Es war eine Partie von richtungsweisendem Charakter, die den 1.FC Union am Dienstagabend im Stadion an der Alten Försterei erwartete. Kein Pflichtspiel hatten die Eisernen in dieser Saison bislang verloren, zuletzt jedoch auch dreimal Unentschieden gespielt.

Die Stimmung in Köpenick war dementsprechend durchwachsen, ein Sieg war gefühlte Pflicht gegen einen unangenehmen Kieler SV Holstein. Am Ende bestand Union die Reifeprüfung mit Sternchen.

Rotation auf der linken Seite beim FC Union

Nicht nur, weil Grischa Prömel in der 90. Minute mit seinem hart erkämpften 1:0 den Sieg praktisch festzurrte, nicht nur, weil Sebastian Polter ein Comeback wie aus dem Bilderbuch feierte, sondern weil die Mannschaft von Trainer Urs Fischer gegenüber den letzten Wochen insgesamt eine ordentliche Leistungssteigerung präsentierte.

Der Schweizer hatte vor dem Spiel die komplette linke Seite ausgetauscht, Christopher Lenz für Ken Reichel, sowie Robert Zulj für Felix Kroos und Simon Hedlund für Marcel Hartel aufgeboten. Publikumsliebling Polter nahm sieben Monate nach seinem Achillessehnenriss erstmals wieder auf der Bank Platz.

Holstein Kiel prüfte Unions Defensive stark

Beide Teams begannen das Spiel von Anfang an offensiv. Dass die Eisernen nach 17 Minuten allerdings nicht in frühen Rückstand gerieten, war einem überragenden Reflex von Torwart Rafal Gikiewicz geschuldet, der einen Schuss des Kieler Koreaners Lee brillant hielt.

Überhaupt prüfte Kiel Unions Defensive stärker als die Kontrahenten der vorangegangenen Spieltage. Immer wieder tankte sich ihr kräftiger Kapitän Kinsombi durch das Mittelfeld und sorgte für Vollbeschäftigung bei der Köpenicker Hintermannschaft, die über den kompletten Spielverlauf aber wieder einmal äußerst standhaft blieb.

Die beste Chance gehört FC Union

Kurz vor der Pause gehörte die beste Chance dann jedoch den Eisernen: Nach einem Freistoß von Christopher Trimmel köpfte Florian Hübner den Ball kräftig aufs Tor, nur eine Glanztat des Holstein-Torwarts Kronholm konnte die Führung verhindern.

Nach dem Seitenwechsel erhöhte Union den Druck weiter. Akaki Gogia setzte sich auf dem rechten Flügel stark gegen zwei Kieler durch, umlief Kronholm, doch der Torwart bewies erneut seine Klasse, streckte sich und wehrte Gogias Schuss ab (47.). Die Köpenicker ließen nicht nach, präsentierten sich endlich offensiv so strukturiert, wie es sich Trainer Fischer schon in den vergangenen Partien erhofft hatte.

Ein kleines bisschen Zauber beim FC Union

Für der Lohn der Angriffs-Mühen benötigte es schlussendlich einen Kämpfer wie Grischa Prömel und das kleine bisschen Zauber, dass den Fußball in allerreinste Emotionen verwandelt. Doch davor wurde es erst einmal laut in der Alten Försterei. In der 76. Minuten streifte sich Sebastian Polter − mit seiner Statur, seinem Charakter und seinem Kampfesgeist schon immer der Inbegriff des eisernen Kickers − das Trikot über und betrat unter riesigem Jubel den Rasen.

Dass das Kurz-Comeback aber keine Köpenicker Folklore war, bewiesen die Schlussminuten. Die Einwechslung des Publikumslieblings wirkte auch für dessen Mitspieler wie eine zweite Luft. Immer wieder attackierte Union die Gäste und als in der 90. Minute Robert Zulj, der sein bislang bestes Spiel im rot-weißen Trikot absolvierte, im Strafraum gelegt wurde und alle Beteiligten mit einem Auge auf Schiedsrichter Benjamin Cortus schielten, stand Grischa Prömel goldrichtig und vollstreckte. Vorteil, 1:0.

Doch der Schlusspunkt war noch nicht gesetzt: Sekunden vor dem Abpfiff tankten sich Polter und Marcel Hartel vor das Tor von Kiels Keeper Kenneth Kronholm. Polter übernahm, schoss, Kronholm blieb Sieger. Doch der Stürmer setzte nach, drehte sich und traf per Fallrückzieher über Kronholm hinweg zum 2:0.

Tränen der Freude bei Unions Sebastian Polter 

Schiedsrichter Cortus pfiff gar nicht erst wieder an, die Fans sahen rot und weiß und Sebastian Polter ließ seinen Emotionen freien Lauf. Freudentränen rannen ihm übers Gesicht, jeder Mitspieler umarmte ihn so lange, so wie es jeder Unioner in diesem märchenhaften Moment wohl gerne getan hätte. Nach dem Spiel verriet der Stürmer: „Vielleicht habe ich mir das irgendwann während meiner Verletzungszeit mal so erträumt, jetzt weiß ich gar nicht was ich sagen soll.“ Doch war es an diesem Abend nicht allein die zauberhafte Rückkehr von Sebastian Polter, die Köpenick zum Strahlen brachte, sondern auch die des siegestrunkenen 1. FC Union.