Fachgespräch: Prof. Dr. Rainer Knöller mit DLV-Generaldirektor Sport Idriss Gonschinska (l.) bei der deutschen Leichtathletik-Meisterschaft 2019 in Berlin.
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BerlinSeit 2019 ist Rainer Knöller beim Deutschen Leichtathletikverband (DLV) der Head of Science, auch Leitender Bundestrainer Wissenschaft genannt. Der 55-Jährige erklärt im Interview, warum Pulsuhr und Brustgurt längst nicht mehr das Maß aller Dinge im Training sind, wieso technische Daten und Messungen allein eben nicht ausreichen. Und worauf Freizeitläufer achten sollten.

Berliner Zeitung: Herr Knöller, was macht ein Bundestrainer Wissenschaft?

Rainer Knöller: Eigentlich ist die Formulierung Bundestrainer Wissenschaft etwas irreführend, denn ich trainiere keine Athleten, bin also auch kein echter Trainer. Stattdessen arbeite ich als eine Art wissenschaftlicher Berater im DLV für die Trainer und Athleten. Ich bin jemand, der Projekte zur wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung initiiert und betreut, um die Ergebnisse daraus im Anschluss für Trainingsprozesse nutzbar zu machen.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Der DLV arbeitet mit verschiedenen wissenschaftlichen Partnern zusammen. Im Laufsport kooperieren wir beispielsweise zur Trainings- und Leistungserfassung mit dem Leipziger Institut für Angewandte Trainingswissenschaft. Und seit einigen Jahren wird auch innerhalb des DLV noch mehr wissenschaftlich gearbeitet. Unter anderem haben wir ein Monitoring-System eingeführt.

Was funktioniert Monitoring?

Das Monitoring von Trainingsprozessen unterscheidet sich heute grundlegend von dem, was wir früher hatten. Die Messinstrumente und Möglichkeiten zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn entwickeln sich rasant. Früher gab es nur Brustgurt und Pulsuhr. Heute gibt es Ringe und Knopfsensoren, die nicht nur den Puls, sondern auch die Herzratenvariabilität festhalten. Und die Sauerstoffsättigung im Blut eines Athleten kann man mittlerweile an dessen Finger messen.

Wie hilft das im Laufsport?

Wir haben hier einige sehr ausgefeilte und aufwendige Diagnostikmethoden. Beispielsweise messen wir mithilfe von Kraftmessplatten den Körperschwerpunkt eines Athleten sowie seine Knie- und Hüftwinkel in der Bewegung. Es ist sehr wichtig zu wissen, ob ein Sportler seinen Schwerpunkt exakt über der Körperachse hat oder nicht. Dazu messen wir bei unseren Läufern in Tests ihr Blutlaktat und ihre Herzfrequenz bei Belastung. So können wir feststellen, wie sehr sich Läufer bei gegebener Laufgeschwindigkeit anstrengen müssen, und an einer guten Laufökonomie bei sinkendem Sauerstoffverbrauch arbeiten.

Wie genau funktioniert nun Ihr Monitoring?

Das Monitoring-System ist seit dem Frühjahr vollumfänglich für die Olympiavorbereitung im DLV etabliert und verbindet technische Messungen mit persönlichem Nachfragen beim Athleten. Es funktioniert so, dass unsere Athleten jeden Morgen per Handy ihren nachts gemessenen Ruhepuls in eine Datenbank eintragen und dort Fragen zu ihrem Wohlbefinden und Regenerationszustand beantworten. Auch ihre Verletzungshistorie und ärztliche Befunde werden von ihnen dort abgelegt.

Welche Fragen sollen die Athleten beantworten?

Wie geht es mir heute Morgen? Wie lange und wie gut habe ich geschlafen? Wie fühle ich mich muskulär? Wie hoch ist mein Stresslevel? Das sind die wichtigsten Faktoren, die bei einem Athleten zusammenkommen, in Kombination so allerdings nicht messbar sind.

Was bringen all diese Informationen?

Stellen Sie sich einen Arzt vor, der gerade einen Patienten operiert hat. Obwohl der Arzt alle möglichen messbaren Daten zu dem Patienten hat, fragt er ihn nach dem Aufwachen als Erstes, wie es ihm geht. Einfach, weil der Arzt das nicht wissen kann! Ähnlich ist das bei uns. Wenn ein Sportler im Schnitt einen Ruhepuls von 50 hat, morgens dann aber plötzlich 58 misst, ist das eine deutliche Erhöhung, die einfach messbar ist. Sie kann aber verschiedene Ursachen haben. Vielleicht muss der Körper eine Belastung erst noch abarbeiten, vielleicht ist aber auch ein Infekt im Anflug. Durch das Nachfragen versuchen wir das einzugrenzen. Es wird immer behauptet, man könne alles messen und umso mehr Daten man hat, desto besser. Das ist aber nicht ganz so. Big data and small data!

Wie helfen die Daten dem Athleten?

Der Athlet wird dazu gebracht, sich selbst zu fragen: Was habe ich gestern im Training gemacht, wie habe ich das vertragen und was ist dabei herumgekommen? Um danach mit dem Trainer abzustimmen: Mache ich heute eher mehr oder weniger?

Es geht um ein maßgeschneidertes Training?

Es gibt immer noch viele Sportler und Vereine, die nur auf Trainingszahlen gucken. Es heißt dann, dass man nur erfolgreich sein kann, wenn man als Sprinter täglich eine fixe Anzahl an Sprints mit maximalem Tempo läuft. Oder dass man als Läufer im Schnitt mindestens 100 Kilometer pro Woche laufen muss.

Ist das nicht so?

Im Prinzip ist das alles richtig. Zumindest im Leistungs- und Profisport liegt die Würze aber in der Feinabstimmung des Trainings. Wenn ich zu bestimmten Zeiten zu viel trainiere und überziehe, entstehen Fehlanpassungen und ich laufe Gefahr, mich zu verletzen. Also schauen wir genauer hin. Man muss jedoch deutlich zwischen Spitzen- und Breitensport unterscheiden.

Inwiefern?

Aus meiner Sicht sollte man einfach das Laufen genießen und nicht so viel denken. Auch, weil es sehr schwer ist, einen so grundlegenden Bewegungsablauf wie das Laufen zu verändern. Linker Fuß vor, rechter Fuß vor – das ist so unterbewusst abgelegt, dass man in der Regel nicht einfach sagen kann: Jetzt zieh deinen linken Schritt halt mal ein Stück länger.

Worauf  kommt es stattdessen an?

Ich persönlich finde es superwichtig, dass man läuft und sich dabei selbst wahrnimmt. Stattdessen sind viele Leute wahnsinnig fixiert darauf, wie irgendeine Uhr sie wahrnimmt. Ich will das gar nicht verteufeln, da wir nun mal in einer sehr technikaffinen und -hörigen Generation angelangt sind. Vielmehr geht es darum, wie sie eingesetzt wird. Selbst bei unserem Trainingsmonitoring achten wir darauf, dass unsere Sportler nicht sklavisch auf ihre Werte achten. Das System soll eher als Stütze im Hintergrund dienen.

Was bringt die Zukunft in der Leistungsdiagnostik?

In fünf Jahren sollten wir in der Lage sein, alle interessanten Werte zu messen und zu speichern, ohne dass irgendjemand dafür etwas machen muss. Aber auch dann werden Algorithmen und Monitoring keinem Sportler das Training abnehmen oder es überflüssig machen, in sich hineinzufühlen. Wir sind Menschen und werden keine Cyborgs als Sportler haben, und das ist auch gut so.