Horrorszenario in Corona-Zeiten: Fans der AS Saint-Étienne stürmen Anfang März nach dem Einzug ins Pokalfinale den Platz.
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BerlinSaint-Étienne ist die Hauptstadt des Départements Loire im Osten Frankreichs und hat rund 170.000 Einwohner. Kaum anzunehmen, dass jemand unter ihnen sie nicht kennt, die poteaux carré, die auch deutsche Fußballgeschichte schrieben. Es war 1976, als die AS Saint-Étienne im Europapokal der Landesmeister das Finale gegen den FC Bayern 0:1 verlor. Die wackeren Franzosen hatten gekämpft, hatten getroffen, zweimal sogar, allerdings nur Latte und Innenpfosten. Eckig waren die damals, poteaux carré eben, sie waren irgendwie verhext. Gefeiert wurde die Mannschaft am nächsten Tag trotzdem, auf dem Pariser Champs-Elysées von tausenden Menschen, französischer Meister war sie zuvor ja immerhin geworden.

Jetzt dürften sich die Stéphanois erneut an diesen besonderen Moment erinnern, werden sich erzählen, wie sie das Schicksal am Ende ausgelacht haben. Am Freitag nämlich treten sie im Stade de France zum Finale im Coupe de France gegen Paris St. Germain an. Es ist ihre erste Finalteilnahme seit 38 Jahren. Wieder treffen sie auf einen starken Gegner, das neureiche Team des deutschen Trainers Thomas Tuchel. Wieder steht ein Hindernis im Weg, winzig, unsichtbar, das Coronavirus. Und wieder siegt der Stolz. Diesmal nicht nach, sondern vor dem großen Duell.

Die Fans der Association Sportive de Saint-Étienne Loire wollen das Endspiel boykottieren. Sie sind nicht einverstanden mit den Beschränkungen wegen der Pandemie. 80.000 Zuschauer passen in die Arena im Pariser Stadtteil Saint-Denis, nur 5.000 werden hineingelassen. Auf die Stéphanois würden lediglich 900 Eintrittskarten entfallen.

„In Absprache mit unserem Verein wird der uns zugewiesene Bereich im Stadion leer bleiben“, schrieben die Anhänger. „Angesichts von 900 Plätzen für die Supporters Stéphanois und der unmöglich einzuhaltenden Hygienevorschriften haben wir widerwillig beschlossen, dass keine der fünf Fangruppen des AS St. Etienne die Grünen in Saint-Denis unterstützen wird.“

Das war vor knapp zwei Wochen. Am vergangenen Sonnabend schwenkte der Klub selbst auf die Linie seiner Fans ein. Die Verantwortlichen hatten versucht, das Kontingent zu erhöhen.  Ohne Erfolg. Die zuständigen Behörden ließen sich nicht erweichen. Zu frisch in Erinnerung mochten die Bilder von jenem Platzsturm gewesen sein, den die Stéphanois im Halbfinale veranstalteten. Nach dem Treffer zum 2:1-Sieg in der 94. Minute gegen Stade Rennes stürmte ein Großteil der 32.000 Zuschauer im Stade Geoffroy-Guichard von Saint-Étienne das Spielfeld. Corona? Kein Thema.

Der vergebliche Versuch, mehr eigene Anhänger ins Stade de France zu bringen, ließ nun auch den Klub zum Boykott übergehen. Man werden keine der vom Verband überlassenen Tickets an die Getreuen veräußern. Die Hygienevorschriften seien unzumutbar, hieß es in einem offiziellen Communiqué. Vor allem: „Bei den extrem vielen Anfragen lässt sich eine gerechte Verteilung der Karten nicht gewährleisten.“

Der Osten Frankreichs ist weit enfernt, doch sind die Probleme der AS Saint-Étienne auch für die Bundesligisten hierzulande naheliegend. Auch in Deutschland sollen Begegnungen im Profifußball wieder mit Zuschauern in Stadien stattfinden, ebenfalls mit stark reduzierten Kapazitäten. Chancengleichheit ist kaum zu gewährleisten, nicht nur bei der Vergabe der Eintrittskarten.

Die AS Saint-Étienne und ihre Fans jedenfalls nehmen mit ihrer Entscheidung einen Wettbewerbsnachteil gegenüber dem ohnehin favorisierten Gegner billigend in Kauf, der zwar nicht im heimischen Prinzenpark, doch immerhin auf heimischem Grund und Boden antritt: in Paris. Im Fall eines Sieges dürfen die Stéphanois in der Qualifikation zur Europa League antreten.

Dass vor dem Coronavirus alle gleich sind, ist nicht nur medizinisch längst widerlegt, auch im Sport vertritt kaum noch jemand diese Ansicht. Dass man sich deswegen nicht in sein vermeintliches Schicksal ergeben muss, haben die Anhänger der Association Sportive de Saint-Étienne Loire im März bewiesen. Die Gruppierung Grüne Engel machte ihrem Namen alle Ehre; sie gehörte zu den ersten in der Frühphase der Pandemie, die Spenden sammelten. Rund 12.000 Euro brachten die Engel zusammen, innerhalb von nur zwei Wochen. Das Geld gaben sie an Kliniken und Altenheime weiter.

Frankreich hat die Fußballfreunde aus dem Osten dafür gefeiert. Stiller zwar als 1976 auf den Champs-Élysées, aber nicht weniger beeindruckt, begeistert, gerührt. Und in Saint-Étienne wird diese Geschichte genauso im kollektiven Gedächtnis haften bleiben wie die zwei legendären Schüsse gegen die poteaux carré.