Das Ende dieses Spiels will kaum noch jemand sehen. Denn alle wissen jetzt, dieses Spiel ist gelaufen. Und nicht nur das Spiel, eigentlich die gesamte WM. Die deutsche Elf ist raus.

Noch vor dem Schlusspfiff des Spiels Deutschland gegen Südkorea am frühen Mittwochabend verlassen Tausende Fußballanhänger die Fanmeile am Brandenburger Tor. Sie schimpfen, sie brüllen, gestikulieren aufgebracht. Sie sind frustriert, traurig und wütend auf eine Mannschaft, die mal Weltmeister war und nun bereits nach der Vorrunde als Verlierer nach Hause fliegen muss.

Hulaketten zum Spottpreis

Plötzlich ein lauter Knall. Eine Gruppe junger Männer hat eine Mülltonne umgeworfen. Niemand regt sich auf. Scheint jetzt auch egal zu sein. Etliche aufblasbare Klatschstangen liegen zertreten am Boden. Am Bierstand bieten Fans ihre Hulaketten in Schwarz-Rot-Gold zum Spottpreis von 50 Cent an. Sie haben mal zwei Euro gekostet. Die Jungs haben noch Humor. Doch solche Fanartikel will jetzt auch niemand mehr haben. Nicht an diesem Tag der Niederlage. Man spürt, alle wollen jetzt nur noch weg. Weg von dieser Frustmeile.

Dabei hatte dieser alles entscheidende Spielnachmittag auf der Fanmeile noch bei bester Stimmung begonnen. Der Moderator auf der Bühne am Brandenburger Tor liest die Namen aller Spieler im deutschen Team vor. Bei jedem Namen jubeln die Besucher der Fanmeile, und schlagen ihre Klatschstangen gegeneinander. Ein schönes Geräusch. Auf sieben großen Bildschirmen wird das Spiel übertragen. Vor der Bühne drängeln sich die Zuschauer, weiter hinter wird es entspannter. Auf den Grills der Imbissbuden braten Würste, Steaks und Schaschlik. Ein großes Bier kostet fünf Euro.

Das Gelände am Tiergarten ist mit hohen Gittern und Betonklötzen abgesperrt. An den Eingängen kontrollieren Sicherheitsleute Taschen und Beutel der Besucher. Polizisten patrouillieren mit Maschinenpistolen über die Meile. Bis zu 500 Wachleute sind im Einsatz.

„De Höhner“ sind auf der Bühne, eine Gute-Laune-Band aus Köln. Ihr Sänger verspricht, nach dem Spiel wieder auf die Bühne zu kommen, wenn die Deutschen gewinnen. Wie ein aufgebrachter Animator brüllt der Moderator eines Berliner Radiosenders den Zuschauern von der Bühne zu: „So sehen Sieger aus!“ und wie einstudiert brüllt die Menge zurück: „Schalalalala...“ „Wir sind alle guter Hoffnung“, sagt der Moderator.

Dann läuft Andreas Bouranis Jubelhymne „Ein Hoch auf uns“. Man hat das Gefühl, Deutschland steht längst im Finale dieser WM. Und es wird doch noch alles gut. Überall deutsche Farben. Auf T-Shirts, als Schminke im Gesicht, auf Mützen, Schals und Puschelhasenohren.

In der ersten Halbzeit sind die Zuschauer entspannt und konzentriert, an den Bierständen und Wurstbuden ist es voll, nach jeder Torchance klatschen die Zuschauer, bei jedem Freistoß und jeder Ecke schlagen sie ihre Klatschstangen aneinander. Foulen die Koreaner einen Spieler der deutschen Mannschaft, wird laut gebuht. „Die Stärke der koreanischen Mannschaft ist das Kontern“, sagt der Moderator im Fernsehen. Da weiß noch keiner, was dieser Satz wirklich bedeuten kann.

Vor Beginn der zweiten Spielhälfte behauptet der Moderator auf der Bühne, wenn die Zuschauer ihre Power jetzt nach Russland rüberschicken, würden die Jungs das dort merken. Alle jubeln. Als kurz darauf im anderen Spiel der Gruppe, das parallel läuft, die Schweden ein Tor gegen Mexiko schießen, meint der Sportmoderator, die Deutschen müssten jetzt Gas geben. Beim dritten Tor der Schweden, ruft er: „Ein Tor reicht, ein einziges Tor! Sonst ist hier Feierabend.“

Die gute Laune ist weg

Da werden die Fans am Brandenburger Tor schon unruhig. Die gute Laune scheint verflogen, ruppig schieben sich Angetrunkene durch die Menge. Die letzte Hoffnung liegt jetzt noch in der Nachspielzeit des Spiels. „Deutschland braucht ein Wunder!“, ruft der Fernsehmoderator. Dann fallen zwei Tore. Nicht für Deutschland. Feierabend.

Junge Männer in weißen Trikots der deutschen Mannschaft mit den Namen ihrer Lieblingsspieler auf dem Rücken schimpfen auf ihre Favoriten, sie sind frustriert über die vielen verpassten Chancen, die ungenauen Pässe und Schüsse am Tor vorbei. Nichtskönner, Versager, Idioten, meckern sie jetzt. So seh’n Verlierer aus, singen sie. Fans können grausam sein.