Spät in dieser zweiten Halbzeit schallen die Wechselgesänge über den Kunstrasenplatz. „BSV! BSV!“ Der Bezirksligist Berliner SV 92 führt schon 6:0 gegen Blau-Weiß Mahlsdorf Waldesruh. Doch Wechselgesänge gab es in der Sportanlage in Wilmersdorf bisher nicht oft, nicht die große Kulisse in niederer Liga.

Auch Lars Tittmar und Dennis Wingerter sind gekommen, um den BSV anzufeuern. Beide sind eigentlich Anhänger von Tennis Borussia. Bis zum Mommsenstadion, ihrer eigentlichen Heimat, sind es keine zwei Kilometer Luftlinie. Doch dort fühlen sie sich schon seit einer Weile nicht mehr willkommen.

Karawane gegen Redlich

Nun sind sie Teil der Karawane der Liebe, eines Zusammenschlusses von TeBe-Fans, die Woche für Woche nicht mehr ihren eigenen Klub anfeuern, sondern über die Amateurplätze Berlins und darüber hinaus touren. Dass es die Karawane überhaupt gibt, hat in erster Linie mit Jens Redlich zu tun, sagt Lars Tittmar.

Im Berliner Fußball habe er zwei große Lieben, sagt Jens Redlich. Den 1. FC Union und eben Tennis Borussia. In den TeBe-Jugendabteilungen habe er vor der Wende kurzzeitig gekickt. Jahre später gründete er eine Fitnessstudiokette und stieg im April 2016 im Verein ein. Als mit seinem Geld kurz darauf die Insolvenz abgewendet wurde, ließ er sich als Bedingung zum Vorstandsvorsitzenden machen. Redlich sieht sich seither selbst als Konstrukteur, als Gestalter eines neuen Fußballklubs TeBe mit großer Zukunft. „Ich bin jemand, der dem Verein einen Mehrwert geben kann“, sagt er.

Ohrfeige für aktive Fans

Teile der Fanszene sehen das schon lange anders. Das Verhältnis kühlte zusehends ab, dann kam es zum offenen Zerwürfnis. Langjährige, ehrenamtliche Weggefährten wurden schrittweise ersetzt. Für die aktiven Fans ist das eine Ohrfeige, auch angesichts dessen, dass der Verein im finanziellen Trubel 2010 maßgeblich von seinen Anhängern am Leben gehalten wurde. Redlich sagt, dass das alles schön und gut sei. Im Verein gebe aber der Vorstand und nicht die Fans den Kurs vor. Es sei Zeit für professionelle Strukturen, nicht für Fußballromantik. „Wir brauchen keine Leute, die den Verein als Plattform benutzen. Der Verein ist Plattform genug“, sagt Redlich.

Der Berliner Amateurfußball hat viele Geschichten von Geldgebern mit großen Ambitionen und dem Wunsch nach maximalem Einfluss gesehen. Hin und wieder kam es zu Reibereien mit gewachsenen Fanstrukturen.

Beispiellose Vorgänge

Die Vorgänge um Tennis Borussia sind aber seit einer turbulenten Mitgliederversammlung im Januar beispiellos. In der wurden Redlichs Kandidaten für den Aufsichtsrat gewählt. Erreicht wurde dies mit vielen dubiosen Neumitgliedern. „Schon als wir zur Versammlung kamen und all die unbekannten Gesichter mit Stimmvollmachten gesehen haben, wussten wir, dass unsere schlimmsten Befürchtungen übertroffen wurden“, sagt Tittmar. Hier wurde ein Verein gekapert, lautete fortan der Vorwurf. Redlich bestreitet das.

„Ich musste mich im Nachgang fast schon nötigen, überhaupt noch weiterzumachen“, sagt Wingerter. Auf FuPa im Internet erschien kurz darauf eine Annonce. „Kleine engagierte Fanszene mit dreistelligem Mobilisierungspotenzial sucht vorübergehend Verein“, stand darin. Geplant worden war sie eigentlich schon mehr als ein Jahr zuvor aufgrund eines anderen Streits mit Redlich. Nun war der Trotz stärker, die Karawane der Liebe geboren.

Bei den Spandauer Wasserballern

Bewerbungen von Amateurklubs gingen ein, die eine Station auf der Karawane sein wollten. Vereine wie der BSV 1892 waren darunter. Nach Halle führte der Weg genauso wie zum Vereinsnamensvetter aus dem Wiesbadener Ortsteil Rambach. Auch fremde Sportarten wurden bedient, die Spandauer Wasserballer angefeuert. Viele Schulterklopfer für die eigene Sache hätte es gegeben, sagen Tittmar und Wingerter.

