Mainz - Am Dienstagabend präsentiert Philipp Lahm im Münchner Volkstheater sein Buch „Der feine Unterschied“; um 20 Uhr mit Überraschungsgästen. Ursprünglich hatte der Kapitän des FC Bayern München das an einem Sonntagabend Ende September tun wollen. Aber zwei Tage später spielten die Bayern gegen Manchester City. Da erschien es Lahm aus nachvollziehbaren Gründen angeraten, lieber nicht 48 Stunden zuvor zur Lesung eines schlagzeilenträchtigen Erstlingswerks zu laden.

Zwei Monate später herrscht zwar weniger Termindruck, dafür aber eine andere Form der unangenehmen Pression. Lahm stellte nach dem 2:3 (0:1) bei Mainz 05 ziemlich ernüchtert fest: „Man muss sich bewegen und aggressiv Fußball spielen.“ Mitte Oktober führten die Bayern noch mit fünf Punkten und 19 Toren Vorsprung die Tabelle an. Fast sah es so aus, als müsste Borussia Dortmund spätestens Ostern, ach was, schon Heiligabend unterwürfig die Meisterschale aus dem Trophäenschrank kramen und gut verpackt per Express nach München schicken.

Fünf Spiele und nur sechs Pluspunkte später ist nicht nur Trainer Jupp Heynckes, in Mainz verpackt wie ein Astronaut mit Wollmütze, sondern die ganze schöne Mannschaft von einem heftigen Spätherbsthusten betroffen. Als hätten sie sich zum ersten Adventskaffeekränzchen mit Sahnetorte vollgestopft, trabten die angesichts der stabilen Mainzer Gegenwehr offenbar verdutzten Münchner übers Feld. Gefühlt schnellster Mann der Bayern war am Sonntagabend Präsident Uli Hoeneß, bald 60, auf dem Weg aus den Katakomben der neuen Mainzer Arena. Mutmaßungen, er habe sich zuvor in der Kabine wutanfallähnlich präsentiert, dementierte Mittelfeldspieler Toni Kroos: „Es war alles wie immer.“

Der feine Unterschied

Aus der bayerischen Landeshauptstadt wurden derweil auch gute Nachrichten übermittelt. Die zweite Mannschaft hat durch ein 1:1 in Memmingen eine Serie von drei Niederlagen in Folge überwunden, und vor allem: Bastian Schweinsteiger trainiert drei Wochen nach seinem Schlüsselbeinbruch wieder, unter Anleitung von Reha-Trainer Thomas Wilhelmi sogar mit Ball. Am Sonntag war offenkundig, dass selbst ein hochgezüchteter Körper nicht funktioniert, wenn der Kopf fehlt. „Basti ist der Initiator für unser Spiel nach vorne“, hat der in Mainz nahezu unsichtbare Thomas Müller festgestellt.

Gegen einen Gegner, der vor dem Spiel noch auf dem Relegationsplatz 16 zu finden war, mag das zwar eine Erklärung für die Ideenlosigkeit sein, niemals aber eine Entschuldigung. Das sieht Müller übrigens genauso. 63 Prozent Spielbesitz, endlose Passsequenzen quer und hin und zurück, statisches Aufbauspiel, fast ausnahmslos stur an den Seitenlinien klebende Flügelspieler, das alles erinnerte verdächtig an das Bayernspiel unter Louis van Gaal. Und schließlich verzweifelter Bolzball in der Schlussphase, dem Mainz fast noch zum Opfer gefallen wäre, hätte Daniel van Buyten nicht in letzter Minute seinen dritten Treffer verpasst.

Der dritte Mainzer Sieg gegen die Bayern im dritten Jahr unter Thomas Tuchel war auch ein Erfolg der perfekten Vorbereitung des 38-Jährigen auf den vermeintlich übermächtigen Gegner. Noch spät am Sonntagabend erläuterte Tuchel in seiner ganz eigenen Fußballlehrersprache entspannt einem sehr interessierten japanischen Reporter, wie man den Bayern beikommen kann: „Vorwärtsverteidigen“, „Pressing-Situationen gut aussuchen“, „Trichter bilden“, „im gesamten Block attackieren“ und bei Ballbesitz „selbstbewusst und flach durch die Halbräume nach vorne spielen“. Es war fast eine Blaupause dessen, was Borussia Dortmund eine Woche zuvor beim 1:0-Sieg in München präsentiert hatte, dabei hatte Tuchel sich vor dem Spiel noch richtiggehend „erschrocken“ angesichts der Unpässlichkeiten einiger seiner Männer: „Adam Szalai vor dem Spiel in Zivil in der Kabine, Nikolce Noveski in Zivil, Marcel Risse in Zivil, Jan Kirchhoff in Zivil, eine halbe Bundesligamannschaft in Jeans“.

Aber dann stellte der Fußballversteher seine Mannschaft gänzlich unverzagt ein, der überragende Andreas Ivanschitz sprach von „vielen kleinen Punktsiegen“ in Zweikämpfen, die die Bayern aufrieben und nervten. „Wir werden uns jetzt bestimmt nicht völlig aus der Bahn werfen lassen“, sagte Toni Kroos zum Abschied zwar mutig, „der dritte Platz hat nichts zu bedeuten.“ Aber die Erkenntnis, dass die Bayern mit zäher Gegenwehr zermürbt werden können, dürfte künftigen Gegnern neuen Mut geben.

Das ist der feine Unterschied.