Berlin - Wegen der anhaltenden Corona-Pandemie hat der Box-Weltverband (Aiba) die Weltmeisterschaft der Frauen, die Anfang Dezember in Istanbul hätten stattfinden sollen, auf 2022 verschoben. Die Männer-WM in Belgrad ist gerade zu Ende gegangen, und für die Aiba war sie laut eigener Bewertung ein rauschendes Fest. Ob das Internationale Olympische Komitee das auch so sieht? Noch zürnt das IOC mit der Führung der Boxer und droht mit dem Rauswurf der Sportart aus dem olympischen Programm. Der Graben wurde erneut sichtbar, als WM-Ausrichter Serbien der Mannschaft des Kosovo die Einreise verweigerte, weil die Serben die selbstständige Republik nicht anerkennen. Dieser Vorfall, so das IOC, „verstärkt die ernsten Bedenken, die das IOC in Bezug auf die Führung dieses suspendierten internationalen Verbandes hat“.

Die olympische Regierung in Lausanne hatte den Boxerverband im Mai 2019 wegen fehlenden Reformwillens, Kampfrichterskandalen und Misswirtschaft suspendiert. Damals war Gafur Rachimow Aiba-Präsident. Dem Usbeken wurde die Organisation von Drogen-Geschäften nachgesagt. In den USA stand er auf der Sanktionsliste des Finanzministeriums, sein Vermögen wurde eingefroren. Rachimow hat immer alles bestritten.

Kremlew war früher Mitglied der Nachtwölfe

Im Frühjahr 2019 zog sich der Usbeke zurück. Fortan übernahm der Marokkaner Mohamed Moustasahne die Geschäfte als Interimspräsident. Die Schuldenlast von bis zu 30 Millionen Dollar, die der Verband unter dem früheren Präsidenten Wu Chin-Kuo aus Taiwan (2006 bis 2017) angehäuft hatte, lähmte die Aiba. Einige Schulden wurden in Sponsorenverträge umgewandelt, 16 Millionen Dollar an Außenständen blieben. Als der überforderte Moustasahne seinen Stuhl räumte, wurde im Dezember 2020 der Russe Umar Kremlew an die Spitze gewählt.

„Ich bin sauber. Ich habe nichts zu verbergen“, schwört Kremlew, der seit Ende 2018 zum Führungszirkel der Aiba gehört. Das 40 Jahre alte frühere Mitglied des nationalistischen Motorrad-Rockerclubs Nachtwölfe hat die nationalen Boxverbände nach anfänglicher Zurückhaltung für sich gewonnen. „Die Aiba ist auf dem richtigen Weg. Wir werden der ehrlichste, sauberste und transparenteste Sportverband“, behauptet er im ZDF.

Kampfrichter überprüft, Satzung neu geschrieben

Als Hauptsponsor holte Kremlew Gazprom ins Boot. Seither ist die Aiba schuldenfrei. Erstmals in der WM-Geschichte wurden in Belgrad Siegprämien in Höhe von 2,6 Millionen Dollar gezahlt.

Kremlew lädt international anerkannte Fachleute ein und fordert sie auf: Krempelt den Laden um! Das Wirtschaftsprüfungsunternehmen Pricewaterhouse Coopers durchleuchtet Geschäftstätigkeit und Finanzströme, Chefermittler Richard McLaren bat er, Rechtsbrüche und Skandale zu untersuchen. Zudem beauftragte er den Kanadier, mit seinem Team die Kampfrichter zu überprüfen und verdächtige Kandidaten auszusortieren. Eine neue Satzung entstand unter Mitarbeit des deutschen Rechtswissenschaftlers Ulrich Haas, der auch deren Durchsetzung überwacht.

„Wir haben der Aiba ein Werkzeug gegeben, ihren Verband auf den richtigen Weg zu führen, und es dürfte zudem eine Blaupause für andere Sportarten sein“, sagt McLaren. Im Zentrum steht das Kampfrichterwesen. Dass Unparteiische geschmiert und Urteile abgesprochen wurden wie bei Olympia 2016, als am Ende das komplette Team von 36 Kampfrichtern lebenslang gesperrt wurde, brachte das Fass zum Überlaufen. „Bei den Wahlen im nächsten Jahr trennen wir uns von vorbelasteten Personen“, sagt DBV-Sportdirektor Michael Müller, der in der Aiba dem Wettkampfkomitee vorsteht.

Kremlew und seine Nähe zu Wladimir Putin

Zum zweiten Mal nach der WM 2019 gab es in Belgrad die Möglichkeit, Proteste gegen Kampfurteile einzulegen. Ein Gutachter (Evaluator) und ein Beobachter (Observer) prüfen das unabhängig. Hat auch nur einer Zweifel am Urteil, wird der Kampf neu bewertet. In Belgrad kostete ein Protest nichts. Zwei Jahre zuvor waren es 500 Dollar. Bei 590 WM-Kämpfen lag die Protestquote unter zehn Prozent. Bei Olympia in Tokio gab es das Protestrecht nicht. Dort hatte eine Task Force des IOC das Boxturnier für die suspendierte Aiba organisiert.

Unbehagen löst bei so manchem allerdings Kremlews Nähe zu Wladimir Putin aus. Russische Medien haben ihm eine kriminelle Vergangenheit unterstellt. Und was passiert, wenn Kremlew nicht wiedergewählt wird? Präsentiert dann Gazprom der Aiba einen Schuldschein in Höhe der getilgten Außenstände?

Erst wenn die Aiba zurückkehrt unters Olympia-Dach, erhält sie aus dem prallen Vermarktungs- und TV-Topf des IOC ihren Millionen-Anteil. „Es scheint, als gäbe es großes Interesse im IOC, den Boxsport rauszuhalten“, sagt DBV-Ehrenpräsident und Aiba-Führungsmitglied Jürgen Kyas. Er vermutet andere Absichten im IOC. Dort braucht man Platz für neue, junge Sportarten, die bestens im TV zu vermarkten sind.