Ein Transparent, das vielen Fans aus dem Herzen spricht.
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BerlinHelen Breit, 1. Vorsitzende in dem Zusammenschluss von Fanorganisationen „Unsere Kurve“, spricht über erschreckende Erkenntnisse in der Corona-Krise, eine gerechtere Verteilung der Fernsehgelder und eine neue Luxussteuer in der Bundesliga.

Frau Breit, wann waren Sie zuletzt bei einem Fußballspiel im Stadion?

Beim Heimspiel des SC Freiburg gegen Union Berlin, Anfang März vor der Unterbrechung.

Wie sehr haben Sie persönlich den Fußball vermisst?

Das fühlt sich für mich wie eine endlose Sommerpause an. Ich habe danach zwar einige Geisterspiele im Fernsehen geschaut, aber das ersetzt nicht das Stadionerlebnis: in Menschenmassen zu stehen, die Mannschaft zu unterstützen in Verbindung mit sozialen Erfahrungen. Ein Fußballspiel für einen aktiven Fan funktioniert nicht ohne soziale und körperliche Nähe.

Die Fangruppierungen haben sich in der Corona-Krise mehrfach kritisch zu Wort gemeldet. Hat es sogar geholfen, mit Abstand auf die schönste Nebensache der Welt zu blicken?

Ich glaube, dass die Zwangspause für viele dazu geführt hat, einen Schritt zurückzugehen. Wir haben ansonsten im Fan-Alltag eher mit punktuellen Themen zu tun – nun konnten wir viel besser auf die Zusammenhänge blicken. Dass dann auf einmal mehrere Vereine wegen fehlender Rücklagen von der Insolvenz bedroht sind, hat uns ob der im Umlauf befindlichen Summen dann schon erschreckt. Das war ein Weckruf für viele Fans, die sonst nicht so kritisch auf den Fußball blicken – und ein Zeichen, dass etwas grundsätzlich schiefläuft.

Auf Initiative von „Unsere Kurve“ wurde dafür im Juni das Projekt „Zukunft Profifußball“ gegründet.

Genau. Ziel ist es, auf Grundlage der Erklärung von „Unser Fußball“ Konzepte für Reformen im Profifußball auszuarbeiten. Wir finden es legitim, dass Fans mitreden und mitgestalten wollen. Wir haben nie gesagt, dass wir alleine den Profifußball verändern wollen, aber es kann nicht sein, dass die Anhänger, die dieses System zu weiten Teilen finanzieren, weil sie für Tickets, Fanartikel oder Pay-TV bezahlen und dem Profifußball seine gesellschaftliche Bedeutung verleihen, von der Mitbestimmung ausgeschlossen sind. Sie müssen auch als Stakeholder – so würde man ja in Managersprache sagen – berücksichtigt werden.

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Zur Person

Helen Breit, 33, war als Fünfjährige erstmals im Stadion, mit zehn Jahren stand sie im Kinderblock, mit 14 Jahren reiste sie zum ersten Mal zu einem Europapokalspiel nach Zürich.

Als Mitglied der Interessengemeinschaft „Supporters Crew Freiburg“ engagiert sie sich zusätzlich als Sprecherin in dem bundesweiten Zusammenschluss von Fanorganisationen „Unsere Kurve“. Zudem ist sie in die neu gegründete „Taskforce Zukunft Profifußball“ berufen worden.


Am vergangenen Montag haben Sie das Positionspapier „Integrität des Wettbewerbs“ veröffentlicht. Was fordern Sie?

Ich würde lieber von Konzepten, Empfehlungen oder Lösungsansätzen sprechen. Es geht darum, Veränderungen gemeinsam auf den Weg zu bringen, wenn die von der DFL gegründete Task Force Profifußball Ende September ihre Arbeit aufnimmt. Worum geht es uns? Um Fernsehgelder und Financial Fairplay, die Bildung von Rücklagen oder die Verhinderung von Mehrfachbeteiligungen. Das ist eine relativ lange Liste, um gleiche Voraussetzungen an einem sportlichen Wettkampf zu schaffen. Das Thema Geldverteilung spielt natürlich eine zentrale Rolle.

Würden Sie wie der Präsident des FC St. Pauli und DFL-Präsidiumsmitglied Oke Göttlich am liebsten allen Klubs dasselbe Fernsehgeld geben?

Wichtig ist uns vor allem eine deutlich gleichmäßigere Verteilung der Fernsehgelder insgesamt. Unsere Arbeitsgruppe hat sich die Verteilung der Fernsehgelder in den vergangenen 20 Jahren angeschaut. Die Spreizung der TV-Gelder zwischen dem Tabellenersten und -letzten liegt derzeit beim Faktor acht. Da sind DFL- und UEFA-Erlöse berücksichtigt. Unser Ziel wäre, den Faktor für die DFL-Medienerlöse auf 1,5 zu bringen. Aber auch die von der Uefa verteilten TV-Erlöse, gerade aus der Champions League, sorgen für große Ungleichheit.

Sollen der FC Bayern, Borussia Dortmund oder RB Leipzig den anderen Klubs etwas von ihren fetten Champions-League-Einnahmen abgeben?

