Auch der DFB bekommt sein Fett weg: Union-Fans auf der Waldseite demonstrieren gegen Kollektivstrafen durch den Deutschen Fußball-Bund.
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Berlin-KöpenickDie einzig kalkulierbare Konstante im ansonsten eher kontrolliert-chaotischen Ablauf eines Fußballspiels ist die Standardsituation. Das wissen sie beim 1. FC Union schon lange, weshalb die Eckbälle, Freistöße, ja sogar manche Einwürfe zum Steckenpferd der Eisernen geworden sind. Eine einstudierbare Gefahr für den Gegner, wenn sich, für gewöhnlich, Kapitän Christopher Trimmel den Ball schnappt und zum Standard antritt. So auch beim 2:2 (1:0) der Köpenicker gegen den VfL Wolfsburg, in dessen Verlauf die Mannschaft von Trainer Urs Fischer zwei Freistöße in absoluter Maßarbeit zu Toren ummünzte.

Dass für Union am Ende dennoch nur ein Punkt im Stadion An der Alten Försterei heraussprang, war schließlich den nicht zu vernachlässigenden offensiven Qualitäten des Gegners geschuldet. Leider war der Sport am Sonntagnachmittag in der Wuhlheide aber nicht das beherrschende Thema. Aber dazu gleich.

Früher Frust beim VfL

Trainer Fischer setzte weitestgehend auf die Erfolgself der vergangenen Wochen. Der genesene Keven Schlotterbeck rückte für Geburtstagskind Florian Hübner ebenso in die Startelf wie der entsperrte Kapitän Trimmel für Julian Ryerson. Der Auftakt des Spiels gestaltete sich zunächst wie gewohnt. Die Eisernen verschonten die Gäste mit hohem Pressing, hielten sie aber zugleich so weit vom Strafraum entfernt, dass zunächst mal keine Gefahr bestand, in Rückstand zu geraten.

Wie üblich sah das für neutrale Zuschauer zwar wenig attraktiv aus, erfüllte aber seinen Zweck. Denn als Wolfsburgs Maximilian Arnold in der 41. Minute 400-Spiele-Jubilar Christian Gentner unsanft vom Ball trennte, war da schon eine gehörige Portion Frust im Spiel, wie man an der Reaktion Arnolds auf die folgende Gelbe Karte erkennen konnte. Den fälligen Freistoß flankte Trimmel in den Wolfsburger Strafraum, wo Sebastian Andersson zur Führung einköpfte. Auch der zweite Treffer war das Resultat eines Trimmel-Freistoßes, den Marvin Friedrich in der 56. Minute ebenfalls per Kopf zu seinem langersehnten ersten Saisontor verwandeln konnte.

Doch kurz darauf schlugen die Gäste mit ihren eigenen Waffen zurück. Nach einem Wolfsburger Eckstoß tauchte Gentner unter dem Ball durch, woraufhin Yannick Gerhardt unbewacht zum Anschlusstreffer einköpfte (60.). Und in der 81. Minute hielt VfL-Sturmbrecher Wout Weghorst seinen Kopf in eine scharf geschossene Flanke von João Victor, den Neven Subotic gewähren hatte lassen, und erzielte noch den Ausgleich. Trimmel sagte: „Am Ende war klar, dass wir die Qualität von Wolfsburgs Offensive nicht komplett wegverteidigen können. Wir sind deshalb zufrieden mit dem Punkt.“

Doch all das rückte angesichts der Vorkommnisse kurz vor dem Halbzeitpfiff in den Hintergrund. Hatten Unions Ultras auf der Waldseite schon zuvor per Spruchband milde Kritik am DFB, dessen Kollektivstrafen und der damit verbundenen Personalie Dietmar Hopp geäußert, überschritten einige von ihnen mit dem Konterfei Hopps im Fadenkreuz und der plakativen Unterzeile „Hurensohn“ wenige Minuten später schließlich die Grenze zwischen Protest und Diffamierung.

Wie schon in den anderen Partien des 24. Spieltags, bei denen Ähnliches passiert war, unterbrach auch Schiedsrichter Bastian Dankert die Partie, schickte den VfL Wolfsburg in die Kabine, während die Union-Profis auf die betreffenden Fans einwirkten. Kapitän Trimmel nahm sich mehrere Minuten Zeit, um sich ausführlich mit einem der Vorsänger auszutauschen. Tenor: Wir stehen hinter eurem Protest, nicht aber hinter Beleidigungen dieser Art. Stadionsprecher Christian Arbeit wies alle noch einmal auf den vielzitierten Drei-Stufen-Plan hin, an dessen Ende ein Spielabbruch steht. „Wir sind jetzt auf Stufe zwei“, sagte Arbeit und präzisierte: „Wenn jetzt noch etwas passiert, gehen wir hier alle nach Hause. Dann hat sich das mit dem Fußball heute erledigt.“

Die Partie wurde schließlich fortgesetzt, doch was passiert war, sorgte im Nachgang für ähnliche Verständnislosigkeit wie die Szenen in Hoffenheim. „Das erste Banner war völlig legitim, Kritik muss geäußert werden dürfen“, zeigte sich Unions Sportchef Oliver Ruhnert noch diplomatisch, wies aber auch ganz klar die Grenzen auf: „Persönliche Beleidigungen sind im Sport nicht akzeptabel.“

Zwar stellte die verantwortliche Fangruppe der Köpenicker nach dem Spiel auf ihrer Homepage noch klar: „Der Doppelhalter, der vor wenigen Minuten auf der Waldseite zu sehen war, ist keine Morddrohung. Heute steht er vor allem entgegen schleichender Zensur und für die Ausdrucksfreiheit in den Kurven.“ Doch überschattete diese Grenzüberschreitung am Ende eine erneut sehr ordentliche Leistung der Köpenicker.