Fahrlässige Kaderplanung: Jetzt soll es bei Hertha Youngster Dardai richten

Manager Fredi Bobic hat es versäumt, ein Worst-Case-Szenario für die Abwehr durchzuspielen. In der Not darf/muss jetzt der verunsicherte Nachwuchs ran.

Marton Dardai kommt gegen Dortmund wahrscheinlich von Beginn an zum Einsatz.
Marton Dardai kommt gegen Dortmund wahrscheinlich von Beginn an zum Einsatz.City-Press/Burmann

Plötzlich ist er wieder ein Thema, sogar ein Kandidat für die Startelf von Hertha BSC beim Heimspiel gegen Borussia Dortmund am kommenden Sonnabend im Olympiastadion. Ja, Marton Dardai soll am vierten Spieltag der Fußball-Bundesliga in der Innenverteidigung an der Seite von Marc Oliver Kempf mit einer fehlerfreien Leistung die Basis für den ersten Saisonsieg der Blau-Weißen schaffen, nachdem der 20-Jährige vor drei Wochen von Trainer Sandro Schwarz beim Ligaauftakt gegen den 1. FC Union Berlin noch nicht einmal in den Kader berufen worden war, also komplett außen vor statt mittendrin war.

So schnell kanns gehen, wenn sich im Team aus unterschiedlichsten Gründen ein akuter Mangel an Innenverteidigern auftut. Wenn sich die einen verletzen (Filip Uremovic) oder krank sind (Linus Gechter), andere wiederum der Reihe nach verabschiedet werden: Dedryck Boyata (FC Brügge), Niklas Stark (SV Werder Bremen), Jordan Torunarigha (KAA Gent) und Omar Alderete (FC Getafe). Kurzum: Wenn der Kaderplaner – und das ist in diesem Fall Fredi Bobic – für die Defensive offenbar kein Wort-Case-Szenario durchgespielt und dementsprechend vorgesorgt hat.

Seit 2012 in den Farben der Hertha

Es ist jedenfalls so, dass sich der Geschäftsführer Sport wenige Tage vor dem Ende der Transferperiode zu einer späten Kaderergänzung gezwungen sieht, beziehungsweise dass sich womöglich ein junger, verunsicherter Spieler wie Dardai in einer extremen Drucksituation keinen spielentscheidenden Fehler erlauben darf. Nur ein Punkt aus drei Spielen steht zu Buche, im Pokal ist man in Runde eins gescheitert, Hertha braucht dringend einen Erfolg für eine Trendwende.

Marton Dardai trägt seit 2012 die Farben von Hertha BSC, war im Klub von der C- bis in die A-Jugend ein Leistungsträger, kam von der U16 bis U19 regelmäßig in den Jugendauswahlmannschaften des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zum Einsatz. Er hat Talent, das steht außer Frage, offenbar auch einen klaren Kopf, um aus diesem Talent schließlich auch etwas zu machen. Und doch zeigt sich an seinem Beispiel, wie schwer es bei Hertha die Eigengewächse haben, um in Ruhe reifen, um den Übergang von Junioren- in den Seniorenbereich meistern zu können. Siehe Arne Maier, Torunarigha, Luca Netz, Palko Dardai, Jessic Ngankam, um an dieser Stelle nur ein paar wenige von vielen Namen zu nennen.

Zeichen standen schon auf Abschied

Seit seinem Debüt in der Bundesliga unter Bruno Labbadia im November 2020 hat es Marton Dardai inklusive Labbadia mit fünf Trainern zu tun gehabt und deshalb auch mit unterschiedlichsten, zum Teil abenteuerlichen Coaching-Ansätzen. Mal war er wichtig, wie unter seinem Vater Pal, der ihn zum Stammspieler machte, was im Kreis der Teamkollegen bestimmt nicht immer wohlwollend diskutiert wurde, mal war er gar nicht wichtig, wie unter dem verkopften Tayfun Korkut und dem verschrobenen Felix Magath. Korkut befürwortete gar seine Versetzung in die U23. Wie soll in so einem chaotischen, von Angst durchdrungenen Umfeld ein ins Zweifeln gekommener Youngster wie Marton Dardai den nächsten Schritt machen?

Trotz einer Vertragslaufzeit bis in den Sommer 2025 standen die Zeichen also schon mehrmals auf Abschied, auch zu Beginn dieser Saison, als Bobic dem Wechselwunsch des Spielers bei einem entsprechenden Angebot wohl auch entsprochen hätte. Die Frage ist aber doch: Warum gibt der Klub, der offenbar mal wieder nicht genug Geld hat, um Profis mit Gütesiegel zu kaufen, Marton Dardai nun nicht gleich mehrere Spiele, um sich zu beweisen?

Brooks ist eine Option

Über potenzielle Notverpflichtungen wird bereits munter spekuliert. Der 23 Jahre alte Franzose Dan-Axel Zagadou, bei Borussia Dortmund aussortiert, ist immer noch ohne Verein und damit eine mögliche, durchaus kostengünstige Option, genauso wie der 29 Jahre alte John Anthony Brooks, der vor fünf Jahren die Hertha verließ, um in Wolfsburg glücklich zu werden, aber dort nicht glücklich wurde. Trainer Schwarz sagte zu Beginn dieser Woche: „Es geht nicht darum, irgendetwas zu holen, sondern das, was der Markt hergibt und für uns darstellbar ist.“

Er hätte an dieser Stelle auch sagen können: Marton ist unser Mann. Oder: Gechter ist unser Mann. Doch auch unter Bobic und Schwarz scheint der Hertha der Mut zur Jugend zu fehlen.