So richtig raus aus Berlin hat er es nie geschafft. Sven Kretschmer, 48, spielte in der Jugend unter anderen beim SC Siemensstadt, bevor es ihn als 18-Jährigen zu Hertha BSC zog. Nach 88 Pflichtspielen und 14 Toren für die Blau-Weißen in der Zweiten Liga und der Bundesliga, verließ der Mittelstürmer die Stadt lediglich für ein Jahr, spielte 1992/1993 für Eintracht Braunschweig. Über den Spandauer SV und die Reinickendorfer Füchse landete Kretschmer 1999 bei Herthas U23, für die er bis 2005 seine Schuhe in der Oberliga schnürte.

Nun steht Kretschmers zweiter Karriereweg konträr zu seiner Heimatverbundenheit, denn bereits zum Ende seiner aktiven Zeit arbeitete der Berliner als Talentsucher für den damaligen Hertha-Manager Dieter Hoeneß, der oft und meist für hohe Summen Spieler aus Brasilien verpflichtete: Kretschmer kam herum in der Welt. Nachdem Michael Preetz die Geschäfte von Hoeneß 2009 übernommen hatte, nachdem Hertha in die Zweite Liga abgestiegen war, änderte sich die strategische Ausrichtung beim Scouting.

„In Berlin und Brandenburg gibt es sechs Millionen Einwohner, darunter natürlich auch viele Talente, die es zu entdecken gibt“, erklärt Preetz, der Kretschmer 2010 zum Chefscout beförderte. Als Ausbildungsverein verfolge Hertha das Ziel, förderungswürdigen Nachwuchs so früh wie möglich zu entdecken, ihn in der in der eigenen Akademie an die Bundesliga heranzuführen – und einzelne Spieler später Gewinn bringend zu verkaufen. Gefahndet wird seitdem vom Spreewald bis zur Ostsee, in Deutschland und im nahen Ausland.

Bei der Suche nach Talenten wird Kretschmer von Torsten Wohlert, 53, und Olaf Kapagiannidis, 50, unterstützt, auch sie sind ehemalige Profis. Dazu kommen externe Scouts. Wichtige Informationsquelle sind verschiedene Datenbanken. „Es gibt heute den gläsernen Spieler. Entscheidend ist nur, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen“, hat Kretschmer der Morgenpost gesagt. Bevor wir einen Spieler verpflichten, schauen wir ihn uns oft im Training bei seinem Klub an: Wie präsentiert er sich? Wie geht er mit seinen Trainern und Mitspielern um? Danach gibt es keine Geheimnisse mehr.“

Die Zahlen sprechen für Kretschmer und sein Team. Da ist etwa John Anthony Brooks aus Zehlendorf, dessen Wechsel nach Wolfsburg 2017 die damalige Rekordablöse von 18 Millionen Euro einbrachte. Heute stehen elf Spieler aus der eigenen Akademie im Bundesligakader. Jordan Torunarigha (Chemnitz), Arne Maier (Ludwigsfelde) und Maximilian Mittelstädt (Zehlendorf) zählen zum erweiterten Stammpersonal.