen, Kameras, durch grelles Scheinwerferlicht. Sie haben gerade gegen die Türkei 75:80 das dritte Gruppenspiel der Basketball-EM verloren, was von den blanken Zahlen her gar nicht so schlimm klingt, aber offensichtlich doch schlimm ist. Das Gesicht von Chris Fleming drückt das jedenfalls aus. Der Bundestrainer lehnt an einer Wand in der Arena am Ostbahnhof, schmallippig, enttäuscht, er sagt: „Die Einstellung am Anfang war nicht vorhanden.“

Vielleicht ist das eine der schlimmsten Erkenntnisse für einen Trainer, der seine Mannschaft eingestellt hat auf den Gegner und dann zusehen muss, wie sie sich überrumpeln lässt. Die deutschen Basketballer legten ein erstes Viertel hin, dass mit einer 0:9-Serie begann, mit einem 11:31 endete und sich das Prädikat desaströs verdiente. Fleming beorderte nach drei Minuten Spielmacher Dennis Schröder auf die Bank. Der Trainer sagte: „Ich wollte, dass die Mannschaft den Ball bewegt.“ Mit Schröder war das nicht möglich. „Er war zu langsam.“

Verschlafenes Viertel

Allerdings lag es nicht an Schröder allein. Es handelte sich um ein kollektives Versagen am Anfang, wie Fleming meinte. In der Offensive rutschten im ersten Viertel von 15 Würfen aus dem Feld nur vier durch den Korb. In der Defensive ließen die Deutschen den Türken viel Platz. Ali Muhammed konnte früh abschließen. Sinan Güler, sonst kein so begnadeter Schütze, traf aus allen Lagen. „Das Problem im ersten Viertel war, dass wir immer den Ball aus dem Netz holen mussten“ sagte Dirk Nowitzki: „Und dann können wir auch das Spiel nicht schnell machen. Dann müssen wir jedes Mal vortrotteln und dann irgendein System rennen, dass die wahrscheinlich eh besser kannten, als wir selber.“

Die Hypothek aus dem verschlafenen ersten Viertel schleppte das Team bis zum Ende durch. Heiko Schaffartzik sagte: „Das Loch, das wir uns selbst gebuddelt haben, wurde immer tiefer, und wir haben es nicht mehr geschafft, da rauszukommen.“

Die Geschichte einer Niederlage, ihr Ende ist schnell erzählt. Im zweiten Viertel steigerten sich die Gastgeber, gewannen den Durchgang 13:10. In der zweiten Hälfte kämpften sie, verteidigten wie gewohnt. Die Trefferquote ging nach oben, der Rückstand nahm ab, die Hoffnung wuchs. Als Nowitzki etwa in der 32. Minute zum 45:60 traf, dabei gefoult wurde und deshalb einen zusätzlichen Freiwurf zugesprochen bekam, schrie er seinen Frust heraus.

Fleming versuchte Einfluss zu nehmen in den Auszeiten. Mal auf die harte, mal auf die weiche Art. „Wir haben heute Abend alle unsere Optionen ausgereizt, aber nichts hat bei den Spielern Wirkung gezeigt“, sagte der 45-Jährige. Immerhin sah es am Ende so aus, als könnten sie die Verlängerung erzwingen. Schaffartzik meinte: „Hätte das Spiel 45 Minuten gedauert, hätten wir es vielleicht noch gewinnen können.“ Ein Spiel dauert 40 Minuten.

Gegen Italien muss ein Sieg her

Auch das am Mittwoch gegen Italien, das eine Art Finale in der Gruppe B ist. Sie wollen die nächste Runde in Lille erreichen, dazu müssen sie Vierter werden. Und wenn sie es tatsächlich ins Achtelfinale schaffen sollten, würden sie wohl am Sonnabend auf die Franzosen treffen. Die sind bereits qualifiziert und haben ihr Potenzial längst nicht ausgeschöpft. Mit ihren fünf NBA-Profis und Tony Parker von den San Antonio Spurs an der Spitze gelten sie als erster Anwärter auf den Titel.

So oder so, sagt Fleming, eine Reaktion werde nötig sein. „Wir werden morgen ein ganz anderes Team sehen“, versprach der Bundestrainer, weil er vermutlich an die Vorbereitung auf die EM und die ersten Turnierspiele dachte. An den schwer erkämpften Sieg gegen die Isländer, denen ein starker Auftritt gegen Serbien folgte, wenn auch mit einem unglücklichen 60:62 am Ende. „Unser Team lernt aus den Situationen der Vergangenheit“, sagte Fleming.

Der Trainer selbst lernt ebenfalls gern dazu. „Ich habe noch nicht viel Erfahrung mit großen Turnieren“, sagte Fleming. Doch sein Assistent Henrik Rödl habe ihm gesagt, dass es immer einen Ausreißer nach unten gebe. „Das war heute.“ Was zu beweisen wäre.