Berlin - Ayrton Senna hat es schon getan, Michael Schumacher auch. Und die Worte von Max Verstappens Vater Jos lassen erahnen, was beim Finale furioso eines von Beginn an kompromisslos geführten WM-Duells an diesem Sonntag passieren könnte. „Er wird alles versuchen, um den Sieg zu holen, das ist sicher“, kündigte der frühere Formel-1-Pilot an: „Es wird aufregend.“ Wohl wahr. „Das wird ein absoluter Wahnsinnskampf, der eventuell auch relativ schnell vorbei sein kann“, befürchtet allerdings der ehemalige Pilot Timo Glock. Es wäre dann nicht das erste Titelduell, das mit einem Crash der Toppiloten endet. Wie etwa bei Senna gegen Alain Prost oder Schumacher gegen Damon Hill.

Am Sonntag, 17.00 Uhr Ortszeit (14.00 Uhr MEZ, Sky) auf dem Yas Marina Circuit, ist es so weit. Dann klappen Max Verstappen und Lewis Hamilton die Visiere wieder runter. Mit jeweils 369,5 Punkten werden sie in den Großen Preis von Abu Dhabi starten. Scheiden beide aus, ist Verstappen der neue Champion.

Rennleiter Masi weist ausdrücklich auf Sanktionen hin

Die Dauerdiskussion um einen möglichen Crash zwischen den Titelrivalen hat Rennleiter Michal Masi veranlasst, vorsorglich dezidiert auf Sanktionen bis hin zu Punktabzügen und Sperren hinzuweisen. In den sogenannten Anmerkungen zur Veranstaltung (Event Notes), einem routinemäßig verschickten Dokument, hob der Australier mehrere Artikel des Fia-Sportkodex hervor, die bei unsportlichem Verhalten zum Tragen kommen.

Titelentscheidung durch Kollision? „Als Fahrer denkst du darüber nicht nach. Die Medien lancieren diese Themen“, sagte Verstappen am Donnerstag. Was spricht für ihn? So komisch es zunächst klingen mag, von seiner Fahrweise her, hat er praktisch nichts zu verlieren. Er attackiert, fährt aggressiv. Hält er sich an die Regeln, hat er nichts zu befürchten. Überreizt er, beschert Verstappen womöglich allen einen langen Abend mit einer Entscheidung am Grünen Tisch. Verstappen hat mehr Siege in dieser Saison geschafft (9) als Hamilton (8). Sportlich und fahrerisch ist Verstappen für Hamilton ein Gegner auf Augenhöhe. Einer, der dem Briten alles abverlangt.

Hamilton interpretiert seine Vorbildrolle über die Formel 1 hinaus

Verstappen kam als Teenager in die Formel 1, schon damals mangelte es dem Niederländer nicht an Entschlossenheit und Selbstvertrauen. Verstappen wurde aber auch oft Opfer seines ungezügelten Temperaments in Kombination mit seinem Ehrgeiz. Ein Rowdy auf dem Asphalt. Und auch daneben: Noch 2018 in Brasilien rastete Verstappen aus, nachdem ihn Esteban Ocon um den Sieg durch einen Unfall gebracht hatte. Er wütete und schubste den Franzosen. Die Strafe: Verstappen musste Sozialstunden ableisten. Er ist allerdings auch gereift. Voriges Jahr gewann er in Abu Dhabi.

Was spricht für Lewis Hamilton? Er ist Titelroutinier und Superstar. Seit 2013 fährt er für Mercedes. Jede Jahr verbesserte er sich. Der Wille, der Ehrgeiz, die Leidenschaft – alles ungebrochen. Als er am Donnerstag gefragt wurde, ob er sich sicher sei, dass es Verstappen nicht auf einen Crash anlege, überlegte er drei, vier Sekunden, bevor er sagte: „Ich gebe dem keine Energie. Jeder will auf die richtige Weise gewinnen.“

Hamilton betont, er habe das, was Verstappen gerade durchmacht, schon so oft erlebt. 2007 in seinem Premierenjahr mit einem schlechten Ende. 2008 mit einem guten Ende und dem ersten WM-Triumph. Seit anderthalb Jahrzehnten fährt Hamilton in der Formel 1. Seine Bilanz verschiebt die Wahrnehmung des bis dahin für möglich gehaltenen. Aus dem einst auch mal liebeskranken Piloten mit großen Leistungsschwankungen wurde ein Wortführer im Kampf um Menschenrechte und gegen Rassismus. Hamilton interpretiert seine Vorbildrolle weit über das Steuern eines weiterhin schwarz lackierten Silberpfeils hinaus.

Lewis Hamilton kann auf Knopfdruck liefern

Das Ungestüme eines Verstappen hat Hamilton längst abgelegt. Er bleibt cool im Cockpit. In einem Rennen, wie das bevorstehende, ein großer Pluspunkt. Hamilton kann zudem auf Knopfdruck liefern. Das Team hat er zusammen mit Toto Wolff, dem Mercedes-Motorsportchef zu dem gemacht, was es jetzt ist. Er ist umso motivierter und entschlossener, wenn es nicht so läuft.

Einst auch mal schlecht gelaunt nach Niederlagen, ist Hamilton zum Motivator geworden, der 2014 in Abu Dhabi seinen ersten Titel für Mercedes perfekt gemacht hatte, zwei Jahre später dort aber miterleben musste, wie Rosberg jubeln durfte. Diesmal kann ihm sein Teamkollege helfen. Valtteri Bottas kam 2017 für den zurückgetretenen Rosberg, er wird zum letzten Mal am Steuer des Formel-1-Mercedes sitzen. Und kann zum wichtigen WM-Faktor werden, wenn er Verstappen auf Distanz zu Hamilton hält.