„Diesem Teil der Fanszene fehlt ein demokratisches Verständnis. Das ist des Vereins nicht würdig“, sagt Redlich über die Karawane und betont, dass niemandem verboten wurde, zu TeBe zu gehen. Die Teilnehmer an der Karawane kontern: Unter den gegebenen Umständen könne man TeBe nicht wie gewohnt unterstützen. Redlich sei zu keinem Zeitpunkt wirklich gesprächsbereit gewesen, heißt es.

Medial ein Erfolg

Die Anfragen von Vereinen an die Karawane reißen nicht ab. Allein durch das nahende Saisonende können die nicht mehr bedient werden. Was nach der letzten Station der Karawane passiert, wird gerade diskutiert. Medial ist sie ein Erfolg. So viel Aufmerksamkeit bekam der Traditionsklub aus Westend schon lange nicht mehr. Doch reicht das, um die Uhren zurückzudrehen? Oder zumindest als Linderung? „Das Thema TeBe ist wirklich eine Dauerbelastung, über die auch eine Karawane nicht hinwegtrösten kann“, sagt Tittmar.

Eine Hoffnung liegt auf einer erneuten Mitgliederversammlung im Sommer. Jens Redlich erteilt dem allerdings eine Absage. Die nächste Versammlung werde es voraussichtlich erst im Winter geben. Ob die Karawane bis dahin existiert, ist unklar.
Etwa 50 TeBe-Fans haben es ins Stadion Wilmersdorf zum BSV geschafft.

Die Unterstützung bröckelt

Noch beim ersten Spiel der Karawane, bei Blau-Weiß Friedrichshain waren es mehr als 200. Im Bierwagen, der extra für dieses Spiel neben dem Kunstrasen steht, ist man unzufrieden. Mit 150 TeBe-Fans hatte der Betreiber gerechnet. Abnutzungserscheinungen? „Es besteht die Gefahr, dass wir uns aus den Augen verlieren, und wenn Jens Redlich in zwei oder drei Jahren abhaut, ist keiner mehr da, der die Scherben aufkehrt“, sagt Wingerter.

Das Spiel des Berliner SV 92 endet 7:0. In der zweiten Halbzeit passiert nicht mehr viel. Mit Abpfiff gibt es den wohlverdienten Lohn für den BSV: Die Heimmannschaft holt sich den Applaus und motivierende Sprechgesänge ab, die es nächste Woche nicht mehr geben wird. Die Karawane zieht weiter. Denn aus Sicht vieler in der Karawane der Liebe ist das Endergebnis nicht berauschend, nicht einmal gut, es ist am Ende schlichtweg egal.

Wenn TeBe zeitgleich spiele, sagt Wingerter, erwische er sich auch mal am Smartphone-Ticker, um den Zwischenstand der alten Liebe zu erfahren. Tittmar schaut sich zumindest die Resultate an. Wiederum andere versuchen, langsam mit dem Kapitel TeBe abzuschließen.

Emotional schwierig

Dabei geht es dem Verein sportlich so gut wie lange nicht mehr. Seit zehn Jahren steht TeBe wieder im Berliner Pokalfinale. Dort wartet der FC Viktoria aus der Regionalliga. Und auf eben die schielt TeBe mit einem Auge. Mit 61 Punkten liegen die Veilchen auf Platz zwei der Oberliga Nord – bei drei Zählern Rückstand auf den Tabellenführer Lichtenberg 47, gegen den man zudem kurz vor dem Pokalfinale antritt. Für die Karawane der Liebe ist das eine besondere Herausforderung.

Viele finden sich in der paradoxen Situation wieder, dem eigenen Klub weder Aufstieg noch Pokalsieg zu gönnen, weil es die Strukturen zementieren könnte. Und dass die größten Erfolge der jüngsten Vergangenheit an einem vorbeigehen könnten, macht es auch nicht einfacher. „Nicht beim Finale dabei zu sein, wird emotional am schwierigsten. Auf so etwas wartet man ewig und dann fühlt es sich so an, als ob es einem einfach weggenommen wird. Das ist bitter“, sagt Tittmar.

Die 17. Station

Wingerter sieht das ähnlich. Er kam 2010 aus der Pfalz nach Berlin und sofort zu TeBe. Erster Spieltag nach der Insolvenz. Eine krachende 2:5-Niederlage. Verliebt war er trotzdem. Seitdem hat er kein Spiel der Veilchen verpasst – bis zur Mitgliederversammlung im Januar. „Die zehn Jahre hätte ich gern vollgemacht“, sagt er. In einem Monat wird er zumindest alle 17 Stationen der Karawane erlebt haben, die bei der U17 von TeBe endet.

Dann werden die Fragen nach der Zukunft der Karawane konkret. In der Wunschvorstellung vieler Mitglieder hätte es sie eigentlich niemals geben dürfen. „Ich freue mich auf den Tag, an dem ich wieder ins Mommsen gehe“, sagt Lars Tittmar. „Ich weiß nur nicht, wann das sein soll.“