Nach Pokalsiegen über Hertha BSC und Werder Bremen hofft der Drittliga-Tabellenführer Arminia Bielefeld am Mittwoch gegen Borussia Mönchengladbach auf den nächsten Coup. Zu den Führungsspielern der Bielefelder gehört der Kreuzberger Christian Müller, der in Gropiusstadt das Fußball spielen lernte, bevor er sich als junger Profi kurz nach dem Erstliga-Debüt für Hertha so schwer verletzte, dass seine Karriere ins Stocken kam. Im Interview spricht Müller über seine Fehler, den Drittliga-Alltag und den Humor von Fußballlehrern.

Haben Sie schon Ihren Trainer am Käsebrötchenessen gehindert?

Wieso sollte ich?

Um die Jugendarbeit Ihres Vereins zu unterstützen, der eine App damit auf den Markt gebracht hat, deren Erlöse dem Nachwuchs helfen.

Ja, die habe ich schon gespielt. Ist okay.

Ist die Aufregung vor dem Pokalspiel gegen Mönchengladbach groß?

Für mich nicht. Für mich ist es ein Spiel wie jedes andere.

Ist Gladbach eine Nummer zu groß für Bielefeld?

Wir stehen nicht umsonst auf dem ersten Platz der Dritten Liga. Wir müssen in jedem Spiel an unsere Grenzen gehen. Ich denke, dass die Gladbacher wissen, was wir zu Hause für ’ne Macht sind mit den Fans im Rücken. Die nehmen uns nicht auf die leichte Schulter. Auch Gladbachs Spiel in Offenbach stand lange offen, bis einer den Ball zufällig mit der Hand gespielt hat, sonst wäre Gladbach da auch nicht in Führung gegangen.

Wo liegt der Unterschied zwischen dem Fußball eines Erst- und eines Drittligisten?

Einige unserer Gegner hatten sich das bestimmt leichter vorgestellt. In der Bundesliga hat man mehr Raum, in der Zweiten Liga etwas weniger, und in der Dritten Liga fängt es erst mal mit dem Kampf an.

Wie kommen Sie als technisch versierter Spieler mit dem Stil zurecht?

Ich denke, ich käme mit meinem Spielstil in der Ersten oder Zweiten Liga noch besser zurecht. Ich habe die Dritte Liga sehr gut angenommen. Ich bin in der Blüte meines Lebens und spiele die beste Saison meines Lebens, mit neun Toren.

Wie schwer ist es, mit der Begeisterung des Tabellenführers nicht dem Gegner ins offene Messer zu laufen?

Wir wollen so spielen wie immer: gut stehen und die Konter, die wir haben, die ein, zwei, drei, vier erfolgreich abschließen, damit fast jede Chance ein Treffer ist.

Als Sie vor gut zehn Jahren für Hertha BSC in der Bundesliga debütierten, wähnten Fachleute Sie vor einer Karriere, die dauerhaft Gegner wie Mönchengladbach vorhält. Trauern Sie den verpassten Chancen nach?

Ganz am Anfang. Aber irgendwann muss man realisieren, wo man gerade ist, und da weitermachen. Ich habe mich damit abgefunden. Ich nehme heute jedes Spiel so ernst, als wenn ich erste Liga spielen würde.

Was ist falsch gelaufen, nachdem Sie sich in Ihrem ersten U-21-Länderspiel gegen Polen 2004 Schien- und Wadenbein brachen und über zwei Jahre aussetzen mussten?

Zu einer schlechten Wundheilung kam das schlechte Leben mit abends ausgehen, den Körper nicht pflegen. Normal sagt man sechs Monate Pause, bei mir waren es zwei, zweieinhalb Jahre.

Hätten Sie sich mehr Ratschläge und Disziplin gewünscht?

Ich habe ja die Unterstützung vom Verein und Dieter Hoeneß bekommen. Aber wenn man so jung ist wie ich, macht man Fehler. Wo ich herkomme, aus Berlin-Kreuzberg, macht man vieles alleine. Da lässt man sich auch in so einer Situation nicht helfen. Ich kam nicht optimal in die Reha, wurde zurecht gestutzt. Das ist normal. Ich habe das aber nicht angenommen. Sonst wäre es vielleicht auch anders gelaufen. Aber ich stehe dazu und kann heute immer noch spielen mit 21 Operationen. Keiner hätte das mehr gedacht, nachdem mir zwei Mal sogar eine Amputation drohte.

Was haben Sie aus der Zeit gelernt?

Ich bin gereift. Ich weiß heute, wie man in der Reha zu arbeiten, wie man sich zu ernähren hat. Alkohol gibt es für mich heute eh gar nicht mehr zu sehen. Wenn ich nicht wüsste, wie ich zu arbeiten habe, hätte ich ja auch nicht vier Wochen, nachdem ich mir drei Tage vor dem Pokalspiel gegen Hertha den Außenmeniskus gerissen hatte, wieder auf dem Platz gestanden. Heute helfe ich jungen Spielern, wie ich es damals von van Burik, Simunic, Kovac gelernt habe.

Ist es leichter für Sie, in Bielefeld erfolgreich Fußball zu spielen, fern der Heimat mit all den Verlockungen?

Nein, ach Quatsch. Ich bin aus dem Alter raus, in dem man sich zu irgendwelchen Sachen verlocken lässt. Ich bin älter geworden und würde nicht mehr der Versuchung erliegen. Ich weiß, wann ich mal feiern kann und wann nicht.

Wie erklären sich Ihre Wechsel zwischen Bielefeld und Cottbus?

Ich wollte schon nach dem ersten Bielefelder Abstieg mit Ewald Lienen bleiben. Aber das hat nicht gepasst. Dann rief Cottbus zufällig noch mal an. Da habe ich unter Pele Wollitz relativ viel gespielt, dann kam Rudi Bommer − ich habe nicht mehr viel gespielt, und die haben mir geraten, den Verein zu verlassen. Ich bin ein Typ, der viel lacht, viele Späße macht. Ich mache die Übungen ernsthaft, aber ich brauche dann dieses Lachen − bei Pele war das da, Bommer hat darauf nicht so Wert gelegt. Da meldete sich dann Bielefeld zufällig wieder, und da passte es.

Wie passt das in Bielefeld mit Trainer Meier, der den Eindruck macht, zum Lachen in den Keller zu gehen?

Da liegen Sie falsch. Mit dem kann man Scherze machen, und er macht selbst auch Scherze. Ein Hammertyp. Er wusste schon, als er kam, was ich für ein Typ bin, und hat den ersten Satz direkt mit ’nem Spaß begonnen. Er verlangt viel, aber wenn du das machst, bist du gut dabei. Ich bin dann auch nach dem Abstieg geblieben und habe finanziell auf viel verzichtet, weil ich wieder gutmachen wollte, dass ich mit schuld am Abstieg war.

Haben Sie mit Berlin abgeschlossen?

Nein, meine Freunde sind noch da. Ich habe engen Kontakt zu Hertha durch Änis Ben-Hatira, weil ich mit ihm aufgewachsen bin. Klar verfolge ich Hertha. Das ist der Verein, mit dem ich aufgewachsen bin. Die haben mich in meiner Verletzungszeit sehr unterstützt. Und ich bin auch noch mit vielen Spielern in Kontakt, mit denen ich mal gespielt habe, wie Jérôme Boateng.

Trauen Sie sich Erste Liga noch zu?

Ich traue mir alles zu. Erste Liga will jeder Spieler, ob es jetzt in Berlin ist oder sonstwo. Käme es dazu noch mal, würde keiner nein sagen.

Das Gespräch führte Jörg Winterfeldt