Alles wie immer: Der EHC München steht im Finale um die Deutsche Eishockey-Meisterschaft, auf dem Weg dorthin hat er sich nicht lange aufhalten lassen. 2016 verlor er in den Best-of-seven-Serien ein Viertel- und ein Halbfinalspiel, 2017 ließ er gar nur eine Partie liegen. So sieht Überlegenheit aus, und auch 2018 hat das Team kaum gepatzt.

Überraschend ging das erste Viertelfinalmatch zu Hause gegen Bremerhaven verloren, auch eines der Halbfinals in Mannheim. Da gab es durchaus kritische Momente, aber, so berichtete Patrick Hager, einer der Nationalspieler, aus der Kabine: „Das sieht man an der Körpersprache: Auch nach einem nicht so guten Drittel weiß jeder, was zu tun ist – und dass wir mit einem Tor sofort wieder dabei sind.“ Der EHC verfüge über „das Geheimnis großer Mannschaften: Wir sind untereinander loyal“.

Aggressives Forechecking

Die Münchner können dreimal in Serie Deutscher Meister werden, wenn sie nun ab Freitag gegen die Eisbären Berlin antreten. Eine derartige Dominanz hatte man in der Geschichte der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) nur von eben ihrem Gegner erlebt, als der noch (2007 bis 2013) von Don Jackson trainiert wurde, der seit 2014 in München wirkt.

Der Amerikaner, 61, agiert nach bewährtem Muster. Er selbst spricht wenig, lässt seine Assistenten wirken, vertraut auf „Leadership“ in der Mannschaft. Er hat das wohl beste Personal der Liga zur Verfügung, mit ihm kann er sein System spielen, ein aggressives Forechecking, das den Gegner permanent unter Druck setzt. „Es dürfte jedem Gegner schwerfallen, uns in einer Serie viermal zu schlagen“, glaubt Patrick Hager.

Der Retter in der Not

München müsste die Eishockey-Hauptstadt der Republik sein – doch das ist nicht die Wahrnehmung, die das Land hat. Dem Projekt schlägt Skepsis entgegen. Denn neureich war das Münchner Eishockey schon einige Male – aber nie dauerhaft.

Kürzlich feierte der EHC München seinen 20. Geburtstag. Doch er war schon satt verschuldet, als er 2010 in die DEL aufstieg. Zwei Jahre später, 2012, waren die drei Gesellschafter, Münchner Privatleute, finanziell ausgeblutet; die Schwenninger Wild Wings fragten an, ob sie die Lizenz des EHC kaufen könnten, das geht in diesem Sport.

Da tauchte in höchster Not ein weißer Ritter auf. Red Bull, der Getränkekonzern aus Österreich. Er erwarb mit einer Million Euro für ein Jahr den Vereinsnamen („EHC Red Bull München“) und stieg 2013 richtig ein. Komplettübernahme. Neuausrichtung. Investitionen.

Hoffnung auf Nachhaltigkeit

Red Bull München ist seitdem eine 100-prozentige Tochter des Konzerns aus dem Salzburger Land. Die Eishockey-Geschäftsstelle wurde aufgelöst und der Deutschland-Zentrale der Firma am Englischen Garten einverleibt. Und aus dem Klub, der seinen Vier-Millionen-Euro-Etat nicht erfüllen konnte, wurde einer, der sich das Eishockey mittlerweile geschätzte 14 Millionen im Jahr kosten lässt.

Für die Fans bedeutete dies: Hoffnung auf Nachhaltigkeit. Gute Teams hatte es immer gegeben in München – doch nie lange. Den EC Hedos: im April 1994 Meister, im Dezember 1994 pleite und ausgelöscht. Die Barons, die der US-Milliardär Philip Anschutz installierte: In der ersten Saison, 1999/2000, Meister – 2002 nach Hamburg verpflanzt. Der Standort München musste mal wieder unten anfangen.

Nun lehnt er sich an Dietrich Mateschitz und Red Bull an. Besucht hat der österreichische Unternehmer seinen Eishockey-Club in München in den sechs Jahren seines Engagements aber noch nie. Man sieht ihn bei der Formel 1 oder auch beim Fußball in Leipzig. Vielleicht kommt er ja nach München, wenn die neue Halle steht.

