Berlin - Selbst mit seinen vollmundigen Milliarden-Versprechungen konnte Gianni Infantino im Weltmeisterschafts-Streit nicht jeden vom Hocker reißen. Und das galt nicht nur für den Verbandsvertreter Guams, der vor laufender Webcam während des hochtrabend betitelten „Weltgipfels zur Zukunft des Fußballs“ augenscheinlich ein Nickerchen hielt. So wenig die Ideen des Welt-Fußball-Präsidenten beim Vertreter der Pazifikinsel in Mikronesien Anklang fanden – so wenig schmackhaft machte der Fifa-Boss auch seinen erbittertsten Widersachern den Zweijahres-Rhythmus für WM-Endrunden. Und das trotz des Geld-Köders, den Infantino auswarf.

Denn im Ringen um die vom Weltverband vorangetriebene WM-Reform ist ein heftiger Kampf um die Deutungshoheit entbrannt. Die Fifa rechnet bei einer häufigeren Austragung ihres Premium-Events mit gesteigerten Einnahmen in Milliardenhöhe, die Europäische Fußball-Union (Uefa) befürchtet allein für ihre Nationalverbände Verluste in ähnlichen Dimensionen. Beide Seiten übertrumpfen sich mit „unabhängigen Studien“ – klein beigeben will ganz offenbar niemand.

700 Seiten lange Machbarkeitsstudie

Deshalb gab Infantino seinen Kritikern, zu denen neben der Uefa auch der südamerikanische Kontinentalverband Conmebol, die Europäische Klubvereinigung ECA und das Internationale Olympische Komitee (IOC) gehören, eine Hausaufgabe über die Feiertage mit. „Einige Argumente sind denen, die sich entgegensetzen, nicht bekannt“, sagte der Schweizer. Im selben Atemzug forderte er zur Lektüre der rund 700-seitigen Machbarkeitsstudie auf.

Das Hauptargument hatte Infantino am Montag den mehr als 200 Mitgliedsverbänden von Afghanistan über Guam und Montserrat bis Zypern aber schon präsentiert: einen großen Batzen Geld. Rund 4,4 Milliarden Dollar (3,9 Milliarden Euro) binnen vier Jahren könnte eine häufigere WM-Austragung zusätzlich einbringen, errechnete das Marktforschungsunternehmen Nielsen im Auftrag der Fifa. Allein die kritischen Europäer könnten sich dabei über Extra-Einnahmen von zwei Milliarden Dollar freuen, sagte Infantino.

Uefa-Präsident Ceferin gehört zu den größten Kritikern der Idee

„Wir müssen verstehen, dass das keine Bedrohung für irgendjemanden ist“, forderte der 51-Jährige – und versprach: „Am Ende des Tages wird jeder profitieren, die Kleinen und die Großen, die Armen und die Reichen.“ Das sieht die Uefa mit ihrem slowenischen Präsidenten Aleksander Ceferin als lautstärkstem Kritiker aber ganz anders.

Diese veröffentlichte in der vergangenen Woche eine Studie mit „alarmierenden Ergebnissen“ – statt einem satten Geldregen prognostizierte diese den europäischen Nationalverbänden über einen Zeitraum von vier Jahren einen Verlust von 2,5 bis 3 Milliarden Euro. Und auch das World Leagues Forum (WLF), dem die Deutsche Fußball Liga (DFL) angehört, rechnet für die nationalen Ligen bei einer WM im Zweijahres-Rhythmus pro Saison mit Einbußen von rund fünf Milliarden Euro.

Das IOC, das durch eine Weltmeisterschaft alle zwei Jahre Konkurrenz für seine Olympischen Sommerspiele bekäme, äußerte hingegen schon öffentlich Sorge um die Vielfalt des Sports. IOC-Präsident Thomas Bach sagte erst vor wenigen Tagen, von der Fifa keinerlei Informationen erhalten zu haben. Es wäre durchaus vorstellbar, dass der Fußball der Männer wieder aus dem olympischen Programm gestrichen werden könnte.

Infantino sieht wirtschaftliche Vorteile für alle

Infantino sieht hingegen nur Vorteile in seinem Zwei-Jahres-Plan. „Es gäbe keine Probleme für das Ökosystem des Weltfußballs“, betonte er: „Im Gegenteil, es gäbe sogar eindeutige wirtschaftliche Vorteile. Es gäbe mehr für alle.“

Als weitere Argumente für seine Reform führte Infantino die vergrößerten Chancen auf eine WM-Teilnahme für kleinere Nationen an, aber auch Jugendliche, die nach seiner Ansicht „mehr bedeutungsvolle Spiele“ wollen. Doch natürlich hofft er vor allem, dass einige Kritiker den Geld-Köder schlucken. „Vielleicht ändern einige ihre Meinung“, sagte er.

Einen Zeitrahmen für eine Entscheidung gibt es bislang noch nicht, im Januar sollen weitere Gespräche folgen. Er sei sich sicher, „dass wir diese Themen weiter in einer respektvollen Art und Weise diskutieren werden“, sagte Infantino. Angesichts der Zerreißprobe, vor die er den Weltfußball stellt, darf er sich nicht zu sicher sein.