München - Mario Gomez lächelte müde. Ja, sagte der Stürmer, „ich habe alles in den Schuss geschmissen, aber es kam nicht mehr viel raus“. Aus der Mitte der eigenen Hälfte hatte es Gomez versucht, nachdem er bereits in der 17., 23. und 42. Minute beim 3:2 (3:1) gegen den SSC Neapel getroffen hatte und nun mit 17 Toren als erfolgreichster deutscher Torschütze der Champions League geführt wird.

Als erstem deutschen Spieler war ihm ein Hattrick in der europäischen Eliteliga gelungen, der in der Fußballersprache „lupenrein“ genannt wird – in einer Halbzeit erzielt und ohne von einem anderen Tor unterbrochen. Und dann war da eben jener Moment kurz vor Schluss, als er mit letzter Kraft aus 70 Metern versuchte, den Ball ins leere Tor der Gäste zu schießen.

Es war eine geradezu aberwitzige Szene, wie Neapels Torwart Morgan de Sanctis dem Ball vorauseilte, ihn auf dem langen Weg passieren lassen musste und unmittelbar vor der Linie wieder einholte, um ihn neben den Pfosten zu lenken. Und es war eine Szene, die nicht maßgeblich war, in ihrer Dramaturgie aber durchaus charakteristisch für dieses intensive vierte Gruppenspiel.

Der "Playmaker" fehlte

Die Bayern hatten anfangs leichte Probleme, erspielten sich dann mit „brillantem Fußball vom Allerfeinsten“ (Sportdirektor Christian Nerlinger) die scheinbare Vorentscheidung und kamen doch noch so sehr ins Wanken, dass Kapitän Philipp Lahm mahnend bilanzieren musste: „Das darf uns natürlich nicht passieren.“

Der Leistungsabfall hatte viel mit der Verletzung von Bastian Schweinsteiger zu tun, der zu Beginn der zweiten Halbzeit mit Gökhan Inler zusammengeprallt war und einen Bruch des rechten Schlüsselbeins davontrug.

In der Nacht zum Donnerstag wurde der 27-Jährige operiert, die Bayern rechnen mit seinem Einstieg ins Mannschaftstraining in sechs Wochen, was bedeutet: Rückkehr in den Spielbetrieb erst zur Rückrunde. Nerlinger beeilte sich, eine nachhaltige Tiefenwirkung zu verneinen: „Wir sind stabil genug, um so etwas zu kompensieren.“

Doch so überzeugt er das auch vortrug, so sehr hallte diese Frage dem Spiel nach. Nach Arjen Robben, dessen Rückkehr sich ebenfalls noch Wochen hinziehen wird, ist Schweinsteiger der zweite, der noch wichtigere Leistungsträger, der nun fehlt. In der letzten halben Stunde gegen Neapel waren die Bayern in arge Nöte geraten. Zu großen Teilen lag das an Schweinsteigers Abwesenheit.

„Playmaker“ nennt ihn der Bayern-Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge. „Er gibt vor, wie wir spielen“, präzisierte Gomez, „danach hat jeder Spieler ein bisschen Halt gesucht und nicht gefunden, weil er nicht da war“.

Chance für Timoschtschuk

Die Münchner stehen nun kurz vor dem Einzug ins Achtelfinale. Mit einem Remis gegen den FC Villarreal wäre das Etappenziel erreicht. Es ist kaum zu erwarten, dass das ohne Schweinsteiger misslingen wird. Und doch dürfte sein Fehlen die Kompaktheit ebenso schwächen wie die Sicherheit im Spielaufbau. „Wir haben nur noch lange Bälle gespielt, wir haben keine Lösungen mehr gefunden“, klagte Thomas Müller. Rummenigge hofft, dass „dem Jupp schon was einfallen“ wird.

Nun wird es auch auf Spieler ankommen, auf die Trainer Jupp Heynckes nicht uneingeschränkt vertraut. Auf Anatolij Timoschtschuk etwa, der in der Champions League oft Luiz Gustavo den Vortritt lassen musste. Oder auf Rafinha, der auf rechts in die Viererkette zurückkehren wird, wo Jérôme Boateng auf europäischer Bühne mal wieder von Heynckes für stabiler befunden worden war. Denn neben Schweinsteiger wird gegen Villarreal auch Holger Badstuber nach seiner Gelb-Roten Karte fehlen. In der Bundesliga steht im kommenden Heimspiel gegen Dortmund ebenfalls eine große Herausforderung an.

Da hilft es, dass das Selbstvertrauen gegen Neapel keinen größeren Schaden nahm. Nachdem Federico Fernandez (45./79.) den SSC herangebracht hatte, schien in der turbulenten Schlussphase der Ausgleich möglich. „Bastian war der Taktgeber, er war in überragender Form. Nach seiner Verletzung war ein Bruch im Spiel“, konstatierte Heynckes. Andererseits sei es auch bei vorherigen Ausfällen, siehe Robben, gelungen, „Spieler, die verletzt waren, zu kompensieren“. Und dann bemühte sich der erfahrene Trainer, die unerfreuliche Lage durch Schweinsteigers Schlüsselbeinbruch nicht düsterer zu zeichnen als nötig. Sie hat Heynckes zufolge sogar ihre gute Seite: „Ich finde es keinen Beinbruch, dass die Erwartungshaltung auf ein Normalmaß gesenkt wird.“