Windischgarsten - Dreißig Tage sind es jetzt noch, ehe für Bundesliga-Aufsteiger 1. FC Union beim DFB-Pokalmatch in Halberstadt (11. August) das erste Pflichtspiel der neuen Spielzeit steigt. Beim Training der Profis wächst die Intensität, und auch die Fans werden aufgeregter. Sie nehmen nicht wenige Strapazen auf sich, um ihre Idole schon jetzt zu sehen. Aus Genthin sind einige nach Österreich gereist, aus Berlin sowieso. Daniel Georg, stadtbekannter Wirt der Friedrichshainer Kultkneipe „Die Tagung“, unterbrach seinen Urlaub nahe München, um mit seinem Sohn Anton beim Training vorbeizuschauen. Auch wenn man dafür um 5 Uhr aufstehen musste. Wenn man arbeitsbedingt keine Dauerkarte besitzen kann, weil einfach zu wenig Zeit ist, um zu allen Spielen der Köpenicker zu gehen, muss man halt andere Chancen nutzen, um den Profis auf die Pelle zu rücken und dabei Autogramme abzugreifen.

Gefragte Zugänge

Hoch im Kurs stehen dabei natürlich die Zugänge. „Trimmel habe ich ja schon dreimal“, sagte der im Gikiewicz-Trikot angereiste Anton, auf dessen Ball am Ende des Tages nur zwei Signaturen fehlten. Zum Beispiel von Christopher Lenz. Der Linksverteidiger arbeitete nach dem Vormittagstraining noch lange an seinen Freistoßkünsten. Da wurde das Warten dann doch etwas zu lang, es galt schließlich noch die Rückreise anzutreten.

Bei allen Neulingen war Anton hingegen sehr erfolgreich. Marcus Ingvartsen verewigte sich auf seinem Ball. Auch Marius Bülters Unterschrift konnte der künftige Viertklässler erheischen. Was aber nichts darüber aussagt, welche Rolle der ehemalige Magdeburger in den kommenden Wochen und Monaten spielen wird. Beim Konkurrenzkampf um die Kaderplätze muss er einen Gang höher schalten, schließlich gilt es sich auf einem ganz neuen Niveau zu beweisen.

Dass die Leihgabe vom Zweitliga-Absteiger das auch unbedingt will, war schon beim ersten Testspiel gegen Bröndby IF (2:1) vor der Abreise nach Windischgarsten zu sehen. Da hinterließ er einen Eindruck, der Vorfreude weckte. „Ich hatte nicht damit gerechnet, sofort zu spielen“, gibt der 26 Jahre alte Spätstarter zu. Schließlich sei er erst am Tag zuvor in Köpenick angekommen, hatte nur eine Einheit mit den neuen Kollegen absolviert.

Bülters Werdegang entspricht so gar nicht dem Weg des klassischen Fußballprofis. Kein Nachwuchsleistungszentrum als Starthilfe, stattdessen Viertligafußball in Rödingshausen, Rheine oder Neuenkirchen. Dazu die Zusatzbelastung Studium mit Fachrichtung Maschinenbau, duale Ausbildung sozusagen. Mit erfolgreichem Abschluss. Maschinenbau und Schlosserjungs − klingt nach einer idealen Verbindung zwischen Klub und Profi.

Schon der Wechsel vor einem Jahr nach Magdeburg war ein Quantensprung. „Die Intensität des Trainings war eine andere“, gibt er unumwunden zu. Kaum 13 Monate später und 32 Zweitligaspiele reifer ist er nun sogar in Deutschlands Eliteliga angekommen. „Kneifen muss ich mich noch nicht. Ich habe ja noch kein Bundesligaspiel gemacht“, sagt Bülter ganz nüchtern.

„Es gehört halt auch ein bisschen Glück dazu. Wenn mir das jemand vor 13 Monaten prophezeit hätte, hätte ich selber gesagt, dass das niemals passieren wird“, sagt der 1,88 Meter große Offensivgeist, der überall für seine Vielseitigkeit gelobt wird. Selbst als Abwehrspieler oder im zentralen Mittelfeld musste er phasenweise beim FCM ran.

Diese Anpassungsfähigkeit könnte ihm auch bei Union weiter helfen, selbst wenn er da am liebsten auf den Flügeln agieren möchte. Und klar doch, mehr als ein Jahr würde er auch gern das Union-Trikot tragen. Immerhin hat sich Manager Oliver Ruhnert nach zähem Ringen eine Kaufoption in den „Überlassungsvertrag“ hineinschreiben lassen. Nun liegt es an Bülter, ob Union sie am Ende der Spielzeit auch wirklich zieht.

Ungeahnte Sphären

Schon die erste Berührung mit der großen Fußballwelt führte ihn gleich in ungeahnte Sphären. Auf einmal saß er mit Neven Subotic beim Medizincheck. „Das war schon irgendwie komisch. Aber wenn man sich mit Neven unterhalten hat, würde man nicht denken, dass der schon im Champions-League-Finale gestanden hat. Das war einfach nur cool. Man hat gemerkt, dass er einfach ein Mensch ist, wie jeder andere“, sagt Bülter.

Dem zweifachen Deutschen Meister musste er sich natürlich noch vorstellen. Der war nicht so mit ihm vertraut. Nun aber liegt es an dem Nordrhein-Westfalen selber, dass sich das ändert. Neben dem Ziel Bundesliga-Spieler zu werden, hat er vor allem noch eins. Was ihn mit den Köpenickern aufs engste verbindet. „Ich will nicht noch mal absteigen, das habe ich letztes Jahr schon mitgemacht, das ist kein schönes Gefühl.“ Das steht bei ihm über allem.