Berlin - Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat dazugelernt. 127 Athleten umfasst das Team, das ab Montag im Berliner Olympiastadion bei den Europameisterschaften antritt. So viele wie nie zuvor. Die kontinentalen Titelkämpfe sollen ein Fest sein, das die Sportart ein bisschen aus dem üblichen Aufmerksamkeitsschatten holt. Und vor allem soll es den heimischen Leichtathleten als Anschub dienen. Deshalb wurde bei der Nominierung mal nicht in erster Linie darauf geachtet, wer Medaillenchancen hat, sondern an die Sportler gedacht und einkalkuliert, welchen Motivationsschub so ein Auftritt im Nationaltrikot bewirken kann, zumal im eigenen Land.

Es wurden realistische Normen gesetzt, was sich in der erfreulichen Konkurrenzsituation äußerte, dass bei den Deutschen Meisterschaften vor zwei Wochen mehrere Normerfüller um die maximal drei Startplätze pro Disziplin − stellt Deutschland den Europameister, sind es vier − konkurrierten. Und wenn Athleten die Normen in mehreren Disziplinen erfüllten, wurde darauf geachtet, dass sie nur in der besseren antreten, um mehr Sportler nominieren zu können. Alleine Langstreckler Richard Ringer (5 000 und 10 000 Meter) und Sprinterin Tatjana Pinto (100 und 200 Meter) dürfen im Einzel zweimal ran.

Im DLV ist man stolz auf das Aufgebot mit den vielen jungen Sportlern und noch ein bisschen stolzer auf sich selbst, weil den jungen Sportlern dieses Karriere-Sprungbrett mit der Nominierung untergeschoben wurde. Anders als früher. „Wir wollten die Vielfalt gerade des Laufbereichs über die Zwischenetappe EM zu Hause präsentieren und vor allem junge Athleten an die Weltspitze heranführen über internationale Meisterschaftskompetenz“, erklärt Chefbundestrainer Idriss Gonschinska. Nur im Hammerwerfen der Männer sowie über 400 Meter Hürden und im 50 Kilometer Gehen der Frauen sind in Berlin keine Deutschen am Start.

Förderung in Deutschland noch immer zu kurzsichtig

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass ohne Entwicklungshilfe aus den USA einige Deutsche nicht bei der EM dabei wären, ja, teils ihren Sport nicht mehr ausübten, wenn sie ihr Heil nicht in amerikanischen Colleges gefunden hätten. Denn die Athletenförderung in Deutschland ist immer noch zu kurzsichtig. „Ich weiß nicht, ob ich noch hätte weitermachen können, ob ich noch ein Läufer wäre“, sagt Johannes Motschmann. Der 24-Jährige von der LG Nord Berlin, der bei der EM am Dienstag im Vorlauf über 3 000 Meter Hindernis antritt, ist vor vier Jahren in die USA gezogen. Er war verletzt gewesen, plagte sich zudem mit Seitenstechen. „Bei mir war die Motivation unten. Ich habe auch nicht die Unterstützung erfahren. Ich war nicht mehr im DLV-Kader. Auch vom Verein kam nicht viel“, sagt er.

Damals startete er für den SC Magdeburg. Die damaligen Bundestrainer, Motschmann war im Jugendkader, rieten ihm vom Studium in den USA ab: Du wirst verheizt, hieß es. „Ich hätte es auch nicht gemacht, wenn ich im Kader geblieben wäre. Vorher war mir gesagt worden: ’Mach dir keine Sorgen, du bleibst drin’“, erinnert sich Motschmann.

Doch ist gerade in Deutschland der Leistungsdruck enorm, wenn Leichtathleten den Jugendklassen entwachsen. Jedes Jahr müssen sie sich aufs Neue für den Bundeskader empfehlen. Wer in den Olympiakader will, muss einen Platz unter den ersten acht bei Olympia oder einer WM vorweisen, in Jahren ohne Olympia und WM eine EM-Medaille. Für den Perspektivkader sind nach Alter gestaffelte Normen zu erfüllen. Im Marathon der Männer sind das beispielsweise 2:12 Stunden, für die EM hingegen reichten 2:14 Stunden. Die Folge der Hatz: 19 deutsche EM-Teilnehmer gehören keinem Bundeskader an.

Dabei ist die Kaderzugehörigkeit für die meisten gleichbedeutend mit der grundlegenden Absicherung. Denn nur wer im Kader ist, kann auch von der Deutschen Sporthilfe unterstützt werden. 101 EM-Teilnehmer sind im Förderprogramm, 72 von ihnen erhalten im Top-Team und im Top-Team Future monatlich Geld. 300 bis 600 Euro als Grundlage plus 400 Euro für Eliteathleten (vier) und Studenten (22). Acht Elitenachwuchssportler bekommen 200 Euro zusätzlich. Der Verband selbst fördert durch die Finanzierung von Trainingslagern und ermöglicht den Besuch der Olympiastützpunkte, wo die Sportler Physiotherapie in Anspruch nehmen können.

