Sie sind sich ganz nah. Nur rund drei Kilometer trennen die Geschäftsstellen des BFC Dynamo Berlin und des SV Lichtenberg 47. „Luftlinie sind das ein paar Sekunden“, sagt BFC-Kapitän Björn Brunnemann. Gleichzeitig sind sie sich aber auch ganz schön fern. Hier der Verein mit einer riesigen Anhängerschar, der polarisiert und sich zu deutlich höheren Weihen bestimmt sieht. Dort der Klub, der zum Sonntagsausflug taugt, den bislang aber nur Kenner und Fans wahrgenommen haben. Der sich aber auch in der besten Schaffenszeit seit der Wiedervereinigung wähnt. „Wir sind schon sehr unterschiedlich“, sagt Lichtenbergs Geschäftsführer Henry Berthy.

Am Mittwochabend kommt es zum Nachbarschaftsstreit unter sportlichen Rahmenbedingungen. Im Finale des Berliner Landespokals (19 Uhr, Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark) geht es um die Krönung der besten Amateurmannschaft in der Hauptstadt. Und um die Zukunft. Denn der Sieger darf kommende Saison in der ersten Runde des DFB-Pokals antreten.

Für die Lichtenberger wäre das eine Premiere und der Höhepunkt einer bislang schmucklosen Nachwende-Ära. Mal stieg man ab, mal stieg man auf, immer im Radius zwischen Landes- und Oberliga. „Schon die Finalteilnahme ist der größte sportliche Erfolg“, sagt Berthy. „Es ist ein Sahnehäubchen auf das, was der Verein in dieser Saison erreicht hat.“

Diese kleine Erfolgsgeschichte beginnt im Sommer 2012. Nach sieben Jahren Stagnation in der Berlin-Liga gelang endlich wieder der Aufstieg in die fünftklassige Oberliga. Statt SC Gatow oder Adlershofer BC warteten jetzt Gegner wie RB Leipzig oder eben Finalgegner BFC Dynamo.

Und man schlug sich hier tapfer. In der Abschlusstabelle findet sich der Verein auf einem überraschenden siebten Platz. Die Spielphilosophie, die Daniel Volbert predigt, klingt weniger nach Hexenwerk: Strukturierter Spielaufbau und ein Höchstmaß an eigenem Ballbesitz. Erstaunlich ist hingegen, dass die junge Mannschaft mit einem Altersdurchschnitt um die 20 Jahre, die Vorgaben derart umsetzen konnte. Das zeigte sich auch, als sich die Mannschaft zum Berliner Hallenmeister kombinierte.

100.000 Euro spielt Teilnahme ein

Mit den 100.000 Euro, die eine Teilnahme im DFB-Pokal einspielen würde, soll dieses zarte Pflänzchen gestärkt werden. „Mit dem Geld hätten wir den Etat von einem Jahr gedeckt“, sagt Berthy. „Wir könnten unseren Weg fortsetzen.“ Auch in Sachen Schmuckkästchen. Die Howoge-Arena „Hans Zoschke“ ist ein reines Fußballstadion und das erste in Berlin, das den Titel eines Sponsoren trägt. Mit einer Flutlichtanlage und einer überdachten Tribüne wird es hier noch festlicher.

Im Gegensatz dazu wirkt der BFC schon wie ein Krösus. Vorstandsmitglied und Schatzmeister Sven Radicke kann mit dem etwa sechsfachen Betrag hantieren. Kein Wunder, dass der dritte Platz nicht dem eigenen Sendungsbewusstsein entspricht. „Die Saison ist nicht optimal gelaufen.“ Vor allem in der Rückrunde. „Die Verletzungsmisere und die Spielunterbrechungen im Winter haben uns irgendwie rausgebracht.“

Der Pokalsieg wäre immerhin ein versöhnliches Ende dieser Spielzeit und zugleich ein wichtiges Signal für die Erfüllung des Zweijahresplans. In diesem Jahr wäre der Aufstieg ohnehin nur zufälliges Beiwerk gewesen. Die vielen Zugänge wie Brunnemann oder der ehemalige Bundesliga-Profi Nico Patschinski, der wegen einer Knieverletzung heute ausfällt, sollten sich finden. Als eingespieltes Team, das er als das charakterstärkste seit Jahren bezeichnet, soll dann im nächsten Jahr der ersehnte Aufstieg in die Regionalliga gelingen. „Wir planen das fest ein“, sagt Radicke.

Ebenso die erste Runde im DFB-Pokal. Natürlich aus finanziellen Gründen. Auch der BFC kann dieses Geld gut gebrauchen. Vor allem aber, um die Imagepflege voranzutreiben. Vor zwei Jahren hatte das alte Gesicht seine hässlichste Seite gezeigt. In der ersten Runde des Pokals gegen den 1. FC Kaiserslautern wütete der Mob. Stühle wurden aus der Verankerung gerissen, Familien attackiert.

Radicke sagt: „Da wurde die Arbeit von vielen Jahren ruiniert.“ Hart habe man arbeiten müssen, um Sponsoren und so manchen Zuschauer wieder für die Sache zu begeistern. Ein Pokalspiel wäre also der richtige Rahmen, um ein gutes Zwischenzeugnis abzulegen. Das wäre auch hilfreich, um den Mief des Mielke-Klubs, wofür viele den Verein immer noch in erster Linie halten, abzulegen.

Lichtenbergs Geschäftsführer Berthy hält das ewige Aufwirbeln des Stasi-Vergangenheitsstaubs beim BFC auch für überholt. Ganz ungelegen kommt es ihm aber nicht. Denn so lässt sich das Bild des eigenen Klubs schön abheben. „Wir waren eine kleine Nische.“ Auf den ersten Blick mag es widersprüchlich klingen, dass der SV Lichtenberg ein Gegenmodell zum großen BFC war: Immerhin liegt das Stadion in der Normannenstraße, also genau dort, von wo aus die Staatssicherheit ihre Arbeit koordinierte.

Das nahmen ein paar BFC-Anhänger Anfang des Jahres als Anlass, mit einem provokativen Slogan für das Oberliga-Spiel zu werben. „Diesen Weg musste schon Erich machen“, hatten sie auf das Plakat gepinselt. Berthy möchte das nicht kommentieren. Zum Verhältnis der beiden Klubs sagt er nur: „Wir wurden früher nicht wirklich ernst genommen, deshalb hat man hat uns toleriert.“

Heute ist das Verhältnis ein anderes. „Wir arbeiten kameradschaftlich gut zusammen“, sagt Berthy. Das gilt für die Arbeit im Bezirk. Und auch bei der Jugend- und Nachwuchsförderung sind die Ansätze ähnlich. Vor einer Woche erst hat der SV Lichtenberg vom Berliner Fußballverband das Gütesiegel für gute Vereinsarbeit erhalten. Der BFC erhält regelmäßig Lob für das Kita-Projekt, das schon die Kleinsten für den Sport begeistern soll. Man ist sich also nicht nur geografisch inzwischen ziemlich nah.