Manuel ist ein hervorragender Keeper, aber er muss um seinen Platz im Münchner Tor kämpfen.
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MünchenManuel Neuer machte sich noch etwas breiter und größer, als er ist, und blieb einfach stehen, wie Torhüter das nennen. Kurz darauf bejubelte er, den Schuss von Pascal Köpke aus kurzer Distanz abgewehrt zu haben. Beim Bundesligaspiel des FC Bayern bei Hertha BSC am vergangenen Sonntag war diese Szene in der Schlussphase zu beobachten, als ohnehin längst feststand, dass der Auftakt in die zweite Saisonhälfte mit einem Auswärtssieg beschlossen werden würde. An den erfolgreichen Rückrundenstart erinnerte auch Hansi Flick am Freitag, und er nutzte die Gelegenheit, Neuer abermals den Rücken zu stärken. „Was mir besonders gut gefallen hat: Dass wir kein Tor bekommen haben“, sagte der Trainer der Münchner, „Manu hat sensationell gehalten.“

Dass Neuers Freude über die Parade so groß ausfiel, hatte wohl mit zweierlei zu tun: Erstens mit seinem Ehrgeiz, möglichst jeden Schuss vom Weg ins Tor abzubringen, und sei es im Training. Und zweitens mit seinem Ehrgeiz, der Debatte um ihn und seinen künftigen Konkurrenten Alexander Nübel nicht nur mündlich eine sehr eindeutige Selbstgewissheit entgegenzusetzen, sondern auch sehr eindeutige Leistungsnachweise.

Dass Spiel gegen Schalke wird für Neuer besonders

Der Zeitpunkt war aus seiner Sicht gut gewählt. Es war nicht nur das erste Pflichtspiel, nachdem der ablösefreie Sommertransfer des Schalkers Nübel, 23, zum FC Bayern verkündet worden war. Für Neuer war es auch ein sehr kalter und einsamer Nachmittag gewesen, an dessen Ende er mit seiner Großtat untermauern konnte, warum er die Debatte um Nübel für überflüssig hält. Praktischerweise schauten im Olympiastadion auch Bundestrainer Joachim Löw und Bundestorwarttrainer Andreas Köpke dabei zu, wie dessen Sohn Pascal am Reflex des zuvor so einsamen und unterkühlten Neuer scheiterte. „Manuel ist ein absoluter Weltklassetorwart, er weiß mit den Dingen umzugehen. Da mache ich mir null Gedanken“, sagte Flick nun.

An diesem Sonnabend im Topspiel zwischen dem FC Bayern und dem FC Schalke wird Neuer dennoch wieder unter Beobachtung stehen, obwohl es nicht zum direkten Duell mit Nübel kommt. Neuers künftiger Teamkollege reiste wegen seiner Rotsperre nicht mit nach München und wird das Spiel auf dem Sofa verfolgen. Präsent sein wird das Thema trotzdem, allein schon, weil die ohnehin ziemlich aufgeregte Debatte um Nübels mutigen Karriereschritt kurz vor Neuers Wiedersehen mit seinem Heimatverein um eine durchaus angriffslustige Wortwahl von Nübels Berater angereichert wurde. Sein Klient wolle, sagte Stefan Backs dem Magazin 11Freunde, „Neuer mittelfristig verdrängen“. Zunächst gehe es darum, vom viermaligen Welttorhüter und Weltmeister von 2014 zu lernen. Aber Neuer, der in zwei Monaten seinen 34. Geburtstag feiern wird, werde nicht jünger, ließ Backs wissen und sagte mit Blick auf die übernächste Saison: „Wenn ich also ein großer Torhüter werden will und dann nicht einen 35- oder 36 Jahre alten Torwart attackiere, dann habe ich es auch nicht verdient.“

Nebenbei ufert die Debatte auch in Schuldzuweisungen an den ehemaligen Schalker Manager Christian Heidel aus, der es laut Backs versäumt habe, mit Nübel zu verlängern. Heidel schoss inzwischen zurück, und auch andere Experten dürften dafür sorgen, dass die Debatte Neuer und die Münchner nicht nur ins Spiel gegen Schalke begleitet, sondern wohl gleich durch die kommenden Jahre.

Nübels Berater keilt aus

Schon jetzt habe sich „bis auf den Dalai Lama ja jeder dazu geäußert“, befand Backs und attestierte dem früheren Münchner Profi Stefan Effenberg bei der Gelegenheit „ein unterirdisches Niveau“ sowie „Aussagen wie von Betrunkenen am Tresen“. Effenberg hatte den Berater zuvor als geldgeil bezeichnet, für diesen stehe nicht Nübels sportliche Perspektive im Mittelpunkt. Diese halten auch viele andere Beobachter für gefährdet, zumal Neuer nach seinen Mittelfußbrüchen 2017 inzwischen wieder seine alte Weltklasseform erreicht hat und vorerst noch in einem guten Torwartalter bleiben wird. Sollte er seinen Vertrag erwartungsgemäß über 2021 hinaus vorzeitig verlängern, müsste sich Nübel auch mittelfristig auf einen sehr ehrgeizigen Neuer einstellen.

Neuer gibt sich nach außen demonstrativ unbeeindruckt und will es vorerst damit bewenden lassen, sein Selbstverständnis klar geäußert zu haben. „Ich bin kein Statist, sondern Protagonist und möchte immer spielen“, sagte der Nationaltorwart im Trainingslager und bezeichnete Nübels Verpflichtung als „unerheblich“ für seine Vertragsgespräche. In denen möchte Neuer gewiss auch eine monetäre Wertschätzung spüren. Eine große Rolle spiele vor allem, „wie es mit dem Trainer weitergeht“, sagte Neuer und betonte die gute Zusammenarbeit mit Flick, der ihn im Gegenzug unmissverständlich als seine Nummer eins bezeichnete.

Auch der neue Vorstand Oliver Kahn hat sich schon deutlich pro Neuer positioniert. Wohl auch aus eigener Erfahrung, wie sehr ein Torwartduell an den Nerven zerren kann. Wie vor der Weltmeisterschaft 2006, bei der dann Jens Lehmann den Vorzug erhielt. Neuer hat Flicks und Kahns Unterstützung erfreut registriert. Weniger erfreut hat ihn das Ansinnen des Sportdirektors Hasan Salihamidzic, Nübel schon in der kommenden Saison Spielpraxis zu verschaffen.

Dass sich Neuer gerade auf diversen Titelseiten von Illustrierten und in Berichten über die Trennung von seiner Frau Nina wiederfindet, fügt sich ins Bild eines womöglich unruhigen Karriereherbstes. Gelten dürfte fürs Professionelle wie fürs Private: So ungerührt sich Neuer nach außen auch gibt, beschäftigen ihn die Themen und Begleitdebatten mehr, als er zeigen möchte. Jede Regung, jeder Fehler könnte ja gegen ihn verwendet werden, auf und neben dem Platz. Neuer dürfte also durchaus auch mit Interesse verfolgen, ob Nübel in einer Woche ins Schalker Tor zurückkehrt oder sein Vertreter Markus Schubert den Vorzug erhält.

Die Tendenz geht offenbar dahin, dass Nübel sein letztes Halbjahr in Gelsenkirchen wohl auf der Bank verbringen wird. Jedenfalls dann, wenn Schubert auch in München gut hält. Neuer hätte wohl nichts dagegen. Nübel käme dann ja zu den Bayern als jenes Torwarttalent, dessen letzte Aktion bei Schalke ein ungelenker Kung-Fu-Tritt samt Platzverweis war.