Die Propaganda läuft auf Hochtouren. Joseph Blatter, der Hauptverantwortliche für das allumfassende Korruptionssystem im Fußball-Weltverband (Fifa), wird in deutschsprachigen Boulevardmedien plötzlich als Held gefeiert. Die Bild-Zeitung, die am Dienstag einen offenen Entschuldigungsbrief des 76 Jahre alten Schweizers veröffentlichte, legte online mit einer Home-Story nach. Und der Blick, bei dem Blatters Kommunikationsdirektor Walter de Gregorio einige Jahre Sportchef war, titelt nach der Fifa-Exekutivsitzung ebenfalls online: „Blatter siegt an allen Fronten – Weg frei für mehr Transparenz bei der Fifa.“

Ein Berater riskiert seinen Ruf

Was war passiert? Haben sich etwa plötzlich alle Empfänger der mehr als 142 Millionen Schweizer Franken Schmiergeld, die von der Marketingagentur ISL/ISMM verteilt wurden, gemeldet? Haben Russland (2018) und Katar (2022) wegen der Korruptionsvorwürfe die Weltmeisterschaften zurückgegeben? Wird die WM-Vergabe an Deutschland überprüft? Nein, Blatters Fifa-Regierung hat in Zürich lediglich die Besetzung der neuen Ethikkommission abgesegnet.

Ethik und die Fifa, das verträgt sich eigentlich nicht. Bislang waren derlei Gremien stets von Blatter handverlesen worden, mitunter ließ er deren Beschlüsse im Papierkorb verschwinden und legte sie dem Exekutivkomitee gar nicht vor, etwa 2006, als die so genannten Ethiker einen deutschen Journalisten wegen seiner kritischen Berichterstattung zur Persona non grata erklärten.

Nun aber riskierte der Baseler Strafrechtler und Compliance-Experte Mark Pieth für viel Geld seinen Ruf und strukturierte um. Auch der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger werkelte an Statutenänderungen. Der Umstand, dass die künftige Gerichtskammer der Ethikkommission vom Münchner Richter Joachim Eckert geleitet wird, der im Siemens-Korruptionsprozess gestählt wurde, verrät Zwanzigers Handschrift. Die Ermittlungskammer leitet der US-Amerikaner Michael Garcia, ein früherer Staatsanwalt mit Interpol-Erfahrung. Die anderen dreizehn Mitglieder der Kammern sind eine eher enttäuschende Besetzung. Einige Vertreter aus Übersee haben bereits in der alten Kommission schlechten Dienst verrichtet.

Glücklicher Präsident

Blatter sagte, was er nach fast jeder wichtigen Sitzung sagt: „Ich bin ein glücklicher Präsident!“ Zwanziger erklärte, er habe keinen Auftrag gehabt, Blatters Rücktritt zu fordern – so wie es Reinhard Rauball verlangt hatte, Chef der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Doch DFB-Vertreter und Blatter spielen Doppelpass, nach Geplänkeln, die nur bei jenen für Aufregung sorgen, die nicht die Regeln dieser Show begreifen.

All jene, die die WM nach Deutschland holten, sind Blatter zur Seite gesprungen. Außer einem gespielten Aufschrei der Empörung hatten DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, Franz Beckenbauer und der Lobbyist Fedor Radmann nicht viel zu sagen. Ihre WM-Bewerbung sei über jeden Zweifel erhaben gewesen, gaben sie zu Protokoll, obwohl längst das Gegenteil bewiesen ist. Denn die Deutschen haben, zum Beispiel, über Firmen aus dem ehemaligen Reich des Medienmoguls Leo Kirch Fifa-Exekutivmitglieder und dubiose Figuren im Umfeld der Fifa-Regierung mit nebulösen Verträgen und Geldsummen bedient. Nichts davon ist aufgeklärt.

Es gab in Zürich eine wirklich gut klingende Nachricht: Anders als angekündigt, wird es keine Verjährungsfrist geben. Chefermittler Michael Garcia könnte also die WM-Vergaben an Deutschland, Russland und Katar aufklären, indem er etwa die Konten der Exekutivmitglieder überprüft.

Zehn Millionen Dollar Provision

Garcia muss sich nur jenes Foto anschauen, das die Fifa am Dienstag veröffentlichte: Da sitzen die Exekutivler und stimmen über die Ethikkammern ab. Im Vordergrund der US-Amerikaner Chuck Blazer, der mindestens zehn Millionen Dollar Provisionen kassiert hat – klare Korruption. Gegen Blazer ermittelt das FBI. Neben Blatter sein Generalsekretär Jérôme Valcke, der seit dem Prozess um Sponsorenverträge mit zwei Kreditkartenfirmen als Serienlügner bezeichnet werden kann. Zu Blatters Rechten: der Erste Vizepräsident Julio Grondona aus Argentinien. Der unterhält Schwarzkonten, die mit mindestens 120 Millionen Dollar gefüllt sind.

Michael Garcia, an die Arbeit!