Berlin - Als Jürgen Klopp im Sommer 2008 sein erstes Heimspiel als Trainer von Borussia Dortmund absolvierte, fiel die Sache erst mal ins Wasser. Ein Wolkenbruch überschwemmte die Stadt, das Testspiel gegen Juventus Turin musste um einen Tag verschoben werden. Die Italiener waren die klar bessere Mannschaft, gewannen das Spiel mit 3:1, und hinterher saß Klopp neben Juve-Coach Claudio Ranieri und staunte den welterfahrenen Kollegen an wie ein Student seinen nobelpreisdekorierten Professor. So will ich auch sein, signalisierte er mit jeder Faser seines Körpers, nicht ahnend, dass Ranieri zwar noch vor ihm englischer Meister werden würde, 2016 mit Leicester City, er selber aber nur zwei Jahre nach Amtsantritt die Dominanz des FC Bayern in Deutschland mit dem BVB zeitweilig pulverisieren würde.

13 Trainer-Entlassungen gab es in der Bundesliga

An einem ähnlichen Punkt wie damals Klopp ist jetzt Marco Rose. Nach bescheidenen Erfolgen in der fußballerischen Provinz steht er in Dortmund vor dem Lackmus-Test seiner Karriere. Wie einst Klopp und später Thomas Tuchel kann er hier beweisen, dass er das Zeug zu einem Meister seiner Zunft hat, oder er muss wie vor ihm Peter Bosz und Lucien Favre die schmerzhafte Erfahrung machen, dass diese Sprosse der beruflichen Stufenleiter doch eine Nummer zu hoch für ihn ist. Rose ist neben Julian Nagelsmann das exponierteste Exemplar jener Trainergeneration, die es nicht lange hält an einem Ort, weshalb sie lieber anderswo nach Ruhm und Mammon strebt. Nur vier Teams der Bundesliga, abgesehen von den Aufsteigern, werden sicher mit jenem Mann in die kommende Saison gehen, der sie auch zu Beginn der abgelaufenen Spielzeit betreute: die TSG Hoffenheim mit Sebastian Hoeneß, der SC Freiburg mit dem ewigen Christian Streich, der VfB Stuttgart mit Pellegrino Matarazzo und der 1. FC Union mit Urs Fischer. Beim VfL Wolfsburg und Oliver Glasner läuft noch die Hängepartie, Tendenz Trennung.

42 Trainerwechsel gab es vergangene Saison in den fünf europäischen Topligen in England, Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland. Die meisten, 13 an der Zahl, entfielen auf die Bundesliga – Beleg dafür, dass die Rolle des Trainers nirgends so überschätzt wird wie hier. Wirklich etwas gebracht hat das Roulettespiel nur bei CFC Genua, Celta Vigo, dem FC Chelsea und Mainz 05, wo der zweite Wechsel von Jan-Moritz Lichte zu Bo Svensson allerdings mit einem Austausch der kompletten, überforderten sportlichen Leitung einherging. Alle anderen Teams, inklusive Hertha BSC, dümpelten weiter in den Tabellenregionen herum, in denen sie auch schon beim Vorgänger waren.

Die Bundesliga setzt auf Wunderheiler

Interessant ist der Kontrast der Trainerverschleißmaschine Bundesliga zur Premier League. Dort waren alle Mannschaften mit jenem Manager in die Spielzeit gestartet, der auch im Vorjahr schon da war, und gefeuert wurden im Saisonverlauf bloß vier. Mit Slaven Bilic und Chris Wilder die Trainer der beiden abgeschlagenen Absteiger West Bromwich Albion und Sheffield United, außerdem Frank Lampard, der bei Chelsea vom wesentlich erfolgreicheren Thomas Tuchel ersetzt wurde, und José Mourinho, der mit Tottenham Hotspur ein weiteres Team in einen Trümmerhaufen verwandelt hatte, was er inzwischen beim AS Rom versucht.

England setzt auf Kontinuität und systematische Entwicklung, die Bundesliga eher auf Wunderheiler, die durch eine Art Handauflegen Abstiegskandidaten in europareife Ensembles verwandeln und Mitläufer in Meisterschaftsaspiranten. Dieses Wunschdenken hilft dem FC Bayern, der ja schon diesmal trotz einiger Widrigkeiten geflissentlich die europäischen Signale überhört hatte, die den Sturz der Dauer-Dominatoren verhießen. Beendet sind die Titel-Abonnements von Paris St. Germain, Real Madrid, FC Barcelona und Juventus Turin, München aber triumphierte zum neunten Mal in Serie.

Dass Julian Nagelsmann, der Nachfolger von Hansi Flick bei den Bayern, die Dekade vollmachen wird, daran gibt es kaum Zweifel. Weshalb es ein großes Rätsel bleibt, warum Deutschlands Fußballfans eigentlich so vehement gegen die Super League und eine Abkopplung der Top-Klubs von den nationalen Ligen waren.  Wäre das nicht himmlisch? Bundesliga ohne Bayern? Jeder könnte plötzlich Meister werden, so wie einst in den Sechzigerjahren. Sogar mal wieder Borussia Dortmund. Mit oder ohne Marco Rose.