Fanexperte: Michael Gabriel sieht sich mit einem gewaltigen Aufklärungsbedarf unter Fans konfrontiert.
Foto: Imago Images

Frankfurt a.M.Michael Gabriel mag die Anrufe nicht mehr zählen, die ihn erreichen. „Noch nicht vierstellig, aber bald dreistellig“, sagt der Leiter der Koordinierungsstelle Fanprojekte, kurz KOS. Der Aufklärungsbedarf erscheint gewaltig, seitdem der Mehrheitseigner der TSG Hoffenheim, Dietmar Hopp, in einer konzertierten Aktion verschiedener Fangruppierungen angefeindet wurde. Fanexperte Gabriel betont, dass es sich um eine „unangemessene Beleidigung von Herrn Hopp“ gehandelt habe, „aber dies zu vermischen mit Diskriminierung oder sogar mit rassistischen Angriff in Hanau, verschiebt die Kategorien auf absolut unangemessene Weise“.

Im Kern richtete sich der Protest gegen die vom DFB-Sportgericht gegen Anhänger von Borussia Dortmund verhängte Strafe, zwei Jahre keine Auswärtsspiele bei der TSG Hoffenheim zu besuchen. Der Fall hat eine verworrene Vorgeschichte. Fakt ist: Bundesweit führte sich die Ultra-Szene aufgerufen, diese Kollektivstrafe zu bekämpfen, zumal ihnen der Milliardär als Symbol für Wettbewerbsverzerrung unter Umgehung der „50+1“-Regel gilt. Gabriel warnt davor, nach den Vorkommnissen nun die Latte für Spielabbrüche vorschnell tiefer zu legen, wie das beim FC Schalke 04 für das Pokalspiel gegen den FC Bayern (Dienstag 20.45 Uhr/ARD) als auch das Bundesligaspiel eben gegen Hoffenheim (Samstag 15.30 Uhr) gelten soll.

Die Mannschaft würde beim ersten Vorkommnis den Platz verlassen − „ungeachtet der Spieldauer, des Resultats oder etwaiger Konsequenzen“. Die Königsblauen berichteten am Montag von Gesprächen mit allen Fangruppierungen mit der Erwartung, dass sie solches Fehlverhalten nicht tolerieren, geschweige denn unterstützen, denn: „Die Werte unseres Vereins und des Leitbilds, das wir uns selbst gegeben haben, lassen keinerlei Spielraum für Toleranz angesichts von Hass, Intoleranz und Diffamierung.“

Erfahrene Fanexperten halten eine Null-Toleranz-Strategie für falsch: In diesem Falle fehle, wie es eigentlich ja der Drei-Stufen-Plan der Fifa vorsieht, eine Möglichkeit zur Intervention. Vor allem gebe es einigen wenigen Unbelehrbaren ein Machtinstrument an die Hand, fast jederzeit einen Spielabbruch herbeizuführen. Gabriel erschrickt förmlich, wie sich die Spirale der Eskalation weiterdreht. „Mein Wunsch ist, dass beide Seiten nach Möglichkeiten suchen, miteinander ins Gespräch zu kommen“, empfiehlt der 56-Jährige, der seit den 90er Jahren in die Fanarbeit involviert ist.

Es gibt keinerlei Anzeichen, dass sich das befriedet. Das ist alles unerträglich – auch für uns.

Sig Zelt von ProFans

Auch die mächtige Organisation ProFans sieht die Situation als „ziemlich verfahren“ an. „Es gibt keinerlei Anzeichen, dass sich das befriedet. Das ist alles unerträglich – auch für uns“, sagt Sprecher Sig Zelt, Fan des 1. FC Union.

Während Hoffenheims Mäzen jegliche Kommunikation mit Menschen ablehnt, „die gar keinen Konsens wollen“, kündigte Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge die Gründung einer „Anti-Hass-Kommission“ an.  „Diese Kommission wird die Vorkommnisse aufarbeiten, dabei auch eng mit der Sonderkommission der Polizei in Mannheim zusammenarbeiten.“ Offenbar hatten die Münchner Fans säuberlich getrennt die Utensilien in die  Arena geschleust und dort zusammengeflickt.

Ein Schatten ist auch auf den neuen DFB-Präsidenten Fritz Keller gefallen, der in seiner Rolle als Krisenmanager nicht überzeugte. Sein mitunter wirr anmutender Auftritt im ZDF-Sportstudio hat  viel Kredit in den Kurven gekostet. Einige sprechen von einem „Offenbarungseid“, weil ihm die richtige Einordnung gründlich missriet. Die Münchner Südkurve beklagt eine „absurde Handlungskette von realitätsferner und undifferenzierter Einordnung bis zu möglichen scheinheiligen Konsequenzen.“

Die Südkurve des FC Bayern war es, die mit eindrucksvollen Choreografien mehrmals den ehemaligen Vereinspräsidenten Kurt Landauer würdigte, der wegen seiner jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten verfolgt worden war. Auch die linksgerichteten Frankfurter Ultras, von denen im DFB-Pokalviertelfinale gegen Werder Bremen am Mittwoch möglicherweise die nächste Reaktion zu erwarten ist, traten wiederholt für Antirassismus, Vielfalt und Toleranz ein. Keller hat über die Verbandshomepage eingeräumt, dass der in Sinsheim  befolgte Drei-Stufen-Plan in vergleichbaren Fällen nicht gegriffen habe.

Kein Unterschied, wer diskriminiert wird

Ein solcher Schutzstatus wurde beispielsweise dem wegen einer Schwalbe im Dezember 2016 auf Schalke fast über Jahre als Hurensohn beschimpften Leipziger Timo Werner nicht gewährt. Von anderen Beispielen gar nicht zu reden. Künftig dürfte nach den neuen Maßstäben der höchsten Fußballfunktionäre jedwede Beleidigungen schlimmerer Form nicht mehr durchgehen. Weil es keinen Unterschied machen darf, wer diskriminiert wird. Könnte nur sein, dass sich diese Haltung im bisweilen rauen Fußballalltag mit all seinen seltsamen Gewohnheiten  nicht durchziehen lässt, ohne dass es reihenweise zu Unterbrechungen bis hin zu Abbrüchen kommt.