Lille - Als ein wenig schrullig, aber liebenswürdig, gelten die Menschen im nördlichsten Zipfel Frankreichs. So erzählt das die Komödie „Willkommen bei den Sch’tis“, mit 20 Millionen Besuchern erfolgreichster französischer Film. Mit den Sch’tis, den Bewohnern der Region Nord-Pas-de-Calais, kennen sich auch Bayern Münchens Profis Dante und Franck Ribéry ziemlich gut aus. Beide haben in der dortigen Hauptstadt gespielt, in Lille, beim heutigen Gegner in der Champions League, dem OSC. Der brasilianische Innenverteidiger von 2004 bis 2005 auf seiner ersten Station in Europa, an die er wegen der Sprachbarriere, Verletzungen und nur wenigen Einsätzen keine besonders gute Erinnerung hat. Und der französische Nationalspieler Ribéry in der Jugend von 1995 bis 1999. Vor allem für ihn heißt es also in Anlehnung an den Kinoerfolg von 2008: Zurück bei den Sch’tis.

Druck auf den Schultern

„Ich kann es gar nicht erwarten. Meine Familie und viele Freunde werden da sein“, hat Ribéry vor dem Flug zu seinem Heimatspiel gesagt.

Doch der 29-Jährige weiß wegen des überraschenden 1:3 in Minsk gegen Bate Borissow auch: „Wir haben einen gewissen Druck auf den Schultern.“ Er kennt natürlich auch den Spott und die Klischees, mit denen seine Heimatregion belegt ist und von denen der Film erzählt. Zumal Ribéry ja selbst ein bisschen zu den Sch’tis zählt. Auch in seinem gut einhundert Kilometer von Lille entfernten Heimatort Boulogne-sur-Mer am Ärmelkanal sprechen viele Menschen den gleichnamigen Dialekt, wegen dessen Klang die Sch’tis im übrigen Frankreich veralbert werden. Es ist wohl ein bisschen wie mit den Ostfriesen in Deutschland.

Zur Erfolgsgeschichte Lilles zählt, dass die Elf von Trainer Rudi Garcia seit zwei Monaten im Grand Stade Lille Métropole spielt, der modernsten Arena Frankreichs. Mit momentan überschaubarem Erfolg: Platz elf in der Liga, zuletzt gelang in der Nachspielzeit ein 1:1 bei Girondins Bordeaux.

In der Champions League steht der OSC nach Niederlagen gegen Borissow und Valencia ohne Punkt da. „Die Franzosen werden ihre letzte Chance suchen“, sagte Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge: „Die Mannschaft ist gefordert, in Lille einen Sieg einzufahren.“ Zumal dort wegen des Abgangs des Stürmers Eden Hazard zum FC Chelsea und Verletzungen zurzeit nur das Stadion höchsten Ansprüchen genügt.

Ribérys Lehrjahre

Mehr als 50.000 Zuschauer passen in die Arena, deren Dach geschlossen werden kann. Hinzu kommt als Clou eine Spielfläche, deren nördlicher Teil über den südlichen gefahren werden kann, um eine darunter liegende kleine Arena mit zusätzlichen Tribünen freizugeben, für Basketballspiele oder Konzerte. Bei der Europameisterschaft 2016 ist Lille Spielort.

Ribéry bezeichnet seine Lehrjahre dort als „die wichtigsten meiner Karriere“. Und das, obwohl sein Aufstieg in Lille beinahe jäh geendet hätte, bevor er überhaupt richtig begann. Ribéry flog aus dem Internat des OSC. Wegen schlechter Noten, wie es heißt, aber wohl auch, weil der junge Franck als Rüpel galt. Ein bisschen schrullig fanden sie ihn damals wohl und hänselten ihn wegen seiner Narben im Gesicht, die Ribéry als Kind von einem Autounfall davongetragen hatte.