Hat die Chance aufs Triple: Bayern-Trainer Hansi Flick.
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Berlin/LissabonAm Sonntag können sie beim FC Bayern jenes Ziel erreichen, auf das Hansi Flick die Mannschaft bald nach seinem Amtsantritt eingeschworen hatte. Was im Winter, zwei Monate nach seiner Beförderung von Niko Kovacs Assistenten zum Interims- und später Cheftrainer, kühn wirkte, ist einen Sieg entfernt. Gewinnen die Münchner das Finale der Champions League gegen Paris Saint-Germain, haben sie das zweite Triple der Klubgeschichte nach 2013 erobert.

Es wäre eine phänomenale Story von einem, der stets als dienstbarer Helfer im Schatten seiner Chefs stand, wie beim WM-Titel 2014 mit der deutschen Nationalelf als Co von Bundestrainer Joachim Löw. Schon damals ahnte das Publikum, dass Flicks Beitrag größer war, als es schien. Doch die Vorbehalte, ob dieser ruhige Mann ohne den üblichen Selbstdarstellungsdrang in seiner Branche zum Dompteur in der ersten Reihe taugt, überwogen auch im November, als er die Mannschaft nach einer 1:5-Niederlage in Frankfurt übernahm. Zu tun hatte das auch mit seiner geringen Erfahrung als Chefcoach, die sich auf zwei Engagements im Amateur-Fußball beschränkte, bei seinem Heimatklub Victoria Bammental sowie der TSG Hoffenheim. Nun erobert der 55-Jährige Europa.

Doch selbst wenn es am Sonntag schiefgehen sollte, ist ihm schon jetzt Historisches gelungen. Vor Flick schaffte kein Trainer sieben Siege in seinen ersten sieben Spielen in der Champions League. Nie gewann eine Mannschaft alle Spiele bis zum Finale. Nie erzielte ein Team dabei im Schnitt so viele Tore wie die Bayern (4,2 pro Spiel). Eine solch spektakuläre Demontage wie die des großen FC Barcelona beim 8:2 im Viertelfinale war auf diesem Niveau auch neu. Und vor allem: 32 Siege und ein Remis in 35 Pflichtspielen unter Flick sind mehr als bemerkenswert, ebenso die zuletzt 20 Pflichtspielsiege in Serie und 29 Partien ohne Niederlage. Zumal in einer komplizierten und zwei Mal unterbrochenen Corona-Saison, deren Umstände ohnehin in die Geschichte eingehen werden.

Doch es sind nicht die Siege, Tore und Rekorde, die Flicks Werk bei den Bayern mit ihrer enormen Finanzkraft besonders machen. Es ist vielmehr sein Beitrag, das sich oft hemmungslos überhöhende Kickergewerbe aufs Wesentliche reduziert zu haben: mit seiner Normalität, Menschlichkeit und Fachkenntnis. Das wird in jedem Fall bleiben und ist nicht hoch genug zu bewerten in all der Eitelkeit des Fußballs.