Deal mit dem FC Bayern

Mit dem FC Bayern, der sie als Mieter für Basketball nutzen will, ist sich Mateschitz einig – komplizierter sind die Verhandlungen mit der Stadt München, die der Halle, die im Olympiapark stehen soll, keinen Konzertbetrieb genehmigen will, um die eigene Olympiahalle zu schützen. In ursprünglichen Plänen sollte der EHC 2018 in den Eishockey-Tempel umziehen. Doch es gibt noch nicht mehr als eine Grube und einen Zaun. Vor 2021 wird der Bau, der „SAP Arena“ heißen soll, nicht stehen. Den Schriftzug „Red Bull“ wollte Bayern-Präsident Uli Hoeneß mit Rücksicht auf die eigene Anhängerschaft nicht an der Spielstätte seiner Basketballer sehen.

Der EHC München muss also vorerst weiter im Olympia-Eissportzentrum spielen, 1967 wurde es eröffnet, Red Bull hat 2013 eine kleine Sanierung von Sitzen und Lichttechnik vorgenommen. Mit einem Fassungsvermögen von 6142 Zuschauern ist es für den Ligaalltag groß genug, auch die drei Viertelfinalspiele gegen Bremerhaven und das erste Halbfinale gegen Mannheim waren nicht ausverkauft. Höhepunkte der Vereinsgeschichte waren bislang die „Hockey Halleluja“-Veranstaltungen in der großen Olympiahalle, in die 10.000 Leute passen. Immer um die Jahreswende, in den Ferien. Mit Schicki-Micki-Appeal und gegen namhafte Gegner funktioniert Eishockey dann mal.

In der Liga unbeliegt

Beliebtester Schmähgesang der Gegnerschaft bleibt dennoch „Selbst in München kennt euch keine Sau!“ Der EHC ist in der Liga unbeliebt. Die Antipathie trifft ihn aber nicht so hart wie Mateschitz’ Fußballprojekt RB Leipzig.

Eishockey bekommt weniger Aufmerksamkeit, und im Umfeld der dauerklammen Sportart herrscht durchaus Verständnis, dass ein Klub das Geld nimmt, das ihm hingehalten wird. Andere Klubs haben schließlich ähnliche Strukturen und befinden sich in einer Alleinabhängigkeit. Der EHC-Block kontert dann: „Wir sind Münchner, arrogante Münchner, essen nur bei Schuhbeck und trinken Schampus im P1.“ Ein selbstironisches Spiel.

Rücksichtsloser Check

In der Halbfinalserie gegen die Adler Mannheim gingen die Auseinandersetzungen über das übliche Hickhack hinaus. Im ersten Spiel war ein rücksichtsloser Check des Münchner Raubeins Steve Pinizzotto gegen den Mannheimer Matthias Plachta der Aufreger.

Plachta musste verletzt vom Eis geführt werden, nachdem ihm die Ärzte dort schon eine Halskrause hatten anlegen wollen. Er pausierte dann eine Partie, kehrte in der nächsten in München aufs Eis zurück – und wurde vom Münchner Publikum als „Schauspieler“ angefeindet. Pinizzotto, von der Liga für fünf Partien aus dem Verkehr gezogen, gilt der Münchner Nordkurve seitdem als Justizopfer.

Dem Ruf des EHC München hat dies nicht gutgetan. „Kurve ohne Ehre“ – dieses Transparent hissten die Anhänger der Adler Mannheim. Und erhielten – auch wenn sie selbst mit einigen Aktionen wie Todesdrohungen gegen Steve Pinizzotto und Attacken auf den EHC-Mannschaftsbus auffällig wurden – Beifall aus dem Rest des Eishockey-Landes.

Keine leichte Aufgabe

Ein Indikator für die Verteilung von Sympathie liefert die Smartphone-App der DEL. Dort kann man für jede Partie per Wischen nach links oder rechts festlegen, für wen man denn jubeln würde, als wäre man bei Tinder. Die Münchner gewinnen ein solches virtuelles Match allenfalls mal gegen Wolfsburg. Für jedes der sieben möglichen Endspiele gerieten sie sofort mit mehreren hundert Stimmen in Rückstand – noch bevor der Puck für das erste Finale am Freitag in München eingeworfen ist. Der EHC München muss nicht nur gegen Berlin spielen.