Bern - Endlich konnte Fabian Lustenberger, 31, einen repräsentativen Pokal in die Höhe recken. Den großen, silbernen Henkelpott, der in seiner Form an die begehrte Trophäe der Champions League erinnert, bekam der neue Kapitän des Schweizer Meisters Young Boys Bern am zurückliegenden Wochenende in Biel für den Sieg beim traditionsreichen Uhrencup überreicht. Bern hatte zuerst Eintracht Frankfurt nach einem furiosen Auftritt mit 5:1 besiegt und danach den englischen Premier-League-Klub Crystal Palace mit 2:0 bezwungen. „Das Turnier war ein guter Test, die Spiele besaßen ordentliches Niveau“, sagte Abwehrmann Lustenberger, der gegen das Team aus London 90 Minuten spielte.

„Das ging schnell mit einem Pokal“, sagt Lustenberger am Telefon und lacht. In seiner Zeit bei Hertha BSC, wohin er 2007 vom FC Luzern gewechselt und bis zum Mai dieses Jahres Stammspieler war, konnte er nie über wichtige Pokale jubeln. Stattliche 220 Erstligaspiele und 51 Zweitligaduelle bestritt Lustenberger für Hertha und erlebte sieben Cheftrainer. Von 2013 bis 2016 amtierte er sogar als Kapitän. Trainer Jos Luhukay hatte ihn bestimmt und erst Pal Dardai war es, der dem Schweizer später die Binde entzog und den emotionaleren Vedad Ibisevic zum Spielführer ernannte.

Einstimmige Entscheidung

Nun aber, nach seinem Wechsel vor wenigen Wochen in die Heimat zum Meister nach Bern, ist Lustenberger wieder der „Captain“, wie die Schweizer sagen. Es habe viele Gespräche im Mannschaftskreis gegeben, sagte Cheftrainer Gerardo Seoane – wie Lustenberger einst in Luzern aktiv – und die danach folgende Wahl des erfahrenen Profis könne man als einstimmig bezeichnen. „Fabian ist eine Persönlichkeit, er denkt immer zuerst an das Wohl der Mannschaft“, lobt Seoane. Der Trainer hatte Lustenberger zuerst als neuen Captain vorgeschlagen und sich ausgiebig mit seinen Führungsspielern beraten.

Kurios: Lustenberger übernimmt die Kapitänsbinde von seinem sehr guten Freund Steve von Bergen, 36, der seine lange Karriere nun beendet hat. Von Bergen kam zwischen 2007 und 2010 auch zu 68 Erstligaspielen für Hertha BSC.

Einige Fans in der Schweiz hatten gehofft, dass Lustenberger vielleicht zu seinem Heimatklub, dem FC Luzern, zurückkehrt, wo er einige Spiele als ganz junger Profi gemeinsam mit Seoane bestritt. Seine Familie lebt wieder nahe Luzern. Doch der dreimalige Nationalspieler entschied sich für die attraktivere sportliche Perspektive und bekam einen Dreijahresvertrag. Er pendelt nun jeden Tag eine Stunde mit dem Auto von seinem Wohnort nach Bern. „Das macht mir Spaß, in Berlin fährt man ja auch oft so lange“, sagt Lustenberger, „ich fühle mich wohl dabei. Überhaupt geht es mir sehr gut.“

Chance auf Champions League

Mit den Young Boys, die zuletzt den Meistertitel mit 22 Punkten Vorsprung vor dem FC Basel gewannen, geht Lustenberger Mitte August in die Play-off-Runde der Champions League. In der Vorsaison gelangte Bern unter Trainer Seoane in die Gruppenphase der Königsklasse und hielt sich gegen Manchester United, Juventus Turin und den FC Valencia sehr achtbar. Das machte den Trainer, der als einer der ganz großen Talente seiner Zunft in der Schweiz gilt, auch für andere Klubs interessant. Auch bei Hertha BSC wurde Seoane als Nachfolger von Pal Dardai gehandelt, gekommen ist stattdessen sein Assistenztrainer Harald Gämperle. Seoane ließ in Bern zuletzt oft spektakulären und mutigen Fußball spielen, was auch Lustenberger reizte.

Wenn man Fabian Lustenberger derzeit bei Interviews hört, ist er für deutsche Ohren schwer zu verstehen. Mit seinen Mannschaftskameraden, die er vor allem im Trainingslager im Zillertal kennenlernte, und Journalisten spricht er Schweizer-Deutsch. Er sagt, er fühlt sich gut integriert. „Ich will Leistung bringen und die jungen Leute mit meiner Erfahrung anleiten. Meine Vorfreude auf die Meisterschaftsspiele ist groß.“ Schon am kommenden Sonntag treffen die Young Boys im Stade de Suisse zum Auftakt auf den Aufsteiger Servette Genf, wo einst Lucien Favre als Spieler und Trainer erfolgreich war. „Bis dahin gebe ich Gas im Training“, sagt Lustenberger, „ich will dann in Bestform sein.“