Fehleranalyse: Mehr Ossis braucht die deutsche Mannschaft!

Die Ursachenforschung für das blamable Aus wird noch Monate dauern. Unser Autor vermisst Spieler aus Ostdeutschland im Team. Unsere WM-Kolumne.

Zwei ostdeutsche Fußball-Legenden und Lionel Messi (r.) bei einem Testspiel im März 2010
Zwei ostdeutsche Fußball-Legenden und Lionel Messi (r.) bei einem Testspiel im März 2010imago sportfotodienst

Erinnern Sie sich noch, wie damals – 1974 im Hamburger Volksparkstadion – Jürgen Sparwasser den Ball elegant im Lauf mitnahm, den Konter erfolgreich vollendete, indem er Torwart Sepp Maier bezwang, und die DDR sensationell gegen die BRD gewann? Oder an Michael Ballack, der bei der WM 2002 den Führungsspieler par excellence verkörperte und Deutschland mit Toren im Viertel- und Halbfinale ins Endspiel schoss? Oder an Toni Kroos, der sich während der Löw-Ära zur Passpräzisionsmaschine entwickelte und maßgeblich für den Erfolg der 2010er-Jahre stand? Unvergessen sind seine zwei Tore innerhalb von 69 Sekunden beim 7:1-Erfolg gegen Brasilien oder sein Last-Minute-Freistoßtor gegen Schweden 2018.

Solche Szenen blieben den Deutschen bei der Katar-WM verwehrt. Wieder hieß es: Endstation in der Gruppenphase. Eine herbe Enttäuschung für das Fußballland, die Ursachenforschung läuft derweil auf Hochtouren. Vielleicht lag es daran, dass keiner der 26 Ballkünstler aus dem Osten stammt? Keine Neuner wie der Halberstädter Sparwasser, kein Leader wie der in Görlitz geborene Ballack, kein Dirigent wie der Greifswalder Kroos.

Wie es sein kann, dass im DFB-Kader kein einziger Spieler steht, der in Ostdeutschland geboren ist? Ist 32 Jahre nach der Wiedervereinigung doch noch nicht alles zusammengewachsen, was zusammengehört? Das Thema der Ungleichheit von Ost und West gibt es nicht nur im Volkssport Nummer eins. Auch in hohen politischen Ämtern oder in den Dax-Konzernen finden sich nur wenige Ossis in Führungspositionen. Kalter Kaffee, mag mancher denken. Die gravierenden Unterschiede verdeutlichen jedoch, dass Ostdeutsche in Führungspositionen unterrepräsentiert sind. 

Maximilian Arnold hätte gerne den Sprung zur WM geschafft.
Maximilian Arnold hätte gerne den Sprung zur WM geschafft.imago/MIS

Zurück zum Fußball. Die Behauptung, es gebe für Bundestrainer Hansi Flick zurzeit kein passendes Spielermaterial aus dem Osten, ist falsch. Maxi Arnold, geboren in Riesa, spielt eine überragende Saison für Wolfsburg und beklagte unlängst eine fehlende Lobby für Spieler, die nicht in München oder Dortmund spielen. Der in Potsdam geborene Robert Andrich würde der DFB-Elf in Sachen Defensive und Aggressivität mehr Stabilität geben. Der aus Berlin-Buch stammende Luca Netz wäre hingegen eine Überraschung à la Youssoufa Moukoko.

Da die jungen Ossis alle nach 1990 geboren sind, wird Toni Kroos als einziger Fußballer in die Geschichte eingehen, der in der DDR geboren wurde und eine Fußballweltmeisterschaft gewann. Eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte. Wann folgt die nächste?

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