Sollen ihre Fehde auf der Rennstrecke beenden: Ferraris Fahrer-Duo Charles Leclerc (l.) und Sebastian Vettel.
Foto: Darron Cummings/AP

BerlinEs wird ein Saisonauftakt ganz nach dem Geschmack des Anti-Digitalen Sebastian Vettel. Wenn Ferrari am Dienstag das Tuch von seinem neuen Rennwagen ziehen lässt, der mit allergrößter Wahrscheinlichkeit Rot sein wird, dann wird das wunderbar analog vollzogen: im Theater Romolo Valli in Reggio Emilia.

Für den Heppenheimer ist es das vorerst letzte Vertragsjahr, er sollte längst am Ziel und Weltmeister mit der Scuderia sein. Ohnehin wird es für alle eine besondere Saison, denn zur Saisonmitte wird Ferrari sein 1 000. Rennen zelebrieren. Zudem ist es das letzte Jahr, in dem nach Herzenslust Geld ausgegeben werden darf. Von 2021 an gilt ein neues Technikregelement und eine Budgetdeckelung. „Das zieht die Entwicklung eines substanziell anderen Autos nach sich, und das bedingt natürlich zusätzliche Ressourcen und Ausgaben in diesem Jahr“, kündigt Ferrari-Präsident Louis Camilleri eine kräftige finanzielle Aufstockung an. Bislang wurde der Etat auf rund 500 Millionen Euro taxiert. Noch mehr Geld bedeutet noch mehr Druck, Ruhm und Ehre zu erlangen: Es ist höchste Zeit, Mercedes als numero uno endlich abzulösen.

Ferrari enttäuschte zuletzt

Noch hat die neue rote Göttin keinen richtigen Namen, sie läuft schnöde unter dem Codenamen Project 671. Immerhin, der neue Achtzylinder-Turbo ist schon gezündet worden in Maranello, mal sehen, ob er nicht nur laut, sondern auch so bärenstark wie im Herbst ist – denn ein paar der begleitenden Tricks sind nach Protesten der Konkurrenz verboten worden. Aber Misstöne passen nicht zum feierlichen Rahmen. 30 Kilometer entfernt vom Hauptquartier der ruhmreichen gestione sportiva setzt Ferrari auf die große Geste: Reggio Emilia ist der Geburtsort der dreifarbigen italienischen Fahne. Diesmal ist aber die Farbe des Sieges entscheidend.

Man muss beide so akzeptieren, wie sie sind“, glaubt Binotto, „beide sind Topfahrer und ich respektiere sie auch als Menschen, und versuche, ihnen die Individualität zu lassen.“

Mattia Binotto

Seit Kimi Räikkönens Zufall-Titel 2007 und dem Sieg in der Konstrukteurswertung 2008 hat kein WM-Pokal mehr den Weg zu Ferrari gefunden, im letzten Jahr kamen Charles Leclerc und Sebastian Vettel nur auf die Ränge vier und fünf in der Gesamtwertung, mit nur drei Siegen. Alles, was die Silberpfeil-Fraktion so richtig macht, läuft in der Mannschaft von Teamchef Mattia Binotto falsch oder zumindest: nicht ganz richtig. Vor allem, was die Innenpolitik angeht. Vettel gegen Leclerc   war ein Stück zwischen Komödie und Tragödie, die rasende Neuauflage von „Ziemlich beste Feinde“, nur bislang ohne Happyend.

Man verstehe sich privat prima, das versichern alle Beteiligten. Im Cockpit aber hört der Spaß auf, und die Vernunft auch. Der 22-jährige Leclerc hat sich gegenüber dem 32 Jahre alten Vettel auf Anhieb emanzipieren können, was eine wunderbare Aufsteigergeschichte gewesen wäre – wenn sich Binotto nicht auf den Deutschen als Nummer eins festgelegt hätte. So schwelte es, dann züngelte es, schließlich explodierte es. Der peinliche Crash der beiden beim vorletzten Rennen in Brasilien soll Tief- und Schlusspunkt der Fehde zugleich gewesen sein. Binotto gelobte, für eine bessere Balance zu sorgen: „Die Formel 1 ist nicht nur eine technische und sportliche Herausforderung, sondern auch eine politische.“ Als Leiter der Personalabteilung weiß er genau um den Zielkonflikt, zwei Top-Fahrer in einem Team zu haben, dazu noch zwei Über-Ehrgeizlinge. „Man muss beide so akzeptieren, wie sie sind“, glaubt Binotto, „beide sind Topfahrer und ich respektiere sie auch als Menschen, und versuche, ihnen die Individualität zu lassen.“ Vorerst soll es keine feste Hackordnung geben. Das heißt: Sie werden wieder aufeinander losgelassen. Charles Leclerc, der die meisten Pole-Positionen aller Fahrer holen konnte, wähnt sich dennoch in der Oberhand: sein Vertrag ist bereits bis 2024 verlängert worden.

Vettels Vertrag endet nach dieser Saison

Damit ist klar, wer die Zukunft von Ferrari ist. Für Vettel ist es vielleicht sogar das letzte Jahr in der Formel 1, obwohl er von solchen Gedankenspielen noch nichts hören will. Entscheidend   ist, dass er den Spaß an der Sache behält – was wiederum entscheidend davon abhängt, ob er mit seinem Neuwagen besser zurecht kommt als mit dem Vorjahresauto, das nicht nur zu langsam war, sondern auch gar nicht zu seinem Fahrstil passte. Stichwort: Anpressdruck. „Ich bin schon eine Weile dabei, deshalb nutze ich die Erfahrung und hoffentlich auch das bisschen Weisheit, um die Dinge zu meinen Gunsten zu wenden“, sagte Vettel über die Erwartungen an 2020.

Ferrari muss also vieles anders machen, vielleicht alles. Allerdings funktioniert das nur mit einer festen Basis. Aber der Druck auf Binotto ist groß, darüber können seine Harry-Potter-Brille und das verschmitzte Lächeln nicht hinwegtäuschen. Der in der Schweiz geborene Ingenieur weiß, dass er nur mit Präzision und Perfektion sein Ziel erreichen wird, so wie es Lewis Hamilton und Mercedes vorleben. Auf die Frage, ob Rennfahren ohne Siegen Zeitverschwendung ist, hat   Vettel kürzlich geantwortet: „Es kommt immer auf die Situation an. Wenn man beispielsweise als Team siegen kann und nicht siegt, dann vielleicht ja. Dann kann man mit Sicherheit etwas besser machen.“ Bei Ferrari ist es   keine Kann-Bestimmung mehr in diesem Jahr. Es ist ein Muss.