München - Man muss Hermann Gerland wirklich dankbar sein. Nicht nur dafür, dass Hermann Gerland Hermann Gerland ist, ein echtes Original. Sondern auch dafür, dass er die Öffentlichkeit über einen Spitznamen eines anderen Unikums unterrichtet hat. Radio Müller, hat Gerland, auch als Tiger bekannt, neulich Thomas Müller genannt.

Radio Müller – so einen Spitznamen muss man erst einmal hinbekommen. Man muss dafür sicherlich viel reden, aber damit man nicht als Labertasche endet, sollten die Beiträge schon unterhaltsam und bestenfalls sogar witzig sein. Dass sich Thomas Müller den durchaus positiv konnotierten Spitznamen redlich verdient hat, ließ er vor dem WM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft an diesem Freitag in München mit seinen spitzbübischen Bemerkungen wieder einmal erkennen.

„Ich bin nicht in Kontakt mit ihm, nach dem Spiel melde ich mich mal bei ihm“, sagte der 23-Jährige grinsend, angesprochen auf den österreichischen Kollegen David Alaba vom FC Bayern. Oder zum Thema Gegentore, von denen es für die Elf von Bundestrainer Joachim Löw zuletzt ungefähr so viele gab wie Werbepausen bei einem Privatsender. Müller erklärte nun: „Am meisten Spaß machen 1:0-Siege. Haben Sie schon mal ein 1:0 über 80 Minuten verteidigt? Da ist bis zur letzten Minute Adrenalin drin. Wenn man nach 50 Minuten 5:0 führt, kann man nachher sagen, das war eine Gala. Aber auf dem Platz macht die letzte halbe Stunde keinen Spaß mehr.“

Spaß auf dem Platz

Für den Spaß auf dem Platz ist Müller ja auch durchaus maßgeblich zuständig. Das gilt jedenfalls bisher. Doch seit dem Trainerwechsel beim FC Bayern scheint sich seine Lage etwas eingetrübt zu haben. Müller hat, das legen jedenfalls sein bisher häufig durchschnittlichen Leistungen nahe, etwas von seiner Leichtigkeit eingebüßt. Er changiert zwischen Fremdeln mit seinen neuen Aufgaben und Verkrampftheit, diese bestmöglich auszufüllen. Das liegt vermutlich nicht nur daran, dass er in dieser Saison bisher nur einen 1:0-Sieg erleben durfte (bei Eintracht Frankfurt), sondern auch an seinem veränderten Stellenwert.

Unter Pep Guardiola muss er sich immer wieder mit Rollenwechseln anfreunden: mal rechts, mal auf einer der beiden Halbpositionen im offensiven Mittelfeld, zuweilen auch als sogenannte falsche Neun, gegen Nürnberg eine Stunde lang auf der Bank. Herausgekommen ist dabei in bisher vier Ligaspielen und den beiden im Supercup gegen Dortmund und Chelsea kein Tor. Einzig gegen Rehden war Müller erfolgreich. Doch seine drei Pokaltore fallen ein bisschen aus der Wertung. Der Gegner kam aus der Regionalliga. Nur in der Nationalelf hat Müller auf hohem Niveau getroffen, beim 3:3 gegen Paraguay. Man muss das nicht überinterpretieren, aber es kann ein Hinweis auf sein unterschiedliches Befinden in den beiden Mannschaften sein.

So gesehen ist es eine gute Nachricht, dass sich der WM-Torschützenkönig gegen Österreich und am Dienstag auf den Färöer voraussichtlich wieder in seiner Lieblingsrolle im rechten Mittelfeld als Anarchist austoben darf. Und anders als beim FC Bayern darf sich Müller ziemlich sicher sein, dass seine unorthodoxen Lösungen auch künftig bei Löw gefragt sein werden.

Zwar musste sich nun auch Lars Bender nach Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski, Ilkay Gündogan und Mario Götze verletzt abmelden. Doch außer Götze fehlt derzeit kein Konkurrent. Im Verein sähe das nach der Rückkehr von Götze, Thiago, Schweinsteiger und Javier Martínez anders aus. Wenn alle eingebaut werden, könnten die Verschiebungen Müller häufig betreffen. Er befindet sich auf Sicht, um im Radiobild zu bleiben, in einer Quotenfalle. Auch für die Nationalelf wäre das eine schlechte Nachricht, wenn Müller beim FC Bayern künftig nicht mehr so oft auf Sendung gehen könnte.

Noch aber funkt er fröhlich. „Den Laufstil hat er auch behalten“, witzelte Müller am Donnerstag über Philipp Lahm. Der Kapitän hatte gesagt, er habe sämtliche Trikots und Medaillen aus all seinen bisher 99 Länderspielen aufgehoben. Das klang ein bisschen nach dem Durchschnittsbürger namens Thomas Müller, der Hauptfigur einer neuen Kinokomödie. König von Deutschland, heißt die. Radio Müller scheint diesem Titel derzeit näher zu sein als König von Bayern.