Ja. Wir finden, ein Teil aus den Uefa TV-Erlösen sollte deshalb an den Ligenverbund gehen. Uns geht es insgesamt darum, dass ordentlich geführte Vereine, die ein gutes Konzept und einiges Knowhow mitbringen, die gleichen Ausgangsbedingungen vorfinden, um sportlich erfolgreich zu sein. Wir bekommen nur dann ausgewogene nationale Ligen mit gesunden Vereinen, langfristig vielleicht auch mehr Spannung in den Meisterschaftskampf, wenn die finanziellen Ausgangsbedingungen nicht mehr so unterschiedlich sind.

Sie haben in dem Positionspapier neue Modellrechnungen zu den Medienerlösen angestellt. Der FC Bayern hat in der Saison 2019/2020 hier insgesamt 256 Millionen Euro eingenommen, nach dem von ihrer Arbeitsgruppe vorgeschlagenen Modell wären es nur noch 140 Millionen. Die Verantwortlichen des FC Bayern werden entgegnen, dass Sie dann aber nicht mehr die Champions League gewinnen können.

Wir können doch die Integrität des sportlichen Wettbewerbs national nicht aufgeben, um international erfolgreich zu sein! Die Frage ist doch: Was stärkt man als erstes? Es ist eine fatale Entscheidung, wenn wir die nationalen Ligen hintenanstellen. Wir brauchen die beste Lösung für alle und nicht für die besten Vier. Wenn wir hierzulande neue Regeln für ein Financial Fairplay einführen, können wir auch im internationalen Kontext eine konsequentere Umsetzung besser voranbringen.

Sie haben mal stark Ihren Unmut über ein Konstrukt wie RB Leipzig zum Ausdruck gebracht. Sie freuen sich also nicht, wenn dieser Klub das Halbfinale der Königsklasse erreicht?

Auf keinen Fall! Für mich konterkariert RB Leipzig alles, wofür viele Fans und auch ich stehe. Wir unterstützen Vereine, in denen die Mitglieder eine demokratische Mitbestimmung ausüben können. Die Begrenzung des Einflusses von Investoren ist wichtig. Ich persönlich bin dagegen, wenn eine Firma oder ein Konzern ein solches Konstrukt schafft, die 50+1-Regel aushöhlt. Ein Fall wie RB Leipzig darf sich im deutschen Fußball nie mehr wiederholen.

Sie benutzen den Begriff einer „Luxussteuer“ im Fußball. Was ist das?

Es handelt sich dabei um eine Begrenzung des Personaletats bei einer gewissen Summe. Die Clubs dürfen diese Grenze überschreiten, müssen dann aber den überschreitenden Betrag zusätzlich als eine Art Steuer an die Liga zahlen. Dieser soll dann nach festgelegten Kriterien wie wirtschaftliche Nachhaltigkeit unter den Teams verteilt werden.

Was denken Sie, wenn Sie hören, dass sich David Alaba über seinen Berater ein Gehalt von 25 Millionen Euro jährlich für die nächsten fünf Jahre vorstellt?

Viele fußballinteressierte Mitmenschen erzählen mir, dass sie genau deshalb mit dem Profifußball fremdeln; dass sie wegen solch absurder Zahlen nicht mehr dahinterstehen können. Damit verlieren Außenstehende jegliche Nähe zu einem Volkssport.

Die Einschaltquoten der ARD-Sportschau lagen vor der Corona-Krise bei durchschnittlich 4,8 Millionen und sind danach deutlich zurückgegangen.

Der Fußball muss um seine Akzeptanz werben. Und das ist neu für ihn. Es reicht nicht aus, nur das Wort Demut in den Raum zu stellen – und dann fehlen die Entsprechungen dazu. Viele Fans haben sehr genau zugehört, nur sind den Worten bislang noch gar keine Taten gefolgt. Ich habe den Eindruck, es wird erstmal einfach so weitergemacht, Motto: „The show must go on.“ Ich kann keine Zäsur erkennen, auch keinen Paradigmenwechsel. Anziehungskraft und Massentauglichkeit leiden, wenn in einem leeren Stadion 22 Spieler nur auf dem Feld stehen, um Geld zu verdienen. Es funktioniert langfristig nur, wenn es im Stadion drumherum Menschen gibt, die sich über das gesellschaftliche Ereignis Fußball verbinden können.

Also stehen Sie einer neuen Saison, in der teilweise in sehr leeren Stadien gespielt wird, skeptisch gegenüber?

Wir haben als „Unsere Kurve“ recht früh gefragt, was will man mit der Wiederzulassung von Zuschauern erreichen: Will man Fans den Fußball zurückgeben oder will man sein Produkt weiterverkaufen? Diese Frage ist noch nicht beantwortet. Wer gewinnt dann wirklich? Das ist wahnsinnig schwierig zu beantworten. Unsere Haltung ist relativ klar: So lange es Abstandsgebote, Stehplatzverbote, Maskenpflicht etc. gibt, wird ein freies Ausleben von Fankultur nicht möglich sein. Wir finden wichtig, dass gemeinsam mit uns Fans ausgehandelt wird, wie man die Wiederzulassung gestaltet, dass es für alle in Ordnung ist. Mir persönlich macht es so keinen Spaß.

Also bleiben Sie den ersten Heimspielen fern?

Ich würde wohl einmal hingehen, wenn ich die Möglichkeit bekäme – das aber nur unter bestimmten Kriterien, sprich so viel Einschränkung wie nötig, so viel Freiheit wie möglich. Ich glaube aber nicht, dass das meine Begeisterung am Stadionbesuch wecken wird.