Auch nach vielen Jahren in München ist es noch immer ein Besuch in der Heimat für Hermann Gerland. Von Dortmund, wo der FC Bayern heute im vorentscheidenden Spiel um die deutsche Fußballmeisterschaft gastiert, ist es ein Katzensprung nach Bochum-Weitmar. Dort, im alten Bergbau-Revier, wuchs der Assistenztrainer der Bayern auf. Sein Vater, den er früh verlor, arbeitete unter Tage. Seine Mutter ging putzen, damit ihre Söhne das Nötigste hatten.

Der 57-Jährige hat nicht vergessen, woher er kommt. Es hat ihn geprägt. Seine 204 Bundesligaspiele absolvierte Gerland allesamt für den VfL Bochum. Zum Training an der Castroper Straße fuhr der Jungprofi aus Weitmar mit dem Fahrrad.

Heute ist der Vater dreier Töchter, der den Spitznamen „Tiger“ trägt – wohl weil er als Verteidiger seine Gegenspieler anfiel, als wolle er ihnen ans Leben –, der Letzte seiner Art. Er wirkt auf rührende Weise deplatziert auf dem zunehmend von Managertypen und Selbstdarstellern beherrschten Fußballjahrmarkt der Eitelkeiten.

Gerland, ein Mann der Vergangenheit? Ja und nein.

Gerland versuchte sich einst als Erst- und Zweitligatrainer – mit wenig Erfolg. Berichterstatter erfreute er damals mit Analysen wie dieser: „Die Spieler sind rumgelaufen wie Bratwürste.“ Ginge es nach ihm, alle Berufsfußballer würden noch schwarze Stollenschuhe tragen und verbrächten sehr wenig Zeit im Tattoo-Studio.

Ein Mann der Vergangenheit also? Ja und nein. Sein Einfluss auf das, was sich an diesem Mittwoch auf dem Rasen des Westfalenstadions zutragen wird, ist schwer zu überschätzen. Als Trainer der Münchner U23 half er den heutigen Bayern-Stars Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Holger Badstuber und Thomas Müller auf die Sprünge.

Auch BVB-Innenverteidiger Mats Hummels durchlief die Gerland-Schule. Werde der kein Nationalspieler, sagte der wohl erfolgreichste Ausbilder Fußballdeutschlands, weil er sich über die Abwanderung des Talents grämte, dann wechsle er zum Volleyball. Längst darf Hummels – wie die vier Münchner Kollegen – die Hymne mitsingen.

Berühmt – das sind die anderen

Die fünf, die am Mittwochabend mitmischen, werden wohl die Letzten sein, denen der gelernte Bankkaufmann und überzeugte Krawattenverächter aus Bochum den Weg nach oben wies. Die Nachwuchsarbeit beim FC Bayern wird neu geordnet, der Assistenztrainer mit unbefristeter Anstellung spielt dabei keine Rolle. Er wird sich nicht mehr über 19-Jährige ärgern müssen, die in 60.000-Euro-Schlitten vorfahren. Und er wird, wenn die Ära Jupp Heynckes vorüber ist und der nachfolgende Cheftrainer keine Verwendung für ihn haben sollte, mehr Zeit für seine große Leidenschaft neben dem Fußball haben: die Pferdezucht.

Die Aufregung ums große Spiel in Dortmund dürfte Hermann Gerland mit skeptischer Distanz beobachten. Berühmt – das sind die anderen. Heynckes etwa oder der extrovertierte Borussen-Coach Jürgen Klopp. Als der DFB jüngst den Trainerpreis des Jahres vergab, gingen diese beiden leer aus. Die Auszeichnung ging an einen Arbeitersohn aus Bochum-Weitmar.