Daumen hoch: Die Frage für Sebastian Vettel ist nur, ob das für Ferrari oder einen anderen Rennstall aus der Formel 1 gilt.
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BerlinVierzehn Sekunden Vorsprung für einen Ferrari nach 29 Runden, ein Start-Ziel-Sieg von der Poleposition für Charles Leclerc, wann hat es das zuletzt gegeben? Erst an diesem Sonntag, als der Gegenspieler von Sebastian Vettel in der Formel 1 den Albert Park von Melbourne körperlich geschafft („Ich schwitze wie verrückt“), aber seelisch zufrieden („Fünf Stunden tägliches Training haben sich gelohnt“) als Triumphator des Großen Preises von Australien verlassen durfte. Weltmeister Mercedes? Durch den Ersatzfahrer Stoffel Vandoorne nur Sechster.

Verrückte neue Renn-Welt! So etwas macht die eSports-Serie möglich, bei der immer mehr Berufspiloten mitmachen. Leclerc hat sich seit acht Tagen mit der Konsole beschäftigt, und ist schon Titelfavorit. Ach, wenn es in der echten Königsklasse doch auch so einfach wäre.

Ferrari mit Problemen

Noch steht der Große Preis von Kanada am 14. Juni als Auftaktrennen im Kalender, bis Mitte Dezember sollen in einem Notprogramm sogar bis zu 18 Rennen durchgedrückt werden. Möglich wäre das, aber wie wahrscheinlich ist es? Mattia Binotto, als Team- und Technikchef in Maranello der nicht unumstrittene Alleinherrscher bei der Scuderia, stellt schon eine jahresübergreifende Formel 1 bis ins kommende Frühjahr hinein in Aussicht. Gab es früher alles schon mal.

Meist zu jener Zeit, als die Roten der entscheidende Maßstab waren. Jetzt weiß in Italien niemand so genau, ob die vorgezogene Sommerpause mit der Schließung aller Rennfabriken nach Ostern endet. Ohnehin wäre dann zunächst Kurzarbeit angesagt, denn die für 2021 geplante Regel-Revolution ist verschoben, vielleicht kommt sie gar nicht. Das entspannt natürlich den Etat: praktisch keine Einnahmen, aber doppelte Entwicklung, das wäre jetzt besonders fatal. So wird eben mit den Autos, die für diese Saison entwickelt wurden, und die nur ein paar tausend Testkilometer im Februar absolviert haben, weitergefahren.

Für Ferrari keine gute Nachricht. Der SF 1 000 zeigte sich bei den Probefahrten zwar verbessert, aber nicht als der große Wurf. Binotto hatte schon vor der Absage der Premiere von Melbourne davon gesprochen, noch Zeit zu brauchen, um konkurrenzfähig zu werden. Bedeutet: Das Auto hat noch Kinderkrankheiten. Und auf dieser Basis muss man jetzt anderthalb Jahre weitermachen.

Aus Gründen der Solidarität hatte Ferrari nach anfänglichem Zögern doch noch zugestimmt, die Entwicklung einzufrieren. Mit sportlichem Krisenmanagement kennt man sich bei Ferrari mittlerweile seit mehr als einer Dekade ja auch bestens aus. „Alles befindet sich aktuell in der Schwebe“, analysiert Binotto. Bleibt nur die Hoffnung auf den Windkanal, doch der ist seit Wochen geschlossen. Und Wunder passieren in der Formel 1 selten über Nacht.

Ein bisschen hilft die Zwangspause den Ferraristi allerdings auch, denn es ist still geworden um jenen im Fahrerlager als skandalösen Freispruch gewerteten Entscheid des Automobilweltverbandes (Fia) zum Motorentrick der Italiener im letzten Herbst. Ferrari soll beim Benzinfluss geschummelt haben, die Kommissare haben offenbar auch etwas gefunden. Nur was, das müsse geheim bleiben. Ferrari finanziert dafür Forschungsprogramme zu alternativen Kraftstoffen. Vor allem Mercedes und Red Bull stinkt der Freikauf. Oder muss man sagen: hat gestunken? Aufgrund der guten unternehmerischen Beziehungen hat der Daimler-Vorstand entschieden, keine weiteren Rechtsmittel gegen den Rivalen einzulegen.

Vettel und die Arbeit an einem Vertrag

Die Vertragsanwälte von Ferrari haben dennoch zu tun, schließlich soll nach Willen von Binotto die Zukunft von Sebastian Vettel bald geklärt werden. Der Heppenheimer befindet sich im sechsten Jahr mit der Scuderia, und ist vielleicht weiter vom ersehnten Titel weg als je zuvor. Binotto hatte über den Winter mit einem langfristigen Kontrakt für Charles Leclerc klar gemacht, auf wen er in Zukunft setzt. Der Monegasse ist erst 22, Vettel 32 Jahre alt. Was eine mögliche Verlängerung für den Deutschen angeht, sagt der Ferrari-Teamchef: „Das ist nichts, was wir bis Saisonende offenlassen werden. Es ist für ihn und auch für uns wichtig, so schnell wie möglich Klarheit zu haben.“ Angeblich soll Ferrari schon einen Ein-Jahres-Kontrakt samt Gehaltsreduzierung angeboten haben. Die gängigen Alternativen für den viermaligen Weltmeister: ein Neuanfang bei McLaren, Umsatteln auf eine andere Rennserie – oder das Karriereende.

Um nach dem verkorksten letzten Jahr zu zeigen, dass er es noch kann – woran keiner in der Branche wirklich zweifelt, braucht kaum einer so dringend Rennkilometer wie Vettel. „Sebastian weiß, dass er Leistung liefern muss. Er befindet sich in einer Schlüsselphase seiner Karriere, denn er weiß, dass für seine Vertragsverlängerung entscheidend ist, wie er sich in den ersten Rennen schlägt. Er hat es selbst in der Hand.“ Sebastian Vettel gibt sich im Poker gelassen, überhaupt zeigt er sich gereift, entdeckt neue Horizonte. Ums Geld muss es dem jetzt dreifachen Familienvater nicht gehen: „Ich denke, wirklich wichtig ist, dass du glücklich bist, das ist der Schlüssel.“