Der Fußball-Weltverband (Fifa) bleibt eine Parallelgesellschaft. Was Präsident Joseph Blatter, der 77 Jahre alte Schweizer, und sein deutscher Helfer Theo Zwanziger, 67, am Donnerstag nach der Sitzung des Exekutivkomitees als Reformpaket verkündeten, verdient diesen Namen nicht. Amtszeitbegrenzung? Altersgrenze? Offenlegung der Zuwendungen, Pensionen, Gehälter und Bonuszahlungen an die Fifa-Führung? Es bleibt intransparent, wie seit einem Jahrhundert.

Ja, künftige Weltmeisterschaften sollen vom Fifa-Kongress und nicht mehr vom Exekutivkomitee vergeben werden. Aber das hat nie wirklich zur Diskussion gestanden und war von Blatter nach den weltweiten Korruptions-Schlagzeilen rund um die skandalösen WM-Vergaben an Russland (2018) und Katar (2022) längst als beschlossen propagiert worden.

Kritik? Nicht erwünscht

Wichtiger und entlarvender ist: Kaum einer der Punkte, die der Antikorruptionsexperte Mark Pieth, Chef des angeblich unabhängigen Compliance-Komitees, als unverzichtbar bezeichnet hatte, wurde akzeptiert. Blatter hatte Pieth, Strafrechtler von der Universität Basel, zuvor gemaßregelt: Pieth habe nur zu kommentieren, wenn er es ihm erlaube.

Blatter hatte Pieth 2011 ausgewählt, um sich für den sogenannten Reformprozess Reputation zu borgen. Dieser Propagandatrick ist gelungen, Pieth hat sich missbrauchen lassen und gab zuletzt in Interviews den Widerständler, um seinen Ruf zu retten. Auch hatte er angekündigt zurückzutreten, wenn Mindestforderungen nicht akzeptiert würden.

Nun machte Pieth eine Rolle rückwärts: Er bleibt an Bord und behauptet, noch Druckmittel zu haben. Allerdings kann er den Prozess kaum beeinflussen, weil der Fifa-Kongress nur beschließen kann, was ihm die Exekutive vorlegt. Blatter und Zwanziger wiederholten, was auch im frisch veröffentlichten und wie immer arg unzureichenden Fifa-Finanzbericht steht: „Mit dem Fifa-Kongress 2013 wird der Reformprozess abgeschlossen.“

Beispielhaft für die Widersprüche ist die Frage der Integritätsprüfung für künftige Amtsinhaber. Pieth & Co forderten eine unabhängige Recherche, mehr als nur die Vorlage eines polizeilichen Führungszeugnisses. Nun ist von einer „Leumundsprüfung“ die Rede. Verantwortlich für die weiße Wäsche vom Grabbeltisch sind die sechs Kontinentalföderationen, die Funktionäre in die Fifa entsenden – und die seit Jahrzehnten korrupte Offizielle in derlei Ämter schicken.

Die Formulierungen für die Bestellung von Mitgliedern der Fifa-Exekutive sind so gewählt, dass alle Klein- und Großganoven, die bereits in diesem Gremium sitzen, problemlos ihre Positionen behalten können. So wurden sie allesamt bisher von Sportverbänden nicht sanktioniert – trotz aller erwiesener Vergehen, etwa der Annahme von Schmiergeld oder diversen Unterschlagungen.

Einen Bericht über die in der Schweiz bereits höchstrichterlich dokumentierten Fifa-Verstrickungen ins Schmiergeldsystem der einstigen Marketingfirma ISL hat Michael Garcia, Chef der Ermittlungskammer der Fifa-Ethikkommission, erst Anfang dieser Woche dem Münchner Richter Hans-Joachim Eckert als Boss der Richterkammer der Ethikkommission vorgelegt.

Neues ist nicht zu erwarten, denn Garcia hat lediglich ausgewertet, was seit einem Jahrzehnt in Medien berichtet wurde und in Gerichtsakten steht. Blatter kündigte bis 15. April einen Richterspruch an, als sei er Eckerts Auftraggeber. Alles andere als die Bestrafung der ISL-Schmiergeldempfänger Issa Hayatou (Kamerun), Nicolás Leoz (Paraguay), Ricardo Teixeira (Brasilien) und Ehrenpräsident João Havelange (beide Brasilien) sowie des gerichtsfest als Mitwisser enttarnten Blatter wäre jedenfalls ein Skandal.

Bemerkenswerte Briefe

Wie sehr der gesamte Prozess dem Machterhalt des ewigen Präsidenten Blatter dient, verdeutlicht auch Punkt 3 jenes 10-Punkte-Papiers, das die Fifa verbreitete. Darin geht es um die Wahl des Präsidenten, die 2015 wieder ansteht: Künftig müssen fünf der 209 Nationalverbände einen Kandidaten vorschlagen.

Dieser Kandidat muss mindestens über zwei von fünf Jahren vor der Wahl eine Verbandsfunktion ausgeübt haben. Das ist eine Lex Blatter: Denn damit hält er sich seinen ehemaligen Berater Jérôme Champagne vom Leibe. Champagne hat zuletzt bemerkenswerte Briefe an alle Nationalverbände verschickt und sein Modell einer modernen Fifa im 21. Jahrhundert entwickelt. Der ehemalige französische Diplomat ist erstklassig vernetzt – aber die neuen Bedingungen erfüllt er nicht.