Zu frühes Aussieben

All das ist notwendig, aber nicht ausreichend, vor allem weil beim Übergang zum Erwachsenenbereich zu früh ausgesiebt wird, anstatt auf einen späten Leistungssprung zu warten, der vor allem bei Läufern häufig erst mit Mitte 20 kommt. Wie auch bei Motschmann. 2011 war er deutscher Jugendmeister im Hindernislauf, im Jahr darauf stürzte er zweimal und lief deshalb erst mal gar nicht mehr über Hindernisse. 2013 bremste ihn eine Verletzung, da war er 19 Jahre alt. Eine typische Entwicklung, wenn die Trainingsumfänge gesteigert werden, der Körper sich wandelt. Für Motschmann war es das Ende der Kaderzugehörigkeit.

Rettung brachte das Psychologie-Studium an der Iona University New York. Deutsche Leichtathleten finden in den USA dank Sportstipendien paradiesische Bedingungen vor. „Es ist für fast alles gesorgt: Wohnung, Essen, Trainingsmöglichkeiten, medizinische Versorgung“, sagt Motschmann. Er ist kein Einzelfall. Die Berliner Langsprinterin Karolina Pahlitzsch (SV Preußen Berlin) ging ebenfalls 2014 in die USA, an die University of Nebraska, inzwischen ist sie an der University of Arizona. Auch sie wäre in Deutschland wohl nicht mehr aktiv, gehört keinem Kader an, ist für die 4x400-Meter-Staffel nominiert.

Mit 10 000-Meter-Teilnehmer Sebastian Hendel, 22, teilte Motschmann zwei Jahre das Zimmer in New York, Elena Burkard (3 000 Meter Hindernis) war fünf Jahre in den USA. Siebenkämpferin Louisa Grauvogel, 21, Stabhochspringer Torben Laidig, 24, Dreispringerin Jessie Maduka, 22, sowie die Marathon-Läufer Laura Hottenrott, 26, und Philipp Baar sind noch dort.

Motschmann fand in den USA die Lust an den Hindernissen wieder, in dieser Saison steigerte er seine Bestleistung von 8:46 auf 8:33 Minuten. Zehn Monate verbringt er normalerweise in den USA von August bis Juni. „Die Bahnsaison konnte ich dieses Jahr auslassen, um mich auf die Saison hier zu konzentrieren“, sagt er. Die Heim-EM war der Ansporn, erstmals darf er nun das Nationaltrikot tragen. Wie auch Pahlitzsch. „Das motiviert mich, dass ich dran bleibe und weitermache, auch wenn ich dann nach Berlin zurückkomme. Das ist ein Push“, sagt sie. „Die Staffelnominierung ist ein erster Schritt zu den Erwachsenen.“

Mehrere Hundert deutsche Athleten in den USA

Das amerikanische College-System greift genau dort, wo die deutsche Förderung schwächelt. Beim Übergang vom Nachwuchs- in den Erwachsenenbereich. Allein die 2009 von den deutschen Leichtathleten Simon Stützel und Thomas Bojankowski gegründete Vermittlungsagentur Scholarbook bringt inzwischen jedes Jahr 70 bis 80 deutsche Leichtathleten an US-Colleges, etwa 550 sind es insgesamt seit der Gründung. Vier Kunden sind nun bei der EM: Laidig, Maduka, Hottenrott, Baar.

Die Vielfalt der Disziplinen und Lebenswege macht es schwierig, eine passende Förderung für alle zu finden. Langstreckler Richard Ringer freut sich, dass die Sporthilfe den Verdienstausfall bei seinem Arbeitgeber übernimmt, Kugelstoß-Weltmeisterin Christina Schwanitz über die Freiheiten, die ihr das System gewährt. „Man muss erst Leistung bringen, dann bekommt man was. Daher ist es für mich jetzt einfach“, sagt sie. Sie wird nach der Geburt von Zwillingen gesondert von der Deutschen Sporthilfe unterstützt wie auch Diskus-Olympiasieger Christoph Harting, der Olympia-Dritte Daniel Jasinski (Diskus) und die WM-Zweite von 2015, Cindy Roleder (110 Meter Hürden) nach Verletzungen. Ihren Kindern würde Schwanitz trotzdem vom Leistungssport abraten. Zu verschleißend, zu wenig Unterstützung.

Dabei brauchen Leichtathleten oft gar nicht viel zum Glücklichsein. Im Januar ist Motschmann quasi in Abwesenheit zur LG Nord gewechselt, in die Stadt, aus der seine Mutter stammt. „Ich habe von Vereinspräsident Klaus Brill eine super Unterstützung bekommen“, sagt er. Was das heißt? Fahrtkostenerstattung und: „Mir reicht es als Läufer, dass sich mal wer erkundigt, dass auf einer Vereinswebseite mal ein Ergebnis steht und ein Athleten-Profil erstellt wird“, sagt Motschmann.