FC Viktoria 1889 : Hertha? Union? Berlins beste A-Jugend ist Viktoria

Machen die Regenjacken jetzt den Unterschied? Ob sie diese atmungsinaktiven Dinger endlich ausziehen dürfen, fragen die Spieler. „Ne, die sehen gut aus!“, gebietet der Coach. Die jungen Fußballer schwitzen weiter. Sie haben in den nasskalten Tagen zuvor viel gejammert, dass sie keine Regenjacken besitzen.

Nun hat der Sponsor nach langem Warten geliefert. „Dann müssen sie die auch anziehen“, sagt Trainer Hasan Keskin. Die Sonne scheint. Es ist eine Erziehungsmaßnahme: Die 18-Jährigen sollen mal schön auf dem Boden bleiben und sich nicht über die Ausrüstung beschweren – auch wenn sie die derzeit besten Nachwuchsspieler in Berlin sind.

Nein, weder Hertha BSC noch der 1. FC Union sind die Nummer eins. Hinter der Stadtautobahn im Süden, vorbei an Baumarkt und Möbelhäusern, da trainiert der FC Viktoria 1889 Berlin Lichterfelde-Tempelhof. In der Nordost-Staffel der U19-Bundesliga haben die Aufsteiger in dieser Saison bereits den Hamburger SV das Fürchten gelehrt und Hannover 96.

Der Trick: Das Team ist ein Auffangbecken für Talente, die sich woanders nicht durchsetzen konnten. Ein Märchen ist es dennoch nicht, denn Jugendsport kann ziemlich ungerecht sein und improvisiert.

Die Sternchen des Gegners

Draußen auf der Bank vor dem Kabinentrakt, in dem die Jung-Bundesligisten ihre Regenjacken bekommen haben, sitzt Yannick Lüdtke – jackenlos. Er hat die Erfolgsgeschichte vor vier Monaten maßgeblich mitgeschrieben, genießen kann er sie nicht. Im entscheidenden Aufstiegsspiel gegen den VfL Osnabrück parierte der Torhüter mehrfach glänzend, doch in der Bundesliga darf er nicht zwischen die Pfosten.

Er ist zu alt und zum BFC Preußen gewechselt. „Es tut schon weh“, sagt er. Zum Viktoria-Training kommt er trotzdem öfters. Er kann sich nicht von den fünf verbliebenden Mitaufsteigern trennen, und er will sehen, was die vielen neuen Gesichter, die 21, aus seiner Geschichte machen.

Derzeit hält das zusammengebastelte Team gut mit, sonst wäre Lüdtkes Schmerz noch größer. Obwohl es am vorigen Wochenende gegen Cottbus (0:1) seinen vierten Heimsieg in Serie verpasste und sich der beste Stürmer Ergün Cakir verletzte, liegt es mit vier Siegen, einem Remis und vier Niederlagen vor dem Hertha-Nachwuchs.

Gleich im ersten Bundesligaspiel war der Jugend-Champions-League-Teilnehmer VfL Wolfsburg zu Gast. Dessen Trainer schockte die Berliner mit der Aussage, dass zwölf Wolfsburger einen Profivertrag hätten – in Viktorias U19 sind vier Vertragsamateure.

Bei den Gegnern spielen die Sternchen, bei Viktoria diejenigen, deren Licht schon zu Talentzeiten fast erloschen ist, weil sie es bei den großen Klubs aufgrund von Druck, Konkurrenz oder Verletzungen nicht geschafft haben. So wie Max Konrad, der bei Hertha scheiterte und nun Kapitän ist. „Jetzt wollen sie mehr, das ist unser Vorteil“, sagt Trainer Hasan Keskin. „Wir sind ihre letzte Chance.“ Jugendfußball ist auch ziemlich schnelllebig und erbarmungslos.

Einer, der schon für Leipzig und Hoffenheim im Einsatz war, hat sich langfristig krank gemeldet. Keskin zeigt Verständnis, obwohl er den Jungen fest eingeplant hatte. Auf dem Platz gibt er den strengen Trainer, aber eigentlich wirkt er wie ein besorgter Papa. „Wir müssen auf die Bremse treten und die Mannschaft schützen“, sagt er.

Bevor die vielen Berliner Talente nach Dresden, Hamburg oder Leipzig gehen, will Keskin ihnen lieber hier eine Perspektive bieten: „Wir versuchen ihnen das Familiengefühl vorzuleben.“ Seine Frau betreut das Team, der Sohn ist Assistenztrainer, sein Neffe der zweite Assistent. Der ist nur sechs Jahre älter als die Spieler. „Wir sind für sie wie große Brüder“, sagt Mesut Özkan. Die Trainerfamilie sorgt seit sechs Jahren für Kontinuität in der Spieler-Fluktuation.

Abstieg des Männerteams

Viktoria als Samariter zu bezeichnen, ginge aber zu weit. 2013 haben sich Viktoria 1889 und der Lichterfelder FC zusammengetan mit dem Ziel, Berlins dritte Kraft zu werden. Das Männerteam stieg vergangene Saison jedoch nur deshalb nicht aus Regionalliga ab, weil Plauen die Lizenz entzogen wurde. Derzeit sind die Männer Vorletzter, und so ist die U19 die einzige Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen und gute Spieler anzuwerben.

Aus der eigenen Ausbildung heraus lässt sich kein Bundesligateam formen: Die U17 ist aus der Regionalliga abgestiegen. Eine Handvoll Jugendlicher kam daher vor der Saison von Tennis Borussia, deren U17 in der Bundesliga ist. Auch Aufstiegstorwart Lüdtke war zuvor bei TeBe, den Traum von der Profikarriere hat er inzwischen aufgegeben. An diesem Tag coacht er die Viktoria-Keeper – obwohl nur ein Jahr älter. Der eigentliche Torwarttrainer ist wie alle im Trainerstab berufstätig, er kommt zwei Mal pro Woche.

Normalerweise werden Torschützen im Training schon dadurch für ihre Präzision belohnt, dass sie den Ball nicht holen müssen. Er liegt ja im Netz. Doch hier ist es durchlöchert: Wer ein Tor schießt, läuft meist trotzdem. Der FC Bayern hat den Bau eines Nachwuchsleistungszentrums für 70 Millionen Euro angekündigt, bei Viktoria freuen sie sich, wenn sie auf Rasen trainieren.

Das ist in Berlin keine Selbstverständlichkeit. Trainiert wird abends, der Platz hat allerdings kein Flutlicht. Die Spieler sind Schüler, Partnerschulen mit flexibleren Tagesabläufen, wie sie Hertha und Union haben, gibt es nicht. „Das ist das Amateurhafte an uns“, sagt Keskin. Nur in den Ferien wird auch vormittags geübt, die Trainer nehmen Urlaub.

„Mit halbem Herz kann man das nicht machen“, sagt der Coach. Und: „Wir wollen schnell Punkte einfahren, damit wir am Ende mehr Freizeit haben.“ Er meint vor allem die Spieler, von denen einige am Saisonende Abitur machen. Die nächste Chance, das Freizeitkonto zu füllen, bietet sich am Sonntag um 12.30 Uhr im Tempelhofer Friedrich-Ebert-Stadion gegen Rot-Weiß Erfurt. Egal, wie es ausgeht: Im Sommer wird Keskin ein neues Team basteln. Die Regenjacken bleiben.