Noch ein Spiel bis zum größten Erfolg des FC Heidenheim: Kapitän Marc Schnatterer (l.) und sein Team haben es in die Relegation geschafft.
Foto: Imago Images/Marvin Güngör

BerlinWird es doch noch das Wunder von der Weser? Oder erlebt der Profifußball jetzt das Bravourstück von der Brenz? Und: Wer ist eigentlich dieser Typ mit Hemd unterm Pulli auf Sitzschale 29 im weitgehend leeren Weserstadion gewesen, der ständig mit der fetten Kuhglocke gewedelt hat? Nach dem 0:0 im Relegations-Hinspiel zwischen Werden Bremen und dem FC Heidenheim am Donnerstag sind Fragen offen geblieben.

Welcher der beiden Klubs kommende Saison in der Ersten Liga spielt, entscheidet sich beim Rückspiel an diesem Montag (20.30 Uhr, DAZN/Amazon Prime). Und der Typ mit der Kuhglocke? War kein Schweizer Investor, kein Identitäskrisen-Banker, sondern der Referent für Marketing und Key Account des FC Heidenheim, Jochen Kreiten.

Bimmelt's etwa nicht bei diesem Bild? Kuhglocke! Schwäbische Alb! Ein Kuhdorf klingelt an der Tür zur Ersten Liga! Wobei die Tourismusbranche der Region statt Kühen mit Glocken lieber Fotos von Albschäfern mit ihren kuscheligen Herden für ihre Imagekampagnen nutzt. Nach Hoffenheim wäre „Hoidna“, wie echte oder Prenzlschwaben die 50.000-Einwohner-Stadt an der Brenz nennen, der zweitkleinste Spielort der Bundesliga. Am Montag soll es im Albstadion vielstimmig bimmeln. „Wir stehen vor dem größten Spiel der Vereinsgeschichte. Es ist nach wie vor die Lebenschance – und sie lebt“, sagt Trainer Frank Schmidt.

Klar ist: Z‘ Hoidna geht’s um Bodenständigkeit. Um Tradition. Und neben der Schäferei vor allem um Schafferei. Aus Familien-Unternehmen sind Global Player geworden. Heidenheim ist eine Industriestadt. „Wir müssen so spielen, wie die Menschen hier arbeiten“, hat Trainer Schmidt mal gesagt. So hat der FC Heidenheim im Hinspiel gegen Bremen viel verteidigt, ist viel gelaufen. So hat es der Fußballklub mit einer schrittweisen Professionalisierung auf allen Ebenen in der Relegation zur Ersten Liga geschafft. „Auf geht‘s Männer“, brüllte Holger Sanwald, der Vorstandsvorsitzende, vorigen Donnerstag auf der Tribüne, ehe sein Marketingmann die Glocke schwenkte. 

Sanwald ist einer der entscheidenden Männer hinter dem Heidenheimer Projekt. 1994 übernahm er die Verantwortung im Club. Als Frank Schmidt, 46, im Jahr 2007 dann vom Spieler zum Trainer wurde, ging es mit den Aufstiegen los. Von der Oberliga bis auf Rang drei der Zweiten Liga sind es bisher drei gewesen. Der vierte könnte diesen Montag folgen. Auch das wäre eine Art der Kontinuität, denn Kontinuität ist ein Grundwert bei den Heidenheimer Schwaben: Kapitän Marc Schnatterer, 34, steht seit 2008 für den FCH auf dem Feld. 

Auch Oberbürgermeister Bernhard Ilg, seit 2000 in diesem Amt, ist eine Konstante, die bei der Entwicklung des Klubs und dessen Infrastruktur mitgeholfen hat. Die Arena mit 15.000 Plätzen auf dem Schlossberg wurde für 50 Millionen Euro in Modulbauweise errichtet. Sie liegt im Grünen unweit des Naturtheaters, des Klinikums von Schloss Hellenstein und dem Wildpark Eichert, ein Nachwuchsleistungszentrum samt Internat ist angeschlossen. „Es wird belohnt, wenn man anständige, kontinuierliche Arbeit macht, Jahr für Jahr. Diese Arbeit hat vor über 20 Jahren begonnen“, sagte Ilg der Schwäbischen Zeitung.

Sanwald, der seine Hündin Ida hin und wieder in sein Büro mitnimmt, das direkt neben dem Stadion liegt, plante zuletzt mit einem Etat von 35 Millionen Euro. 500 Mittelständler gehören zum Sponsoren-Netzwerk, darunter der Maschinenhersteller Voith als Namensgeber für das Stadion sowie der Medizin- und Pflegeprodukte-Hersteller Hartmann für die Trikotbrust der Profis.

Mit Vereinsfreundschaften und dem Slogan „Wir für die Region“ hat der FC Heidenheim den Kontakt in die Region intensiviert. In seinem Büro hat Sanwald eine Foto-Collage seiner Mitarbeiter aufgehängt, ein Geschenk zum 50. Geburtstag des Vorstandsvorsitzenden. Dort hängt auch ein Fanschal als Erinnerung an den DFB-Pokal im vorigen Jahr, als der Dorfklub den FC Bayern im Viertelfinale in Bedrängnis brachte, schließlich in München aber 4:5 verlor. Das Spiel ist für Sanwald noch immer ein Antrieb. Ein Beweis, dafür, dass alles möglich ist im Fußball. Das 0:0 in Bremen, sagt er nun, sei ein gutes, aber auch gefährliches Ergebnis: „Ein Tor kann uns reichen, aber wir brauchen eben zwei, wenn Bremen trifft.“

Bislang ist niemand abgehoben im Verein. Bei der Pressekonferenz vor dem Re-Start nach der Coronapause sagte Presse-Chef Markus Gamm, „der Holle“ werde auch noch was sagen. Ehe der Vorstandsvorsitzende Sanwald davon sprach, dass die soziale Komponente im Verein immer das wichtigste sei: „Wir gehen eben nicht mit unseren Jungs um wie mit Maschinen. Es wäre schön, wenn wir alle Verträge verlängern könnten.“

Auch der SPD-Landesvorsitzende Andreas Stoch hat eine Saisonkarte auf der Gegentribüne. Er kommt wie Trainer Schmidt, der die Bremer beim Relegations-Hinspiel offenbar mit seiner personellen und taktischen Ausrichtung nicht nur überraschte, sondern auch ratlos zurückließ, aus dem Nachbarort Giengen an der Brenz. Man kennt sich auf der Ostalb. Man unterstützt sich. Man ist stolz auf das Image als Provinzklub, der im Millionengeschäft angelangt ist, aber nicht mit Millionen um sich wirft.

Diesen Niedrig-Budget-Kleinklub-Arbeiter-Ansatz verfolgt auch der 1. FC Union, selbst wenn allein im Bezirk Treptow-Köpenick mit rund 270.000 Einwohnern mehr als fünfmal so viele Menschen leben wie in Heidenheim. Und so hat der frühere Baden-Württembergische Kultusminister Stoch in der Schwäbischen Zeitung einen Vergleich zum 1. FC Union gezogen, als er sagte: „Dieser Verein hat ebenfalls ein positives Image, und ich traue den Heidenheimern schon zu, dass sie dieses Underdog-Image kultivieren. Und wenn dann nicht gerade der Lieblingsverein spielt, fiebert man ja meist mit dem Schwächeren. Wenn Heidenheim im nächsten Jahr – egal in welcher Liga – wieder die Überraschungsmannschaft sein kann, dann haben sie alles richtig gemacht.“